Vegetarisch ist nicht genug In unserem Essen steckt zu viel Leid

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Schriftstellerin

Expertise:

Hilal Sezgin ist Schriftstellerin, Publizistin und Journalistin. Von ihr erschienen unter anderem die Bücher "Artgerecht ist nur die Freiheit. Eine Ethik für Tiere oder Warum wir umdenken müssen" (C. H. Beck, 2014) und "Nichtstun ist keine Lösung. Politische Verantwortung in Zeiten des Umbruchs" (DuMont 2017).

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Zehn Debatten in zehn Wochen. Diese Woche: Ernährung - Darf ich noch Fleisch essen? Schriftstellerin Hilal Sezgin meint: Niemand hat große Lust sich klarzumachen, dass er oder sie seit Jahren von Geschäften profitiert, die auf viel Leid und Tod aufbauen. Aber genau das müssen wir tun.

Ein weiterer Hitzesommer liegt hinter uns, mit Dürre, Waldbränden und Temperaturrekorden. Lange dachten wir, uns Bewohner der gemäßigten Zonen der Nordhalbkugel werde der Klimawandel nicht treffen. Jetzt gibt es kaum mehr ein anderes Thema, alle Zeitungen und Partygespräche sind voll davon.

Die Herstellung von Nahrungsmitteln verschärft die Klimakrise.

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Und dennoch: Die Bereitschaft, das Fleischessen hinter sich zu lassen und damit einen der stärksten Faktoren für die Erderwärmung auszuschalten, ist minimal. Was muss eigentlich noch geschehen? Wie viele Wissenschaftler und Umweltorganisationen müssen uns noch vorrechnen, dass die Herstellung von Nahrungsmitteln tierischen Ursprungs unglaublich viel Energie, Wasser und Fläche verbraucht und die Klimakrise wesentlich verschärft?

Jeder kann wissen, wie schlecht es den Tieren geht, die zu Nahrung werden sollen.

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Es geht natürlich nicht nur um die Umwelt. Auch was die Tiere anbetrifft – also diejenigen, die mehrmals am Tag ganz buchstäblich tot vor aller Augen auf den Tellern liegen – praktiziert unsere Gesellschaft seit Jahren eine phänomenale Verdrängung. Niemand, der auch nur gelegentlich fernsieht, Zeitung liest oder auf Facebook unterwegs ist, hat noch nicht mitbekommen, dass das „Leben“ in den Ställen diese Bezeichnung nicht verdient. Viele Tiere sehen nie Tageslicht, atmen keine Frischluft, haben keine Bewegung. In den Schlachthöfen herrschen Zustände, die anzusehen man kaum über sich bringen kann, selbst auf dem Bildschirm: Kühe, die sich vor Schmerzen am Boden verdrehen oder mit Ketten am Bein zur Stätte des Todes gezerrt werden. Schweine, die  humpelnd aus den Transportern getrieben werden und deren menschenähnlichen Augen man ansieht, dass sie wissen, was ihnen bevorsteht.

Prinzip Verdrängung: Wenn schlimmer Bilder aus Tierställen gezeigt werden, wechseln Zuschauer den Sender.

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Viele Menschen wechseln den Sender, wenn sie mit solchen Bildern konfrontiert werden. Viele lesen gar nicht die entsprechenden Zeitungsreportagen: „Ja ja, weiß ich längst.“ Vielleicht werden auch Sie, die Sie diese Zeilen lesen, jetzt denken: „Also diese Frau ist mir zu dogmatisch. Im Prinzip mag sie ja recht haben, aber so gewinnt man die Leute für die vegane Sache nicht.“

Die Frage ist bloß: wie denn dann? Wie kann man im besten Sinne „normale Leute“, also freundliche, gewaltablehnende, oft auch tierliebe Menschen davon abbringen, ihr hart verdientes Geld für etwas auszugeben, hinter dem so viel Blut und Qual steht? 

Auch Milchkühe und Legehennen geben Milch und Eier nicht freiwillig und leidfrei her.

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Es ist nämlich ebenfalls völlig normal, dass man den Blick von Grausamkeiten abwendet und während der Mittagspause nicht mit so etwas behelligt werden will. 1989, als die Mauer fiel, war ich schon einige Jahre lang Vegetarierin – und begegnete erstmals dem Konzept des Veganismus. Das war auf einer Kalifornien-Reise, in einem kleinen, alternativen Cafe. An den Schildern war klar ersichtlich, dass sämtliche Speisen nicht nur vegetarisch, sondern auch ohne Eier und „dairy-free“ waren. Ich gebe zu, ich verstand sofort, worum es ging: Auch Milchkühe und Legehennen werden grausam geschlachtet, und sie geben weder Milch noch Eier freiwillig und leidfrei her.

