Journalismus muss sachlich bleiben Meinungen bitte nur auf der Meinungsseite!

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Rentner

Expertise:

Walter Bühler ist pensionierter Lehrer.

Eine Stadt. Ein Land. Viele Meinungen. Unter diesem Motto feiern der Tagesspiegel, die Berliner Zeitung und die Bundeszentrale für politische Bildung die Meinungsfreiheit. Diskutieren Sie mit! Ausgewählte Leser*innenkommentare werden veröffentlicht.

Zehn Debatten in zehn Wochen. Diese Woche: Meinungsfreiheit „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen?“ Der pensionierte Lehrer Walter Bühler erwartet von Journalist*innen vor allem sachliche Informationen.

In Demokratien, die sich auf die Erklärung der Menschenrechte gründen, darf jeder Mensch seine Meinung in der Öffentlichkeit frei äußern. Jeder kann von diesem Recht Gebrauch machen. Das geschieht auch - besonders in den sozialen Medien. Allerdings herrscht dort ein so wüstes Tohuwabohu von Meinungen, dass ich mich dort nicht wohlfühle. Nun greifen wir Menschen auf die Hilfe anderer Menschen zurück, wenn wir bestimmte Informationen benötigen, oder wenn wir uns bestimmte Arbeitstechniken aneignen wollen. Manchmal brauchen wir auch eine Beratung, die sich auf die existentiellen und moralischen Grundfragen des Lebens bezieht. Diese Hilfeleistung vollzieht sich tausendfach in Gesprächen unter Freunden oder in der Familie.

In den sozialen Netzwerken herrscht ein so wüstes Durcheinander von Meinungen, dass ich mich dort nicht wohlfühle.

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In diesem Gebiet sind aber auch zunehmend Berufe entstanden. Wer eine Sprache oder eine neue Sportart lernen will, sucht sich einen Lehrer oder Trainer. Wer Orientierungshilfe braucht, kann sich an einen Therapeuten, Berater oder Pfarrer wenden, bei gesundheitlichen Problemen an einen Arzt. Und wer an Informationen und Nachrichten interessiert ist, hofft sie bei Journalisten zu finden.

Eine Zeitung abonniere ich, weil ich von den Journalisten zwei Dienstleistungen erwarte: Sie sollen aus dem Meer von Informationen die wenigen Nachrichten herausfiltern, die wirklich wichtig sind. Diese wichtigen Nachrichten sollen sie so formulieren, dass ich sie verstehen kann. Gleichzeitig sollen sie die Wirklichkeit wahrheitsgemäß abbilden. Als pensionierter Lehrer weiß ich, dass das eine schwere Aufgabe ist. Das Handwerk des Journalisten muss daher wie in anderen Berufen erlernt werden.

Journalist*innen sollen Informationen strukturieren und die Wirklichkeit wahrheitsgemäß abbilden.

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Natürlich genießen Dienstleister wie Pfarrer, Ärzte, Lehrer und Journalisten ebenfalls das Recht auf freie Meinungsäußerung. Bei ihrer professionellen Tätigkeit darf dieses Recht aber nicht im Vordergrund stehen. Sie werden von ihren Klienten nicht für ihre private Meinung bezahlt, sondern dafür, dass sie ihnen in einer bestimmten Sache helfen. Dazu müssen sie sich nüchtern mit der Realität ihrer Klienten beschäftigen. Allzu feste Meinungen sind daher für ihre Arbeit kontraproduktiv.

Zu verfestigte Meinungen sind für die Arbeit von Pfarrer*innen, Ärzt*innen oder Journalist*innen kontraproduktiv.

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Wenn Journalisten in einer Zeitung über das Privileg einer eigenen Meinungsseite verfügen, ist diese für den Leser nur dann interessant, wenn dort unterschiedliche Meinungen zur Geltung kommen. Auf allen anderen Zeitungsseiten hingegen, muss jeder einzelne Journalist dagegen die Aufklärung über Fakten ins Zentrum seiner Arbeit stellen. Dazu gehört es auch, Positionen von Minderheiten zu berücksichtigen. Das ist für den modernen Politiker besonders wichtig, der seine Informationen leider oft nur noch aus dem Meinungszwielicht der Netzwerke, Institutionen und Lobbyisten-Zirkel bezieht, aus denen er stammt. Der Blick in die Presse ist für ihn häufig die einzige Gelegenheit, mehr über die Welt außerhalb seines Horizonts zu erfahren. Wenn nun auch die Presse nur noch partei- oder glaubenskonforme Meinungen in die Welt hinausposaunt, dann ist der politische Blindflug fast unvermeidlich. 

Meinungen gehören im Journalismus lediglich auf die Meinungsseite. 

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Wie der Schuster bei seinem Leisten sollte also der Journalist bei einer sachlichen Darstellung von Nachrichten bleiben. Wenn ich mich ernsthaft mit dem jüngsten Gericht und mit dem drohenden Weltuntergang beschäftigen will, wende ich mich besser an einen Pfarrer, Prediger, Beichtvater, Propheten oder Therapeuten, der mich in meinen existentiellen Ängsten versteht und mir aus dem Herzen spricht. Wenn ich mich belehren lassen will, suche ich mir besser einen Lehrer aus, der von der Sache was versteht. Dazu brauche ich keinen Journalisten und keine Zeitung.

 

Weitere Materialen zum Thema finden Sie auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung.

In der ersten Woche unserer Debattenserie ging es um "Verkehr - Kann das Auto weg?". Alle Beiträge zu dieser Debatte finden Sie hier. Danach stellten wir die Frage: Darf man noch Fleisch essen? Hier sind die Beiträge zum Nachlesen. In der dritten Woche schrieben verschiedene Gastautor*innen Kommentare zu der Frage: "Wie weiter zwischen den Geschlechtern?" Die Beiträge lesen Sie hier. Und in der vierten Woche wurde zu der Frage debattiert: "Wie viel Computer braucht der Mensch?". Lesen Sie die verschiedenen Meinungen hier. Die Meinungen der Autor*innen zur Frage "Was ist Heimat?" lesen Sie hier. Alle Beiträge zur Debatte "Was ist uns das Klima wert?" finden Sie hier. Die Artikel zum Thema "Wie bleibt Wohnen bezahlbar?" können Sie hier nachlesen. In der Debattenserie zum Thema Glaube war die Frage: "Wie viel Religion braucht Deutschland?" - die Antworten lesen Sie hier

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