Gesunde Ernährung Fleisch war Fortschritt

Bild von Manuela Marin
Ernährungsberaterin

Expertise:

Manuela Marin ist Ernährungsberaterin in Berlin.

Eine Stadt. Ein Land. Viele Meinungen. Unter diesem Motto feiern der Tagesspiegel, die Berliner Zeitung und die Bundeszentrale für politische Bildung die Meinungsfreiheit. Diskutieren Sie mit! Ausgewählte Leserkommentare werden veröffentlicht.

Zehn Debatten in zehn Wochen. Diese Woche: Ernährung - Darf ich noch Fleisch essen? Ernährungsberaterin Manuela Marin findet, Ernährung mit und ohne Fleisch ist in Ordnung. 

Im Berufsalltag erlebe ich es oft: Fleisch ist ein Stück Lebenskraft für die einen, ein Krankmacher von Mensch, Tier und Umwelt für die anderen. Entspringt der Fleischverzehr meist der Lust am Essen, speist sich der Verzicht eher aus ideologischen Quellen. Soviel Pro und Kontra verunsichern Verbraucher. Beratung und Begleitung von Kindheit an tun not.

So viel Pro und Kontra zum Fleischverzehr verunsichern die Verbraucher.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht


Archaisch bis in die Knochen: Für Forscher ist Fleisch der "Motor der menschlichen Evolution". Der hohe Eiweißgehalt erlaubte ein schnelles Wachstum, vor allem des Gehirns. Waren Menschenaffen noch reine Pflanzenfresser, konnten ihre Nachfahren mit Hilfe von Werkzeug Fleisch erjagen und genießen. Sie mutierten zu Allesfressern. Der frühe Fleischkonsum beruhte auf dem Verzehr von Kadavern, erst Waffen und Fallen ermöglichten später den Frischverzehr. Die Jagd war gleichzeitig Verteidigungsstrategie - "Fressen oder Gefressen werden". Entscheidend für den regelmäßigen Fleischgenuss war die Erfindung des Feuers. Größere Mengen wurden haltbar gemacht und gegartes Fleisch versorgte die Esser mit mehr Nährstoffen bei gemütlichen Abenden am Lagerfeuer.

Das Schielen  auf den günstigsten Preis und die Verschwendung von Nahrungsmitteln sind schlecht für Tiere und das Klima.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht


Weltweiter Fleischhunger: Mit Lagerfeuerromantik hat der heutige globale Fleischkonsum (42 Kilogramm/Kopf/Jahr) wenig zu tun. Die Vorliebe für Schweinefleisch, Geflügel und Rind steigt und steigt. Für den Zehnjahreszeitraum von 2017 bis 2027 prognostizieren OECD und die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) ein Wachstum von über 13 Prozent. In der zurückliegenden Dekade waren es sogar 21 Prozent. Diese Entwicklung bedingt oft wenig tiergerechte, umweltfreundliche oder ressourcenschonende Massentierhaltung. Das Schielen der Verbraucher auf den günstigsten Preis und Nahrungsmittelverschwendung tun ihr Übriges. Der deutsche Fleischverbrauch sinkt leicht, liegt aber mit 60 Kilogramm/Kopf/Jahr sehr hoch und überschreitet deutlich die Empfehlungen von Experten. Junge Leute zwischen 14 und 29 Jahren verzichten laut Ernährungsbericht 2019 des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft am ehesten auf Fleisch (elf Prozent).

Das ist drin und dran: Muskelfleisch besteht zu etwa 20 Prozent auf hochwertigem Eiweiß, das der Körper besonders gut verwerten kann. Zudem enthält Fleisch, vor allem Innereien, viele B-Vitamine wie B1, B6 und B12 sowie die Mineralstoffe Eisen und Zink.


