Werden verschiedene Ansichten wirklich geduldet? Meine Meinung wird oft ignoriert!

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Rentnerin

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Brigitte Gloger ist Rentnerin.

Eine Stadt. Ein Land. Viele Meinungen. Unter diesem Motto feiern der Tagesspiegel, die Berliner Zeitung und die Bundeszentrale für politische Bildung die Meinungsfreiheit. Diskutieren Sie mit! Ausgewählte Leser*innenkommentare werden veröffentlicht.

Zehn Debatten in zehn Wochen. Diese Woche: Meinungsfreiheit „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen?“ Brigitte Gloger liebt die Meinungsfreiheit, findet aber nicht dass sie in unserer Gesellschaft bereits überall angekommen ist. 

Nach meinem Empfinden besteht bei einem Großteil der Bevölkerung immer noch große Skepsis, ob es gut und richtig ist, seine Meinung zu sagen. Es steckt eine Menge Wahrheit in dem Spruch: Jeder darf über die Kanzlerin schimpfen, jedoch nicht über seinen Vorgesetzten. Meinungsfreiheit ist das Recht jedes mündigen Bürgers, die persönliche Meinung - vor allem in politischer Hinsicht - äußern zu dürfen und diese Meinung über die sozialen Medien in Wort, Schrift und Bild zu verbreiten. Meinungsfreiheit geht für mich noch weiter. Sie bedeutet für mich auch, dass im Beruf meine fachliche Meinung etwas zählt. Und dass man für die Äußerung der eigenen Meinung nicht abgestraft wird. Das ist mir in meinem Leben jedoch nicht nur einmal passiert. 

Meinungsfreiheit bedeutet auch, dass meine fachliche Meinung etwas zählt. 

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Dazu das nachstehende Beispiel aus meiner Zeit als junge Auszubildende in der DDR. 1961 bin ich in die Sowjetunion gereist. Sotschi, Kiew und Moskau standen auf unserem Programm. In Moskau gingen wir in eine Bar. Der Einlasser stoppte uns und fragte, von wo wir kommen, aus „Ulbricht- oder aus Adenauer-Deutschland?“. Ich antwortete, dass wir aus der Hauptstadt der DDR kämen. Danach wurde uns der Einlass verwehrt. Und das obwohl ich West-Mark besaß. Die hatte ich verbotenerweise in der Tasche. Wer zu dem steht, was tatsächlich ist, hat nicht nur Vorteile, sondern manchmal auch Nachteile zu erdulden. Nach meiner Rückkehr berichtete ich meinem Abteilungs-Gewerkschaftsleiter, zu DDR-Zeiten kurz AGL genannt, von meiner ansonsten eindrucksvollen Reise, aber auch von unserem Erlebnis an der Moskauer Bar. Ich war enttäuscht, denn ich habe jeden Monat 50 Pfennig als Mitglied der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft bezahlt, bekam aber jetzt einige Zweifel an dieser Freundschaft. Der AGL wollte mich nicht anhören und zweifelte mein Erleben an. Danach behielt ich meine Erlebnisse für mich. 

Bei einem Großteil der Bevölkerung besteht immer noch große Skepsis, ob es gut und richtig ist, seine Meinung zu sagen. 

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Ein anderes Beispiel stammt aus den Zeiten nach der Vereinigung. Von 2012 bis 2015 war ich als Vollzugshelferin eines Klienten tätig, der wegen Missbrauchs von Minderjährigen verurteilt worden war. Ich habe in den drei Jahren sehr viel mit ihm gearbeitet. Nach einem Besuch bei ihm hatte ich einen Rückfall seinerseits ausgeschlossen, wenn ihm durch das Landgericht Berlin für fünf Jahre eine „Führungsaufsicht“ zur Betreuung und Bewachung zur Seite gestellt werden würde. Leider wurde mein Wunsch nicht erfüllt und er wurde rückfällig. 2017 wurde er erneut verurteilt. Daraufhin beschwerte ich mich bei dem Justizsenator. Auszugsweise folgende schriftliche Antwort: „Sie können versichert sein, dass die Führungsaufsichtsstelle ihr Möglichstes getan hat, um den Probanden von der Begehung weiterer Straftaten abzuhalten…“ Meine Meinung: Hätte die Führungsaufsicht wie vorgesehen funktioniert, so wäre es dem Täter nicht gelungen, erneut ein Opfer zu missbrauchen. Das Kind hätte diese Erfahrung nicht machen müssen und der Mann wäre heute noch in Freiheit.

Meine fachliche, politische und private Meinung wird häufig nicht wahrgenommen oder ignoriert.

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In meinem 49-jährigen Berufsleben und heute noch in meinen Ehrenämtern wurde und wird meine fachliche, politische und private Meinung häufig nicht wahrgenommen oder ignoriert. Diese Erfahrungen machen mich als Person aber nur stärker. Ich lasse mich nicht einschränken. Für mich ist die nach der Wende erlangte freie Meinungsäußerung ein großes Gut und ich schätze sie sehr. Ganz besonders freue ich mich über die derzeitigen politischen Bewegungen der Jugendlichen, zum Beispiel zum Klimaschutz, oder die Bürgerbewegungen zur Mietenpolitik in unserer Hauptstadt. Ich liebe diese Freiheit und wünsche mir von jeder Meinungsäußerung oder politischen Bewegung für unsere Zukunft ein positives Ergebnis.

Weitere Materialen zum Thema finden Sie auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung.

In der ersten Woche unserer Debattenserie ging es um "Verkehr - Kann das Auto weg?". Alle Beiträge zu dieser Debatte finden Sie hier. Danach stellten wir die Frage: Darf man noch Fleisch essen? Hier sind die Beiträge zum Nachlesen. In der dritten Woche schrieben verschiedene Gastautor*innen Kommentare zu der Frage: "Wie weiter zwischen den Geschlechtern?" Die Beiträge lesen Sie hier. Und in der vierten Woche wurde zu der Frage debattiert: "Wie viel Computer braucht der Mensch?". Lesen Sie die verschiedenen Meinungen hier. Die Meinungen der Autor*innen zur Frage "Was ist Heimat?" lesen Sie hier. Alle Beiträge zur Debatte "Was ist uns das Klima wert?" finden Sie hier. Die Artikel zum Thema "Wie bleibt Wohnen bezahlbar?" können Sie hier nachlesen. In der Debattenserie zum Thema Glaube war die Frage: "Wie viel Religion braucht Deutschland?" - die Antworten lesen Sie hier

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