Dienstleistungsgesellschaft und Plattformökonomie Die Diener sind zurück

Bild von Christoph Bartmann
Direktor Goethe-Institut New York

Expertise:

Christoph Bartmann, geboren 1955, studierte Germanistik und Geschichte. Seit 2011 leitet er das Goethe-Institut in New York, ab 2016 wird er Direktor des Goethe-Instituts in Warschau.

Die Diener sind zurück, stellt Christoph Bartmann in seinem neuen Buch fest und erklärt, wie die Mittelschicht mit Hilfe digitaler Plattformen eine neue Dienerklasse schafft - und sich dabei selbst zum Knecht macht.

Wer bitte "hält sich" heute noch Personal, genauer Hauspersonal, abgesehen von den Superreichen und ihrem postmodernen Gesinde, den privaten Köchen und Gärtnern, persönlichen Trainern und Assistenten? Wir, die Mittelschicht, jedenfalls nicht und wenn doch, dann nicht aus Standesdünkel und Bequemlichkeit, sondern aus viel dringlicheren Gründen. Das häusliche Dienertum, so wollen wir gern glauben, gehört einer vergangenen Weltepoche an, von der uns vielleicht noch unsere Großeltern erzählen konnten, aber unsere Eltern schon nicht mehr. Während wir die Frage nach unseren eigenen Serviceverhältnissen gern ausblenden, freuen wir uns an populären Fernsehserien, die uns die alte Diener- und Herrenwelt als formvollendetes Idyll vor Augen führen. Solche Serien bedienen unsere Sehnsucht nach stilvoller Häuslichkeit, noch mehr aber spiegeln sie einen aktuellen gesellschaftlichen Befund. Die Diener sind wieder da, nicht mehr als Butler und Kammerzofe, sondern in ganz neuer Gestalt. (…)

Das heutige Bürgertum "hält sich" wieder Diener - wenn auch in anderer Gestalt.

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Eine ganze Weile wohnen wir nun schon auf Manhattans Upper West Side, in einem Apartmenthaus am Broadway, das Komfort oder sogar Luxus verspricht, wie tausende andere Häuser in dieser Stadt auch. (…) Am frühen Morgen versammeln sich im Eingangsbereich schon die häuslichen Helferinnen, die Kinder- und Zugehfrauen, Reinigungs- und Pflegekräfte, um dann bald mit der Arbeit anzufangen. Es sind keine Dienstmädchen in einem traditionellen Sinn, sondern häusliche Servicekräfte eines neuen Typs. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen am Eingang, dauernd bringen Kuriere und Boten Lieferungen ins Haus, Amazon-Pakete, Wäsche aus der Reinigung, Plastiktaschen mit bestelltem Essen und Kartons mit Lebensmitteln. Die weiblichen Servicekräfte arbeiten meistens im Haus, die Männer bringen die Sachen ins Haus. (…)  Ist der Mittelstand in dieser Stadt bequemer, vielleicht auch nur hilfsbedürftiger als andernorts?

(…) Was vor 100 Jahren das proletarische weiße Dienstpersonal in einem aristokratischen oder zunehmend gutbürgerlichen (Herren-)Haus war, und was für einige Jahrzehnte danach fast verschwunden schien, kehrt seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts in neuer Gestalt, in Gestalt der dienstleistenden Migrantin, wieder. Wo immer im Einzelnen die Gründe für die weltweite Wiederkehr der Hausarbeiterin liegen, sie deutet auf eine neue Quelle der Ungleichheit und Asymmetrie in einer Gesellschaft, die ansonsten immerfort "Hierarchien abbauen" und gesellschaftliche Teilhabe befördern will – um hier von den Gesellschaften zu schweigen, in denen hierarchische, autoritäre Prinzipien ohnehin nicht in Frage gestellt werden.

Die neue Dienerschaft entsteht auch durch die Plattformökonomie, das Makeln von Dienstleistungen im Internet.

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(…) Eine erfinderische digitale Ökonomie will uns alles, was in ihren Augen keine kreative Qualitätszeit ist, vom Halse halten, indem sie es an neuartige Heinzelmännchen delegiert. Häusliche Dienstleistungen werden zunehmend auf digitalen Plattformen gemakelt. Auf Subway-Fahrten bleibt mein Blick immer wieder an der Werbung für Seamless hängen. Seamless hat in den USA den Milliardenmarkt der gastronomischen Lieferdienste revolutioniert. Vor langer Zeit wurde in New York wahrscheinlich tatsächlich noch am heimischen Herd gekocht. Dann ereignete sich die erste Revolution: Man rief im Restaurant an und bestellte sich das Essen nach Hause. Das ist, belehrt uns die Seamless-Reklame, inzwischen alte Schule. Heute bestellt man von unterwegs über die App und bezahlt auch gleich das Essen, Trinkgeld inklusive, wobei Seamless von den beteiligten Restaurants (nur sehr teure oder sehr billige Restaurants können oder wollen sich die Zusammenarbeit nicht leisten) im Durchschnitt 13,5 Prozent Provision einstreicht. Seamless zählt zu jenen neuen digitalen Service-Plattformen, von denen der Fahrdienst Uber die bekannteste und berüchtigtste ist und die das Dienstleistungswesen, wie wir es kannten, auf eine völlig neue Basis stellen. „Plattform“ ist das Wort der Stunde, so wie vor einiger Zeit noch „Netzwerk“. (...)

