Wider die Verdammung von Helpling & Co. Dienstleistungen sind kein Luxus für Wenige

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Gründer und Geschäftsführer von Helpling.de

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Benedikt Franke ist Gründer und Geschäftsführer von Helpling, einer Firma, die via Internet Putzkräfte vermittelt. Er verantwortet die Bereiche Marketing, Finance und Human Resources.Zuvor war er COO für MyCityDeals und Head of HR für Rocket Internet. Nach seinem Abschluss an der Universität Bayreuth und der ESCP London arbeitete er als Associate bei der Boston Consulting Group.

Die Dienstleister von heute sind keine Diener, es sind mündige Bürger, die sich für bestimmte Tätigkeiten entscheiden. Das wahre Problem der Branche ist nicht soziologischer, sondern ökonomischer Art. Es lautet: Schattenwirtschaft.

Herr Bartmann greift mit seinem Buch das wichtige Thema auf, wie wir unser Leben mit der Unterstützung und Hilfe anderer Menschen meistern. Helpling vermittelt jeden Monat hunderttausende Stunden haushaltsnaher Dienstleistungen an zehntausende Dienstleister. Wenn Bartmann über die Servicegesellschaft spricht, sind wir als Akteur auf diesem Feld unmittelbar angesprochen. Wir teilen seine Einschätzung, dass der Wunsch nach Hilfe im Haushalt, bei der Betreuung und in der Pflege aufgrund steigender Erwerbstätigkeit von Frauen und einer älter werdenden Gesellschaft in Zukunft weiter wachsen wird. Daher möchte ich seiner Forderung nach einem Rückzug ins Häusliche und einer kategorischen Verdammung von Dienstleistungen vehement widersprechen.

Wir schaffen eine neues Selbstverständnis bei den Dienstleistern

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Zu Plattformen wie Helpling hat Bartmann ein ambivalentes Verhältnis. Einerseits kritisiert er, dass wir zu einer gesteigerten Nutzung von Dienstleistungen beitragen: Nie waren Dienstleistungen einfacher zugänglich als über unsere Plattformen. Andererseits erkennt Bartmann an, dass Plattformen Treiber von Transparenz, Legalität und selbstbestimmter Tätigkeit sind. Es ist Teil unseres Geschäftsmodells, einen in weiten Teilen dysfunktionalen Markt mit Hilfe von Technologie zu professionalisieren und nachhaltig ein neues Selbstverständnis der Dienstleister zu schaffen. Aus einer Position der Stärke und ohne die Abhängigkeit von einzelnen Kunden können Dienstleister selbstbestimmt ihrer Tätigkeit nachgehen. Die Nebenkosten legaler Tätigkeit, wie z. B. die Rechnungsstellung, werden durch unsere Plattform praktisch eliminiert.

Das "arme Bürgertum" und auch die Dienstleister - alle unmündig? Das sehe ich anders

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Worauf basiert Hartmanns Resignation, Dienstleistungen seien per se unmoralisch und nicht regulierbar? Diese fatalistische Haltung erscheint umso widersprüchlicher, je mehr die von Bartmann selbst angeführten Beobachtungen und Erkenntnisse in Betracht gezogen werden - zum Beispiel, wenn er von selbstständigen Haushaltshilfen als „hochflexiblen, vielseitig geschulten und wirtschaftliche denkenden“ Kleinstunternehmern spricht.

Bartmanns Perspektive ist von einem von den äußeren Umständen determiniertem Menschenbild geprägt, als seien wir Bürger nur ein Spielball unserer eigenen Gesellschaft und der herrschenden Umstände. Das „arme Bürgertum“, das seine Felle davonschwimmen sieht und sich daher gezwungenermaßen in Abhängigkeit Dritter begibt, ist bei ihm ebenso unmündig wie der Dienstleister, dessen Arbeit er wegen vermeintlich mangelnder Professionalität den Wert abspricht. Dem setze ich ein Menschenbild des mündigen Bürgers entgegen, der in der Lage ist, in seinem Handlungsraum die für ihn beste Wahl zu treffen. Kriterium eines moralischen Urteils muss sein, wie attraktiv der Handlungsraum und wie frei die individuellen Entscheidungen sind.