Doch gleichzeitig tat ich so, als würde ich es nicht verstehen. Ob in dem Essen Eier und Milch drin seien, sei mir egal – Hauptsache, es sei doch alles vegetarisch, ja? Im Klartext: Euer Vegan-Kram ist mir wurscht, ich bin jedenfalls Vegetarierin, das ist moralisch ganz wertvoll!

Niemand macht sich gern klar, dass er seit Jahren von Geschäften profitiert, die auf viel Leid und Tod aufbauen.

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Wieso reagierte ich so idiotisch? Nun, ich tat das, weil Einsicht oft weh tut. Es tut weh, wenn man zu verstehen beginnt, dass man vielleicht etwas falsch macht. Wenn man diffuse Schuldgefühle auf sich zurollen spürt, weil man in irgendwelche grausamen Zusammenhänge verstrickt ist. Wir alle wollen als gut und vertrauenswürdig dastehen, vor den anderen und vor uns selbst. Niemand hat große Lust sich klarzumachen, dass er oder sie seit Jahren und Jahrzehnten von Geschäften profitiert, die auf so viel Leid und Tod aufbauen.

Aber wir müssen uns das klarmachen. Für die nächste Generation Menschen, die diese Erde bewohnen will, und für die vielen Millionen anderer Wesen, die wir doch eigentlich auch respektieren, die wir gerne beobachten und gerne um uns wissen, von denen wir einige sogar regelrecht lieben: für die Tiere.

Zur Debatte schrieb ebenfalls Gastronom Boris Radczunfür den Fleischessen zum Leben dazugehört. Er glaubt, dass Flexitariern die Zukunft gehört.

In der ersten Woche unserer Debattenserie ging es um "Verkehr - Kann das Auto weg?". Alle Beiträge zu dieser Debatte finden Sie hier.

5 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Gabriele Flüchter
    Vielen Dank Frau Sezgin, für ihren Beitrag.

    Mir ist letztlich egal, ob Fleisch gegessen wird oder nicht.
    Sie schreiben: "In unserem Essen steckt zu viel Leid"
    "Zu viel Leid", da sorge ich mich erst einmal um Menschen und ich denke an Arbeitsbedingungen.
    "2017 beschloss der Bundestag das „Gesetz zur Sicherung der Arbeitnehmerrechte in der Fleischwirtschaft“, kurz GSA Fleisch", erfahre ich auf der Seite des DGB. Hier gäbe es aber Umsetzungsschwierigkeiten, die rumänischen Mitarbeiter beklagten nach wie vor Schmutz und Enge ihrer Unterkünfte, für ein einzelnes Bett müsse 300 Euro gezahlt werden. Das ist unmenschlich in meinen Augen und daran muss etwas geändert werden, es kann nicht sein, dass Arbeitnehmer so lange unter so schlechten Bedingungen leben müssen, bis sich mein privater Fleischverzicht irgendwann bis zur Arbeitgeberseite "durch gehungert" hätte - das ist deshalb für mich nicht der Weg, auch wenn ich es
    gut finde, Fleisch bewusst und nicht so oft zu essen. Ich möchte hier auch nicht unerwähnt lassen, dass es im Ortskern meines Herkunftsortes einige Häuser gibt, die ich noch in anderer Nutzung gekannt habe, z. B. eine ehemalige Bäckerei, an der eine Zeitlang bis zu 20 Namen am Hauseingang gestanden haben und ich habe mich wirklich gefragt, wie diese Menschen da leben. Inzwischen sind die Listen kürzer, die Häuser aber alt wie zuvor. Der Zoll Itzehoe wie auch Arbeitnehmervertreter wünschten mehr und konsequentere Kontrollen, was aber bei den großen Fleischproduzenten wie Tönnies eher auf Ablehnung stieße. Wie der DGB berichtet, würfe Justitiar Bocklage ehemaligen Mitarbeitern vor, Beschwerden über Arbeitsbedingungen nur deshalb zu erheben, weil sie mit der Arbeit nicht klar gekommen wären oder überhaupt zu viel getrunken hätten. Persönlich kann ich nicht sagen, wie nun die Arbeitsbedingungen sind, wie die Wohnbedingungen sein müssen, da habe ich eine realistische Vorstellung.
    Sehr, sehr übel, da wurde nicht viel gemacht an dem Haus, sicher nicht!
  2. von Stefan Müller
    Leider vermischen Sie hier zwei Themen und wirken daher dogmatisch. Leider! Auf der Welt gibt es nun mal Raubtiere. Und die heißen so, weil Sie andere Tiere fressen und nicht Grünzeug. Ich erinnere an den lieben Eisbären und natürlich den Wolf. Es ist absolut weltfremd, dem Menschen, der sich nun mal auch von anderen Tieren ernährt, genau dieses abzusprechen.

