Neutralitätsgesetz an Schulen Wer hat Angst vor dem Kopftuch – und warum eigentlich?

Bild von Jörg Ramseger
Professor i.R., Arbeitsstelle Bildungsforschung Primarstufe, Freie Universität Berlin

Expertise:

Prof. i. R. Dr. Jörg Ramseger hatte bis zu seiner Pensionierung im Herbst 2016 eine Professur für Schulpädagogik mit dem Schwerpunkt Grundschule an der Freien Universität Berlin inne. Außerdem war er 35 Jahre lang für die wissenschaftliche Begleitung von Schulentwicklungsprojekten im In- und Ausland zuständig. Ramseger leitet weiterhin die Arbeitsstelle Bildungsforschung Primarstufe an der Freien Universität.

Das Neutralitätsgesetz ist absurd. Nur weil Lehrkräfte religiöse Zeichen tragen, heißt das nicht, dass sie ihre Schülerinnen und Schüler bekehren wollen. Im Gegenteil: Der Ausdruck von Identität ist wichtig für ein authentisches Auftreten der Lehrkräfte und für Inklusion.

In meiner Kindheit spielten wir in der Grundschule mit großer Begeisterung in der Turnhalle „Wer fürchtet sich vor dem schwarzen Mann?“ Einer wurde zum „Neger“ ernannt – so sprachen wir damals – und musste aus der wild durcheinander rennenden Meute möglichst viele „weiße“ Kinder herausfangen, die dadurch augenblicklich auch zu Schwarzen und Mitfängern wurden. Am Ende blieb nur ein weißes Kind übrig – das war der Sieger. Ehrlich gesagt: Durch unser Kinderspiel ist keiner meiner Mitschüler zum Rassisten geworden. Selbst ein schokoladenbraunes Diplomatenkind aus Indonesien spielte mit großer Selbstverständlichkeit mal einen Weißen und mal den Schwarzen. Und niemand fand etwas dabei.

In meiner Jugend bin ich dann – selbst ohne religiösen Hintergrund erzogen und vom Religionsunterricht befreit – aus purem Sachinteresse mal in den katholischen und mal in den evangelischen Religionsunterricht gegangen. Selbstverständlich unterrichteten die Religionslehrer in der Staatsschule in Bayern in ihrer Priesterrobe. Und selbstverständlich hing ein Christuskreuz im staatlichen Klassenzimmer. Niemand, der es nicht im Elternhaus schon geworden war, ist dadurch katholisch geworden. Aber diese Pädagogen waren interessante Persönlichkeiten, an deren völlig anderen Lebensentwürfen wir Heranwachsenden uns abarbeiten und durch die wir einen eigenen Standpunkt gewinnen konnten, was ja wohl der Hauptzweck der allgemeinbildenden Schule ist. Solche Auseinandersetzungen mit anderen Lebensentwürfen sind schließlich der Kern von Bildung.

Der Anblick von Kreuz, Kippa oder Kopftuch führt noch lange nicht zur Bekehrung der Betrachter.

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Vor kurzem hat eine Gruppe von Lehrkräften und ehemaligen Lehrkräften in einem Appell an die Berliner Landesregierung mit Nachdruck ein Festhalten am so genannten Berliner "Neutralitätsgesetz" gefordert und insbesondere darauf hingewiesen, dass Lehrerinnen mit Kopftuch, aber auch Juden, die eine Kippa, oder Christen, die ein Jesuskreuz am Halskettchen tragen, nicht in öffentlichen Schulen tätig werden dürften. Warum eigentlich? Wovor fürchten sich die Religionskritiker überhaupt? Ändert sich etwas am Satz des Pythagoras, wenn der Mathematiklehrer eine Kippa oder die Lehrerin einen Hidjab trägt? Stellt der Anblick religiöser Symbole eine Bedrohungslage für die Jugend und den freiheitlichen Staat dar? Ich halte das für absurd.

