EM 2016: Ist Fußball-Patriotismus gleich Nationalismus? EM 2016: Warum der Fußball-Patriotismus nicht harmlos ist

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Sprecherin Grüne Jugend Berlin

Expertise:

Emma Sammet studiert Rechtswissenschaften. Sie ist Sprecherin der Grünen Jugend Berlin.

Der Fußball-Patriotimus während der EM ist nicht harmlos, schreibt die Sprecherin der Grünen Jugend Berlin, im Gegenteil. Er funktioniert über Ausgrenzung und Anfeindung und ist deshalb gefährlich.

Alle zwei Jahre finden die Welt- oder Europameisterschaften im Männerfußball statt und der öffentliche Raum verwandelt sich in eine einzige schwarz-rot-goldene Fanmeile. In den Kneipen, auf Autos und Balkonen dominieren diese drei Farben, und selbst beim alltäglichen Einkauf werden wir von "Deutschland-Wasser" oder der "Deutschland-Klobürste" begrüßt. Auch ich bin fußballbegeistert und gucke viele Spiele, habe jahrelang zum Frühstück nur den Sportteil gelesen und habe, seitdem ich sieben Jahre alt war, ein Trikot von Miroslav Klose. Doch egal ob fußballbegeistert oder nicht: Einer Auseinandersetzung mit der EM können wir ebenso schwer entgehen wie den Tausenden Nationalfahnen.

Seit Jahren werden die EMs und WMs begleitet von einer - tatsächlich meist auch von der Grünen Jugend angestoßenen - Debatte um Nationalismus und Patriotismus . Die Ansichten dazu wurden oft wiederholt: Die meisten Politiker*innen begrüßen die schwarz-rot-goldenen Fahnenmeere als unverkrampften, harmlosen Party-Patriotismus und Begeisterung für das DFB-Team. Auf der anderen Seite macht die Grüne Jugend auf die Gefahren ebendieses Patriotismus aufmerksam.

Angesichts Hunderter Brandanschläge auf Unterkünfte für Geflüchtete, angesichts von Skepsis gegenüber der EU und der Mobilisierung von Teilen der Gesellschaft durch die AfD - einer Partei, die klar völkisches und rassistisches sowie sexistisches, homo- und transfeindliches Gedankengut vertritt und in die Parlamente trägt - ist klar: Die Diskussion ist brisant.

Bei der Begeisterung für die Nationalmannschaft geht es nicht nur um das DFB-Team, sondern häufig auch um Nationalstolz.

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Bei der derzeitigen kollektiven Begeisterung geht es eben nicht nur um das DFB-Team. Die Motive von Fans, zu jubeln, mögen vielseitig sein, doch häufig gehört dazu auch Vaterlandsliebe und Nationalstolz. Es geht auch um Deutschland, um die Nation. Viele andere Gründe gehen im Fahnenmeer unter. Durch das Wedeln mit der Deutschlandfahne wird nationale Zugehörigkeit demonstriert. Denn wenn es nur um irgendeine Mannschaft ginge, warum werden dann nicht einfach die DFB-Fahne oder eine Regenbogenfahne geschwenkt? Es geht darum, ob „wir“ gewinnen, „wir“ wurden 2014 Weltmeister und es gilt, das „eigene Team“ anzufeuern. Direkt beim ersten Europameisterschaftsspiel der DFB-Mannschaft gegen die Ukraine wurde beispielsweise kommentiert, es sei "eine nationale Aufgabe“, hier eine gute Partie zu spielen.

In Zeiten von EM und WM werden bestimmte Gruppen verstärkt angefeindet, die Zahl rechter Gewalttaten steigt.