Die Dienstleistung von heute ist kein Luxus für Wenige

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Bei dieser Bewertung greife ich nicht wie Bartmann auf eine Betrachtung der historischen Rolle der Hausfrau oder die Darstellung des Dienstpersonals in Literatur und Film zurück, sondern auf meine Erfahrung seit unserer Gründung von Helpling. Nach mehreren Millionen Stunden vermittelter Dienstleistungen verfügen wir über die Erfahrung, weshalb und wie Dienstleistungen angeboten und in Anspruch genommen werden. Es handelt sich nämlich nicht um einen Luxus für Wenige: Pflege wird für jeden Bürger relevant, auch Reinigung und Betreuung sind keinesfalls nur etwas für eine privilegierte Minderheit. Aus einer von Helpling in Auftrag gegebenen Forsa-Umfrage wissen wir, dass sich fast die Hälfte der Deutschen vorstellen kann, Hilfe im Haushalt zu nutzen.

Hauptkunden bei Helpling sind berufstätige Frauen und Familien mit Kindern

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Bei Helpling repräsentieren berufstätige Frauen und Familien mit Kindern die größte Kundengruppe. Die Entscheidung, wie Hausarbeit und Erwerbsarbeit innerhalb und außerhalb der Familie aufgeteilt werden, unterliegt keinem Zwang, sondern resultiert aus der individuellen Abwägung von Prioritäten. Hartmann sagt im Widerspruch zu seiner finalen Verdammung von Dienstleistungen an anderer Stelle selbst: „Keine Dienstleistungen sind für diese Menschen auch keine Lösung“. Sofern wir akzeptieren, dass Dienstleistungen demzufolge keine Bedrohung per se darstellen „vor der wir geschützt werden müssen“, lautet die entscheidende Frage: Wie gestalten wir die Rahmenbedingungen der Erbringung von Dienstleistungen so, dass diese unseren moralischen Ansprüchen genügen? Wie Bartmann selbst anführt, müssen „faire Behandlung und eine Abschaffung des Dienstleistungsproletariats“ das Ziel sein. Daraus leiten wir im Folgenden drei Forderungen ab.

Das eigentliche Problem ist die Schattenwirtschaft

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1. Legalität wettbewerbsfähig gestalten

Man kann Bartmann nur zustimmen, wenn er die Ausnutzung von illegalen Einwanderern anprangert oder das mangelnde Rechtsverhältnis kritisiert. Jedoch ist das kein Problem von Dienstleistungen per se, sondern eins der Schattenwirtschaft. Schließlich betrifft es den Erntehelfer in Kalifornien ebenso wie die Haushaltshilfe in New York. Rechtlosigkeit führt zwangsweise zu einem asymmetrischen Machtverhältnis. Legalität und Transparenz sind Voraussetzung symmetrischer Beziehungen und damit Bedingung freier Entscheidungen. Deshalb sind alle Maßnahmen der Politik auch daran zu messen, inwieweit sie Schwarzarbeit fördern oder eindämmen. Ein Vorschlag zum Mindesthonorar für selbstständige Dienstleister etwa mag auf einer Parteiveranstaltung gut ankommen und wäre in vielen Fällen auch wünschenswert, führt im Zweifelsfall aber nur zu einer Förderung der Schattenwirtschaft, da der „politische“ Preis nicht konkurrenzfähig ist. Auch eine Umsatzsteuerpflicht ab 17.500 Euro Jahresumsatz bedeutet de facto eine Strafsteuer von 20 Prozent auf legale Tätigkeit. Die Politik ist sich der Tragweite der falschen Anreize bewusst, doch fehlt in weiten Teilen der Gestaltungswille, dieses Thema anzugehen. Die deutsche Politik muss sich fragen lassen, ob sie unwillig oder unfähig ist.

Selbständige mit geringem Einkommen müssen bei Sozialbeiträgen entlastet werden

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2. Zugang zu sozialer Sicherung zu angemessenen Kosten ermöglichen

Bartmann verweist zurecht auf die prekäre Situation vieler Dienstleister. Diese ist kein Alleinstellungsmerkmal des Dienstleistungssektors, sondern ein grundsätzliches gesellschaftliches Problem geringer Einkommen. Hier stellt sich die Frage nach der Lastenverteilung in der Gesellschaft. In Deutschland betrifft dies besonders die mehr als drei Millionen selbstständig Erwerbstätigen mit geringen Einkommen – ob Reinigungskräfte, freie Redakteure oder Kioskbesitzer. Während sich Ärzte oder Anwälte in berufsständischen Versorgungswerken mit „besseren“ Risiken aus dem solidarischen System ausklinken, werden Selbstständige mit geringen Einkommen im Vergleich zu abhängig Beschäftigten faktisch diskriminiert.

Legale Beschäftigung geht mit Einbußen und Mehrausgaben einher. Das ist schlecht.