Als Erziehungswissenschaftler interessiert mich die empirische Seite dieser im Übrigen hoch komplexen Verfassungsfrage. Mir ist keine Studie bekannt, nach der der pure Anblick von Glaubenssymbolen zu einer Überwältigung des Betrachters führen würde oder gar deren Bekehrung zur Religiosität zur Folge hätte. Und in jenen Bundesländern, in denen Hidjab-tragende Lehrerinnen auch in der öffentlichen Schule unterrichten dürfen, zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Bremen, passiert in der Regel auch nichts Schlimmes. Den Schülerinnen und Schülern ist es völlig schnuppe, ob die Lehrerin ein Kopftuch trägt oder nicht. Nur die alte Generation hat ein Problem damit. Ein ideologisches Problem! Es gibt übrigens keine einzige Tschador- oder Burka-tragende Lehramtsbewerberin in Deutschland. Die pädagogisch unmögliche, weil die Mimik verdeckende Vollverschleierung ist also kein reales Problem, über das man hier nachdenken müsste.

Das Problem mit Religionssymbolen ist ein ideologisches Problem der alten Generation.

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Vor diesem Hintergrund und dem Wortlaut des genannten Appells, der durchaus Muslimas den Zugang zum Schuldienst gestatten will, aber bitteschön nur "emanzipierten", nicht etwa konservativen Muslimas, erweist sich schon die Bezeichnung "Neutralitätsgesetz" als purer Euphemismus. Es handelte sich in meinen Augen von Anfang an um ein "Intoleranzgesetz", denn es wandte sich, obwohl alle Religionen einbeziehend, natürlich primär gegen Kopftuchträgerinnen und wurde ja auch erst als Reaktion auf das inzwischen korrigierte Verfassungsgerichtsurteil von 2003 erlassen, wonach Kopftücher bei Lehrerinnen nur auf der Basis eines Landesgesetzes verboten werden könnten. Die Fragwürdigkeit der Argumentation um das so genannte Berliner "Neutralitätsgesetz" konnte man im Februar sehr schön in der Abendschau des rbb sehen, als die Vizepräsidentin des Abgeordnetenhauses Cornelia Seibeld (CDU) sich vehement für dieses Gesetz und ein Kopftuchverbot für Berliner Lehrerinnen aussprach – demonstrativ mit einem Christuskreuz am Halskettchen, das sie auch sonst gerne trägt.

Nur eine öffentlich ausgeübte Religiosität kann auch demokratisch kontrolliert werden.

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Sie soll es tragen dürfen, auch wenn sie eine Schule besucht! Es steht Ihr! Ich wünsche mir tatsächlich als Pädagoginnen und Pädagogen für meine Enkelkinder geradezu Menschen, die sich trauen, sich zu etwas zu bekennen. Menschen, die permanent ihre Identität verleugnen müssen, um von SPD, CDU und FDP im Schuldienst geduldet zu werden, sind meines Erachtens  als Pädagogen nicht besonders geeignet. Denn sie können ja ihren Schülern niemals als authentische Persönlichkeiten gegenübertreten. Im Übrigen hat Religion nicht nur eine private, sondern auch eine öffentliche Seite. Dazu gehört, dass sie öffentlich gezeigt werden darf. Und nur eine öffentlich ausgeübte Religiosität kann auch demokratisch kontrolliert werden.

Pädagogen und Pädagoginnen müssen zu ihrer Identität stehen dürfen, um authentisch zu sein.