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Einher mit der Bildung dieser einen Gruppe geht immer die Ausgrenzung anderer. Denn erst im Kampf gegen die "Anderen" wird die eigene Gruppe definiert und zusammengeschweißt. Das ist vielleicht ein gutes Gefühl für diejenigen, die dazugehören – aber es verletzt und wertet diejenigen ab, die ausgeschlossen werden. Außen vor bleiben insbesondere Migrant*innen, People of Color und andere Menschen, die nicht als Teil des Kollektivs betrachtet werden - unabhängig davon, ob sie die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen oder nicht.Auch im Fußball generell, aber verstärkt zu Zeiten von EM und WM werden bestimmte Gruppen angefeindet. Die Anzahl rechter Gewalttaten steigt. Bereits vor dem ersten EM-Spiel der DFB-Elf lieferten sich deutsche Hooligans in Lille Kämpfe, es wurden Hitlergrüße und nationalistische Symbole gezeigt. Bei der Männerfußball-WM 2014 erreichte der ungebremste partypatriotistische Freudentaumel viele rassistische Höhepunkte - wie der sogenannte Gaucho-Tanz oder die Kommentarspalten und Twitterfeeds während des Spiels der DFB-Elf gegen die Mannschaft aus Ghana. Mit Autokorsos, Sachbeschädigungen oder Pöbeleien gegen die Uninteressierten oder Unterstützer*innen anderer Teams wird die Identifikationen mit dem einen Team vorangetrieben und eine aggressive, unberechenbare Grundstimmung geschaffen. Die Betonung von integrativen Momenten ist dabei eine Illusion. Allein die Betonung, dass auch „andere“ für das „eigene Team“ jubeln, grenzt diese aus dem ursprünglichen „Wir“ aus und schafft - wenn überhaupt – Akzeptanz nur für eine kurze Zeit. Es werden keine Ressentiments aufgelöst oder alltägliche Mikroaggressionen abgebaut. Vielmehr findet das Lob nur innerhalb eines Machtgefüges statt.

Politik lebt von Wiederholungen, die Gesellschaft ebenso und auch oft von Nachahmung. Viele der Deutschland-Fahnen, die 2006 das erste Mal wieder aus dem Fenster gehängt wurden, werden auf rechten Demos wie selbstverständlich mitgetragen. Die Fanmeile steht in Sachen Schwarz-Rot-Gold keiner Pegida- oder anderen rechten Demo nach. Gerade die Forderung nach mehr Patriot*innen wie insbesondere von Seiten der CDU verwundert daher: Laufen nicht schon genug davon rum? Erleben wir nicht gerade in Deutschland an der steigen Zahl rechter Gewalttaten, an der rassistischen Asylrechtspolitik, was es bedeutet, wenn Patriot*innen auf die Straße gehen und ihren Forderungen auch mit Gewalt Nachdruck verleihen?Angesichts der Gefahren, die von diesen selbsternannten Patriot*innen für eine offene Gesellschaft ausgehen, ist es wichtig, auf das Gefahrenpotenzial nationaler Gemeinschaftsgefühle hinzuweisen.Und auch die Reaktionen auf die von der Grünen Jugend angestoßenen Debatte erreichen ein neues Ausmaß: Mordaufrufe, Drohungen, Beleidigungen in hundertfacher Anzahl. In der Masse aufzugehen war im Internet noch nie so leicht und führt zu neuen Dimensionen der Hate Speech - zu Hassbotschaften, die zeigen, wie wichtig doch eine kritische Auseinandersetzung mit Nationalfahnen wäre!

Wir müssen gegen Patriotismus aufstehen - schon im Ansatz.

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Allein dass diese Auseinandersetzung nun geführt wird, ist schon ein wichtiger Punkt der Debatte. Nun noch zu kritischer Reflektion zu kommen, wäre ein weiterer. Wir als Grüne Jugend Berlin stehen dabei bei denen, die sich angesichts von nationalistisch-geprägten Fanmeilen unwohl fühlen, die Sorge haben vor dem Mobilisierungspotenzial von Patriot*innen. Wir stehen auf gegen Patriotismus und zwar schon im Ansatz.

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EM 2016: Patriotismus = Nationalismus?

Dieser Text ist Teil einer Debatte auf Tagesspiegel Causa, dem Debattenmagazin des Tagesspiegels. Emma Sammet, Sprecherin der Grünen Jugend Berlin sagt: "Lasst die Fahnen zu Hause". Die CSU-Staatssekretärin Dorothee Bär hingegen meint: "Die Fahnendebatte ist rituelles Party-Crasher-Theater." Und der Soziologe Ulrich Wagner sagt: "Deutschland ist noch nicht reif für den Partypatriotismus."

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