Man kann versuchen, sich der Allgegenwart der Dienstwelt zu entziehen, aber der Preis ist hoch. Alles selber machen ist eine Alternative nur für Leute, die das Selbermachen als Lebensform kultivieren, womit dann wenig Zeit für anderes bleibt. Solche Radikalversionen des einfachen Lebens sind in der sich entfaltenden Wissensgesellschaft schwer umzusetzen. Wir sind in einem ganz neuen Maße hilfsbedürftig geworden und werden zugleich überflutet mit Angeboten von (bezahlter) Hilfsbereitschaft. (...)

Das neue Dienstleistungswesen ist, besonders seit der Krise von 2008, geprägt von Verarmung und Flexibilisierung.

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Das neue Dienstleistungswesen dieser Jahrzehnte ist, mit steigender Tendenz seit der großen Krise von 2008, geprägt von Verarmung und Flexibilisierung. "Richtige" Jobs, ob im öffentlichen oder privaten Bereich, sind knapp geworden, dafür gibt es immer mehr prekäre Verdienstmöglichkeiten und Verträge, bei denen oft weniger die Beschäftigung vereinbart wird, sondern die "Beschäftigbarkeit" – eine Vereinbarung über eine Beschäftigung "on demand" oder "stand-by". Der durch Migration ebenso wie durch den Rückgang fester Arbeitsverhältnisse in vielen Ländern bestehende Überschuss an jobsuchenden Arbeitskräften, die in der Regel mit dem Lohn direkt ihren Lebensunterhalt finanzieren, da keine Ersparnisse vorhanden sind, macht es für Arbeitgeber relativ einfach, die Arbeitsbedingungen zu diktieren. Man kann die Mitarbeiter "tayloristisch" dauerüberwachen, wie das bei Amazon der Fall ist, oder man kann, wie in der neoliberalen Supermacht Großbritannien, sogenannte "Zero-hours"-Verträge zur Regel machen, Verträge, bei denen Arbeitskräfte je nach Bedarf zwischen null und x Stunden beschäftigt werden (immerhin werden sie beschäftigt, wie Optimisten hinzufügen würden). Das ist die zunehmend schäbige Seite von Beschäftigung, der eine ebenso miserable Welt der Arbeitslosigkeit gegenübersteht. Die neue Serviceunterschicht, biegsam, folgsam und billig, wie es der Arbeitsmarkt verlangt, hat sich in die erbärmliche Lage weithin gefügt und weiß schon mangels klarer Verantwortlichkeits- und Zuständigkeitsverhältnisse nicht, an wen sie ihren Unmut gegebenenfalls adressieren sollte. 

Die neue Dienerschaft führt zu einer Entfremdung der Auftraggeber - von ihrer eigenen häuslichen Sphäre.

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Sind haushaltsnahe Dienstleistungen – für die Kunden und für die Dienstleister selbst – unbedingt problematischer als andere einfache und vielleicht genauso undankbare Dienstleistungen, vielleicht die in der Tankstelle oder an der Kasse im Drogeriemarkt? Belastende, gleichförmige und identitär unergiebige Arbeitsverhältnisse sind so wenig auf die häusliche Sphäre beschränkt wie auf den Dienstleistungssektor insgesamt. Trotzdem ist das fremde Haus ein ganz besonderer Arbeitsplatz, oder, anders herum betrachtet, das eigene Haus die Bühne eines ganz besonderen Dramas. Hier halten uns die Dienstleisterinnen, während sie in unserem Auftrag "unsere Arbeit" tun, nebenbei den Spiegel unserer Bedürftigkeit vor. Ihre Arbeit präsentiert das unschöne Negativ einer Lebensform, die sich zugunsten des vermeintlich Wesentlichen von Lästigem entlasten will und dabei für bezahlte Helfer viel Arbeit übrig lässt.

Problematisch sind solche Dienstleistungsverhältnisse erstens natürlich für diejenigen, die sie erbringen, zweitens aber – im Unterschied zu den Dienstleistungen, die man an der Tankstelle oder an der Drogeriemarktkasse erfährt – für die Kunden selbst. Man erlebt sich in seiner Bedürftigkeit als schwach. Man entfremdet sich von der eigenen häuslichen Sphäre, die man ohne substantielle Eigenleistung nur noch als Konsument erfährt. Man erleidet, gleich ob einem Menschen oder Maschinen zur Hand gehen, eine existentielle Entmächtigung, die durch die Wohltaten der Helfer gar nicht aufgewogen werden kann.

Bekanntlich verschafft sich die Menschheit nicht erst in diesem historischen Moment, sondern seit geraumer Zeit Entlastung durch Arbeitsteilung und technische Erfindungen. Man sieht aber, dass jetzt die Verfügbarkeit von Diensten aller Art derart explodiert, dass sich immer drängender Fragen von sozialer Gerechtigkeit und humaner Selbstbestimmung stellen. Die neue "Concierge"- oder "Büfett"-Ökonomie mit ihren digitalen Plattformen sowie der weiterhin natürlich analogen und realen Arbeit und mit ihren Arbeitskräften, die sich digital für "Gigs" buchen lassen, muss politisch bekämpft werden – nicht zuletzt im Interesse der eigenen Lebenssouveränität. Die Frage, was man sich alles ins Haus kommen oder dort erledigen lassen will, gewinnt vor diesem Hintergrund politische und ethische Brisanz. 

Der Text ist ein Auszug aus Christoph Bartmanns neuem Buch: Die Rückkehr der Diener. Das neue Bürgertum und sein Personal. Es erscheint am 22.08.2016 im Carl Hanser Verlag München.

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