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Meines Erachtens machen die Kopftuchverbieter schlicht einen Logikfehler, wenn sie unterstellen, dass das Kopftuch entweder ein Symbol der Unterdrückung der Frau oder ein religiöses Kampfmittel extremistischer Muslimas sein muss und daher zweifelsfrei bekämpft werden müsse. Das Kopftuch kann natürlich beides sein und ist es auch sehr oft; es muss es aber durchaus nicht sein. Es kann auch schlicht ein Signal der Zugehörigkeit zur Herkunftsfamilie sein oder einfach muslimische Tracht, so wie es derzeit in Bayern äußerst chic ist, Dirndl zu tragen, auch bei Frauen, die selbst keinerlei ländlich-bäuerliche Herkunft vorzuweisen haben. Indem sie es ohne jeden Selbstzweifel entweder einseitig zum frauenverachtenden Unterdrückungssymbol oder zum religiösen Kampfmittel erklären, schaffen die Kopftuchverbieter mithin das Problem erst selbst, das sie anschließend mit erheblichem Eifer glauben bekämpfen zu müssen. Sie bekämpfen ihr eigenes laizistisches Konstrukt. Merken die Kopftuchverbieter eigentlich gar nicht, dass sich ihr entschiedener Laizismus hinsichtlich seines Anspruchs auf alleinigem Definitionsrecht dessen, was in dieser Republik kulturell tragbar ist, logisch in nichts von dem religiösen Fundamentalismus unterscheidet, den sie zu bekämpfen bemüht sind?

Funktional ist das Kopftuch ein Schamtuch: Es definiert, wie viel eine Frau von ihrem Körper der Öffentlichkeit zeigen will. Nach meinem Empfinden sollte niemand einer Frau dies vorschreiben dürfen: weder ihr Vater noch ihr Ehemann noch der Bruder, kein Atatürk, kein Erdogan und auch keine Schulsenatorin. Es ist das unveräußerliche Recht jeder Frau, dies selbst zu entscheiden. Der Versuch der Standardisierung der Scham durch einen staatlichen Enthüllungszwang für Berliner Lehramtsbewerberinnen ist in meinen Augen genauso übergriffig wie der groteske Versuch einiger südfranzösischer Gemeinden, den Burkini zu verbieten und einen Bikinizwang für Muslimas am Badestrand einzuführen. Er widerspricht auch allen Bemühungen um Inklusion. Denn Exklusion von muslimischen Lehrerinnen führt nicht zur Integration, geschweige denn zur Inklusion.

Exklusion muslimischer Lehrerinnen führt weder zu Integration, noch zu Inklusion.

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Wir werden in den kommenden Jahren auf die multikulturelle, multilinguale und multireligiöse Kompetenz von Pädagoginnen muslimischen Glaubens – gleich ob mit oder ohne Kopftuch! – noch sehr angewiesen sein, um die Integration der weiter zu uns strömenden Flüchtlinge aus der islamischen Welt in die multireligiöse, freiheitlich-demokratische Bundesrepublik einigermaßen friedlich zu schaffen. Da könnte es zu denken geben, dass in toleranten Einwanderungsgesellschaften wie z. B. Großbritannien, Kanada oder Australien niemand etwas dagegen hat, wenn hoheitsbefugte Beamte religiös motivierten Kopfschmuck tragen. Er bewirkt in diesen Ländern keinerlei Zweifel an der Gesetzestreue solcher Staatsdiener, sondern lehrt die Jugend geradezu umgekehrt, dass Menschen jeglicher Religion genauso entschieden wie Atheisten das für alle geltende staatliche Gesetz zu lehren und zu verteidigen bereit sind. Solche Vorbilder braucht auch Berlin sehr dringend.

Ach, übrigens: Die schwarz-rot regierte bayerische Landeshauptstadt – immer noch stark christlich geprägt! – warb kürzlich unter anderem auch mit einer Kopftuchträgerin um Nachwuchserzieherinnen für Münchens öffentliche Kitas. Liberalitas Bavariae versus laizistische Berliner Selbstgerechtigkeit? Vielleicht nur einfach Weitblick angesichts einer völlig veränderten Bevölkerungssituation in Deutschland 2017.