Kein Licht ohne Schatten: Der Fettanteil liegt je nach Tierart und Teilstück bei mehr als 30 Prozent, vor allem Wurstwaren sind oft sehr fettreich. Auch der hohe Gehalt an Cholesterin und Purinen in Fleisch, Wurst und Fleischwaren lenkt den Blick auf mögliche unerwünschte Nebenwirkungen wie Arteriosklerose, Bluthochdruck, Übergewicht, Gicht und Krebserkrankungen. Hilfe aus dem Dilemma bieten die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung: Der wöchentliche Fleisch-Konsum wird beim Erwachsenen auf 300 bis 600 Gramm begrenzt, von einem täglichen Genuss wird abgeraten. Die Ernährungspyramide ordnet diese Lebensmittel dem oberen gelben Bereich zu, das heißt ein moderater Verzehr ist wünschenswert. Ernährungsphysiologisch ist es kein Problem, sich fleischfrei ausreichend und abwechslungsreich zu versorgen. Die Ernährungspyramide steht für eine pflanzenbasierte Kost, aber Verbote sind tabu.

Wichtig ist ein bewusster Konsum oder Nichtkonsum, der auf Qualität setzt.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht


Mein Fazit: Wem Fleisch schmeckt, der kann es durchaus essen, aber wer lieber vegetarisch - eher nicht vegan - lebt, macht auch alles richtig! Wichtig ist ein bewusster Konsum oder eben Nichtkonsum, der auf gute Qualität setzt mit weniger, dafür nachhaltig und artgerecht produziertem Fleisch, das in aller Regel dann auch noch besser schmeckt!

Zur Debatte schrieb bereits Schriftstellerin Hilal Sezginfür die vegetarische Nahrung nicht tierfrei genug ist. Für Gastronom Boris Radczun dagegen gehört Fleischessen zum Leben dazu. Er meint aber auch, dass es weniger werden sollte. Biobauer Jochen Fritz fordert nicht nur mehr Respekt für die Tiere, sondern auch für Bäuerinnen und Bauer. Veganer Felix Domke plädiert an die Verantwortlichkeit jeder und jedes einzelnen.

In der ersten Woche unserer Debattenserie ging es um "Verkehr - Kann das Auto weg?". Alle Beiträge zu dieser Debatte finden Sie hier.

2 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

Diese Community ist nur während der Arbeitszeiten der Tagesspiegel-Community-Redaktion geöffnet. Sie können täglich von sechs bis 21 Uhr Kommentare schreiben.

  1. von Thomas Kramer
    Enttäuschend: Ja, das ist ja mal eine gepflegte Nicht-Meinung der Errnährungsberaterin: erst zitiert sie die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung: "Der wöchentliche Fleisch-Konsum wird beim Erwachsenen auf 300 Grammm...begrenzt." Und dann sagt sie: "Mein Fazit: Wem Fleisch schmeckt, der kann es durchaus essen, aber wer lieber vegetarisch - eher nicht vegan - lebt, macht auch alles richtig!" Ja, was denn nun? 300 Gramm in der Woche! Wer das für richtig hält, kann doch nicht dazu raten "Fleisch durchaus zu essen." Der müßte doch konsequent zum Verzicht aufrufen, und die 300 Gramm, also die drei Würstchen die Woche als maximale Ausnahme kennzeichnen.
  2. von Jet Bundle
    "Der Fettanteil liegt je nach Tierart und Teilstück bei mehr als 30 Prozent, vor allem Wurstwaren sind oft sehr fettreich."

    30% sind die absolute Ausnahme. Fleisch (nicht Wurst) enthält in der Regel zwischen 2% (mageres Schinkenschnitzel, Hähnchenbrust) und 10% (Schweinenacken, Rumpsteak) Fett, bei 22 bis 28% Protein. Damit ist Fleisch ansich fettarm. Wurstwaren hingegen sind eine Art Resteverwertung, bei der dann die fettreichen Teile verwendet werden. Mit 20-30% liegen Wurstwaren im Bereich von Käse. Etwas Grundbildung und weniger Ideologie hilft bei gesunder Ernährung.

    Aber anders herum: Würde man sagen, Gemüse sei fettreich weil sich aus Erbsen fettreicher Hummus herstellen lässt? Das Problem beim Fett sind einerseits fettreiche Hauptzutaten, wie wurst, Käse oder Frittiertes, andererseits auch die exzessive Verwendung von Fettzugaben, die Butter auf den Spätzle oder das Rahmgemüse. Gerade in Kantinen wird so einfach schmackhaftes Essen erzeugt, die Gesundheit der Kunden ist einem (und auch vielen Kunden) dabei egal.