    Sie vermischen nun leider Ihren Veganismus mit Kritik an Massentierhaltung. Es wäre dem Klima schon viel geholfen, wenn der Mensch nur noch halb soviel Tier essen würde und sich an den Sonntagsbraten erinnert.

    Wie kommt man Ihrem Ziel näher? Natürlich nicht durch Dogmatismus. Sie merken doch, dass die Menschen als Reaktion zur AfD rennen. Das hängt alles miteinander zusammen. Es muss ganz einfach nur die "unglaublich viel Energie, Wasser und Fläche verbraucht" angemessen bepreist werden. Wir brauchen als Gesellschaft eine Haltung zur ökologischen Tierhaltung. Die kostet Geld und dann essen alle weniger. Damit sich die armen Mitbürger auch noch Fleisch leisten können müssen die ganz einfach nur ordentlich bezahlt werden. Also echtes Tierwohl und Mindestlohn!
    1. von D. Popp
      Antwort auf den Beitrag von Stefan Müller 02.09.2019, 10:28:32
      So weit ich weiß, ich der Mensch kein reines Raubtier, sondern eher Mischfresser, und hat sich damals(tm) in erster Linie von Pflanzen ernährt. Fleisch gab's nur, wenn dem Jäger tatsächlich mal was vor den Speer/die Steinschleuder lief.

      Schon von daher ist der Vergleich mit dem Raubtier schief. Zum andern ist der Mensch, anders Wolf oder Eisbär, in den meisten Fällen mit Vernunft versehen und könnte also aufgrund besserer Einsicht anders handeln als nur der "Natur" zu folgen.

      Weniger Fleisch zu konsumieren, muss (und kann nur) der Anfang sein; wir müssen tatsächlich auf nicht mehr so lange Sicht dahin, den Fleischkonsum einzustellen. Das sage ich als "Mischfresser", dem die Abkehr von tierischen Produkten durchaus schwer fällt.

      Wie eine angemessene Bepreisung von Fleisch so funktionieren soll, dass auch die "armen Mitbürger" sich dies noch leisten können, weiß ich nicht. Es muss auch nicht sein. Selbst 60 Jahre früher war Fleisch ein Luxusgut, das nur einmal die Woche auf den Tisch kam. Es gibt kein Menschenrecht auf täglichen Fleischkonsum.
    2. von Stefan Müller
      Antwort auf den Beitrag von D. Popp 02.09.2019, 11:33:39
      Sie vermischen ja leider auch alles. Ich nahm Bezug auf Raubtiere und schrieb, dass der Mensch AUCH Fleich ist. Der Mensch ist in den letzten zehntausenden Jahren zum dem geworden was er ist, weil er sich neben Pflanzen AUCH von Fleich ernährt. Ich halte eine Forderung von vollständigem Fleischverzicht für weltfremd und ignorant. Ich wiederhole mich: Erstmal den Fleischkonsum halbieren und dann an den Sonntagsbraten erinnern. Was heißen soll, dass es von Montag bis Samstag kein Fleisch gibt. Schon das ist für sehr viele Mitbürger Utopoie.

      Und das mit den armen Menschen habe ich aufgenommen um blöde Gegenargumente gleich aufzugreifen.
    3. von D. Popp
      Antwort auf den Beitrag von Stefan Müller 02.09.2019, 11:43:29
      OK, dann hab ich Sie missverstanden und bitte um Entschuldigung. Mit "von Montag bis Samstag" kein Fleisch sind wir ja doch schon sehr nah beeinander.

      Ich halte die Forderung nach vollständigem Fleischkonsum zwar für berechtigt und die Umsetzung auch eigentlich für möglich, aber leider haben Sie vermutlich damit recht, dass es (zumindest derzeit) noch eine weltfremde Forderung ist. "Ignorant" ist für mich allerdings eher der Ansatz "mein Schnitzel lass ich mir nicht wegnehmen".