13 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Jet Bundle
    Was soll das Gerede um "Identität". Auf der Arbeit trägt der Lehrer seine Arbeitskleidung. Und die Arbeitskleidung ist kein Ausdruck von Identität sondern sie ist der Arbeit zweckdienlich. Der Automechaniker trägt den Overall mit vielen praktischen Taschen mit dem er sich über die Motorhaube beugen kann ohne festzuhängen, der Bankmitarbeiter trägt den dunkelen Anzug und helles Hemd um Seriösität darzustellen. Und ein Lehrer sollte sich als Vorbild und staatliche Autorität auch respektvoll anziehen und zum Ausdruck der staatlichen Neutralität keine weltanschaulichen Symbole tragen. So einfach ist das.
    1. von Gabriele Flüchter
      Antwort auf den Beitrag von Jet Bundle 28.05.2017, 12:09:00
      Jeden Menschen, Jet Bundle, können Sie mit nichts mehr motivieren, als mit der Einladung er/sie selbst sein zu dürfen.
  2. von Jürgen Link
    Ich habe den Beitrag mehrfach gelesen, weil ich ausgehend von der Überschrift gehofft habe, nachvollziehbare, belegte Argumente vorzufinden. Leider habe ich zwar Glaubenssätze, aber keine Argumente gelesen.
    Es sei also erlaubt, auf Folgendes hinzuweisen:
    Der Islam ist ein politisches, soziales und religiöses Regelwerk. Er ist nicht nur Glaubenslehre, sondern gleichzeitig Rechts- und Staatslehre und erhebt den Anspruch, das Leben des Einzelnen wie auch der Gemeinschaft bis ins Detail zu regeln. Insofern ist der Islam eine totalitäre Ideologie.
    Maßgeblich für konservativ-gläubige Muslime sind Fatwas und die Rechtsauslegung der schiitischen und sunnitischen Rechtsschulen. Diese sagen zwar, dass Muslima und Muslim die Gesetze des Staates, in dem sie leben, befolgen müssen, aber nur so lange, wie diese Gesetze den religiösen Gesetzen nicht entgegenstehen.

    Das rituell gebundene Kopftuch symbolisiert das vorstehend Gesagte und noch mehr. Z. B. symbolisiert es die Unterordnung der Frau unter den Mann - nach muslimischer Lehre die Krone der Schöpfung - , dem die Frau jederzeit (übrigens auch sexuell) zu gehorchen hat.
    Das Kopftuch symbolisiert also Dinge, die eindeutig nicht mit dem Grundgesetz vereinbar sind. Und der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat festgestellt, dass der Islam nicht mit Demokratie vereinbar ist.

    Ein solches Symbol hat in Schulen nichts zu suchen!

    Ich hätte mir gewünscht, dass der Autor des Artikels, bevor er Religionssymbole als unerheblich abtut, diskutiert, welche Wirkung Symbole als Teil einer nonverbalen Kommunikation auf Menschen haben. Leider tut er das nicht. Dabei ist akzeptiert, dass Menschen über Symbole mobilisiert werden können, Symbole also wirken. Warum sonst sind z. B. Nazisymbole verboten?
    Das Berliner Neutralitätsgesetz ist ein gutes Gesetz. Es ist europarechtskonform und m. E. auch verfassungskonform, weil alle Weltanschauungen gleich behandelt werden.
    Nur so der kann Schulfrieden gewahrt werden kann.
    1. von Gabriele Flüchter
      Antwort auf den Beitrag von Jürgen Link 18.05.2017, 10:43:54
      In der Schule geht es nicht primär um Symbole, es geht primär um den Bildungsauftrag, der darin besteht, mit allen Schulteilnehmern Demokratie zu leben und zu lernen, wie man selbst ein Teil davon ist und wie man sich einbringen kann.

      Alle Schulteilnehmer sollten aussehen dürfen, wie sie wollen, denn es tut für den Bildungsauftrag nichts zur Sache und spiegelt dennoch die Realität des Lebens und die sollte nicht aus dem Schulalltag ausgeschlossen werden.

      Viel schlimmer ist es doch zu wissen, dass viele Kinder gar nicht in den Genuss einer Schulbildung kommen oder nicht in den Genuss der gleichen Schulbildung wie andere Kinder.