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Eine Studie des wissenschaftlichen Instituts der Ortskrankenkassen (WIdO) hat ergeben, dass insbesondere Selbstständige mit geringen Einkommen bis zu 50 Prozent ihrer Einkünfte für die Krankenversicherung aufbringen müssen. Legale Beschäftigung geht mit dem Verzicht auf mögliche Transferleistungen und einer Versicherungspflicht einher, die schlechthin als unsolidarisch bezeichnet werden muss. Erst wenn die Kosten sozialer Sicherung mit der Leistungsfähigkeit des einzelnen vereinbar sind, werden wir ein System als „fair“ bezeichnen können. Diese Kosten stellen nach unserer Erfahrung aus Gesprächen mit mehr als 10.000 Reinigungskräften in Deutschland die größte Hürde für legale Tätigkeit dar. Wenn jetzt eine Rentenversicherungspflicht für Selbstständige in bestimmten politischen Kreisen diskutiert wird, führt dies zum gegenteiligen Effekt. Selbstständige mit geringen Einkommen werden Beiträge zahlen, aber weiterhin nur die Grundsicherung im Alter erhalten. Anstelle solch kontraproduktiver Einzelvorhaben bedarf es einer grundlegenden Neugestaltung unserer sozialen Sicherung.

Haushaltsnahe Dienstleistungen müssen aufgewertet werden

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3. Gesellschaftliche Anerkennung von Dienstleistungsarbeit

Gleichzeitig wird neben unserem Anspruch, faire Systeme zu gestalten, von anderer Seite Handlungsdruck erzeugt. Bartmann selbst prognostiziert eine Verschiebung der Macht durch einen Rückgang des Arbeitsangebotes durch abnehmende Migration und die Präferenz für höherqualifizierte Tätigkeiten. Wenn wir auch in Zukunft Menschen dafür gewinnen möchten, in unserer arbeitsteiligen Gesellschaft diese fundamentalen Aufgaben zu übernehmen, besteht gewaltiger Handlungsbedarf zur Aufwertung von Tätigkeiten im Bereich haushaltsnaher Dienstleistung, Betreuung und Pflege. Hartmann behauptet, „es gibt keine Putzprofis“. Das sehen wir anders. Die Menschen, die wir vermitteln, haben einen professionellen Anspruch und sind sich ihres Wertes durchaus bewusst - ebenso gilt dies für ihre Kunden. Wenn wir von Anerkennung sprechen, ist neben Respekt für die Tätigkeit zunächst vor allem die Anerkennung im wörtlichen Sinne gemeint: zu erkennen, dass es viele Menschen gibt, die heutzutage größtenteils im Schatten bzw. der Schattenwirtschaft tätig sind. Wir sind aufgefordert, sie in das Licht der Gesellschaft zurückzuholen und nicht länger aus Bequemlichkeit den Status Quo der Schattenwirtschaft zu akzeptieren. 

Beispiel Frankreich: Das Land ist vorbildlich, was Legalisierung von Haushaltshilfen angeht

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In Frankreich lautet die Bezeichnung für Haushaltshilfe, Betreuung und Pflege „Services à la Personne“, zu deutsch „Dienst am Menschen“. Darin kommen Respekt und Anerkennung zum Ausdruck. Folgerichtig ist Frankreich führend in Europa bei der Legalisierung und Professionalisierung dieser Tätigkeiten, die mit der solidarischen Teilhabe an sozialer Sicherung verbunden ist. Der Schwarzmarkt ist zum einen - Dank der Subvention von 50 Prozent der Kosten legaler Angebote über das Steuersystem - preislich nicht konkurrenzfähig. Zudem haben selbstständige Dienstleister Zugang zu sozialer Sicherung und das zu erschwinglichen Kosten. Legale Erwerbstätigkeit erwirtschaftet damit auch eine Rendite für unsere Sozialsysteme. Unser Appell gilt der Politik, endlich aus dem Dornröschenschlaf zu erwachen und einen milliardenschweren Markt, der heute zu fast 90 Prozent ein Schwarzmarkt ist, so zu gestalten, dass er mit unserer Vorstellung eines funktionierenden und legalen Marktes zum nachhaltigen Vorteil aller Beteiligten vereinbar ist. Frankreich kann hier als strahlendes Vorbild dienen.

Keine Dienstleistungen sind keine Lösung

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In Berlin wurde durch Frau Senatorin Kolat, zuständig für Arbeit, Integration und Frauen, der Arbeitskreis Faire Arbeit in der Crowd – Arbeit 4.0 ins Leben gerufen. Helpling sitzt hier gemeinsam mit Politik und Gewerkschaften an einem Tisch, um gemeinsame Lösungsansätze zu formulieren. Keine Dienstleistungen sind keine Lösung. Dienstleistungen von mündigen Bürgern für mündige Bürger unter den richtigen Rahmenbedingungen sind die Lösung.

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