      Schule ist ein Kinderrecht, muss ein Kinderrecht sein.
  3. von Sybille Volkholz
    Ich stimme der Position von Prof. Ramseger ausdrücklich zu und möchte noch einige Argumente hinzufügen.
    Die grundgesetzlich geschützte Freiheit der Religionsausübung umfasst auch das Recht darauf, zu definieren, was zur religiösen Identität gehört. Und das kann nur die Betreffende selbst und können nicht andere ihr vor- und zuschreiben.
    Wenn viele Muslima zum Kopftuch gezwungen werden, werden sie nicht dadurch befreit, dass es ihnen verboten wird, sondern dass sie darin gestärkt werden, selbst zu entscheiden, was sie wann tragen.
    Zur Neutralität des Staates gehört nicht die Abwesenheit von Religion, sondern dass er keine Religion oder Weltanschauung bevorzugen oder sich zu eigen machen darf. Es dürfen nicht staatlicherseits Kreuze in Klassenzimmern aufgehängt werden. Aber die Neutralität ist auch gewährleistet, wenn durch das Lehrpersonal die religiöse Vielfalt hergestellt wird. Dazu können dann kopftuchtragende Muslima, kippatragende Juden und kreuztragende Christen und alles ablehnende Atheisten gehören. Es gehört auch zum Erziehungsauftrag der Schule, Kindern die Vielfalt und Gleichberechtigung der verschiedenen Weltanschauungen und Religionen nahe zu bringen. Für alle gilt selbstverständlich das Indoktrinationsverbot, dass die jeweils eigene Überzeugung nicht den Kindern und Jugendlichen aufoktroyiert wird.
    Diese Position ist im Übrigen auch ausdrücklich vom Bundesverfassungsgericht so vertreten worden und das Berliner Abgeordnetenhaus täte gut daran, die Berliner Gesetzeslage dem anzupassen.
  4. von Klaus Reinhardt
    Das Kopftuch
    ist kein islamisch-religöses Symbol sondern ein kulturelles Zeichen aus vor islamischer Zeit. Wann begreifen wir, daß dies lediglich ein Druckmittel erzkonservativer islamischer Organisdation ist. Das Kopftuch ist nicht der Säulen auf dem der Islam "ruht". Das Kkpftuch ist ein politisches Mittel.
    1. von Gabriele Flüchter
      Antwort auf den Beitrag von Klaus Reinhardt 16.05.2017, 12:24:03
      Das begreifen "wir" wohl nur, wenn "wir" davon überzeugt würden, dass aber bin ich bei Weitem nicht.

      Mich überzeugt Ramsegers Beitrag, denn er bezieht sich auf das worum es geht im Schulleben.
  5. von F. Pankhurst
    Teil 3

    Der konservative Islam in dieser Form mit seiner Vorliebe für Kopftücher unterstützt wieder das Bild der Frau als Hure oder Heilige, was es bei Männern in der Form nicht gibt.
    Und nun sollen durch die Hintertür, durch das gestatten religiöser Symbole, in eigentlich nicht dafür vorgesehenem Umfeld, diese archaischen Ansichten wieder Einzug halten.
    Wer weiß, vielleicht gefällt einigen „westlichen“ Männern ja das Bild von der Frau, die zwar beruflich selbstständig sein kann und das Geld mitverdient, sich aber sonst ganz und gar ihrem Ehemann vorbehält.
    In gewisser Weise lassen uns die Muslima, die das Kopftuch tragen wollen, allein. Vor allem beim Argument „seit ich das Kopftuch trage, werde ich seltener belästigt“.
    Sie bestätigen damit indirekt die Auffassung konservativer Muslime, dass Frauen, die nicht Hijab tragen, aufgeschlossen für „Anmache“ sind, was ja so absolut nicht stimmt.
    Wer kümmert sich eigentlich mal um die vielen Vorurteile und den, ich benutze jetzt auch mal diesen Ausdruck, RASSISMUS gegenüber westlich orientierten Frauen?????
    Ich unterstütze übrigens vollkommen Frauen wie Seyran Ates, die für eine Reformierung des Islam eintritt, sehe das Problem also nicht im Islam an sich.
  6. von F. Pankhurst
    Teil 2

    Da spielt der Anspruch der Männer eine Rolle. Nur sie dürfen den „Schambereich“ Kopfhaar (totes Hornmaterial, dass sowohl Männer als auch Frauen haben!) ihrer Frau zu Gesicht bekommen. Bei jungen Mädchen sollten nun nicht auch noch wieder die Haare, die Arme und Beine sexualisiert werden (denn das gehört auch dazu). Mädchen sollten genauso wie Jungen unbeschwert und in Bezug auf ihren Körper „natürlich“ aufwachsen dürfen. Da ist für mich eine Lehrerin mit Kopftuch negativ wirkend. Vor allem für muslimische Schülerinnen, die das Kopftuch ablehnen.
    Deshalb ist für mich das Zulassen des Kopftuchs im Unterricht so, wie im Unterricht die Aussagen zu erlauben, dass vorehelicher Sex Sünde und Masturbation des Teufels ist.
    Solche mittelalterlichen Vorstellungen in Form des „Schamtuchs“ bei Vorbildern wie Lehrern oder im öffentlichen Dienst zuzulassen, ist für mich vollkommen unangebracht.
    Was nicht bedeutet, dass der Hijab gar nicht getragen werden darf (was, ich weiß, auch nicht gesetzmäßig wäre). Natürlich kann eine Frau privat tragen was sie möchte, durchsichtige Blusen oder eben Kopftuch. Es sollte nur nicht alles überall möglich sein.
    Verbieten sollte man auch meiner Meinung nach nicht, dass Burka oder Nikab in der Öffentlichkeit getragen werden. Da sehe ich das Problem, wenn eine Frau gezwungenermaßen diese Kleidung trägt, dass sie dann gar nicht mehr die Möglichkeit hat ihre Wohnung zu verlassen.
    Was mich wundert ist, dass jetzt plötzlich vielfach die Linksorientierten alles wieder zurückdrehen möchten. Dabei hat die Generation der linken „Alt-68er“ diese religiösen und gesellschaftlichen Vorgaben bekämpft und wir stehen heute nur deshalb da wo wir sind. Zusammenleben ohne verheiratet zu sein und vorehelicher Sex wären womöglich immer noch verpönt bzw. geächtet. für konservative Muslime ist ein enges Zusammenarbeiten von Männern und Frauen ja bereits problematisch.
    Weiter Teil 3
  7. von F. Pankhurst
    Teil 1

    Die Sanyassin der 70er und 80er Jahre werden sich ärgern, bei so viel Einsatz für das Tragen religiöser Symbole im Jahr 2017. Damals war es den an staatlichen Schulen unterrichtenden Lehrern unter ihnen nicht erlaubt die orangefarbenen langen Gewänder auch in der Schule vor den Schülern zu tragen. Und bei dieser „Tracht“ gab es nicht einmal die Unterscheidung für Männer und Frauen.

    Heute, ZITAT: „Wir werden in den kommenden Jahren auf die multikulturelle, multilinguale und multireligiöse Kompetenz von Pädagoginnen muslimischen Glaubens – gleich ob mit oder ohne Kopftuch! – noch sehr angewiesen sein...“.
    Das sollte kein Argument sein um nun jeden, der eine bestimmte Qualifikation hat, in bestimmten Bereichen einzustellen bzw. in jeder Kluft unterrichten zu lassen. Dann könnten wir bei Richtermangel auch auf Richter zurückgreifen, die in der Nähe des Nazitums einzuordnen sind.
    Das Kopftuch steht für einen sehr konservativen Islam, den ich in Positionen mit Vorbildcharakter auch nicht unterstützt sehen möchte.
    Sicher gibt es heute viele Begründungen für das Tragen des Hijab, darunter das Argument der angeblichen „Spiritualität“, was auch immer das hier bedeuten mag. Die einzige legitime, um das Kriterium der Religionsausübung zu erfüllen, wäre, dass es getragen wird, weil man meint, dass ein Gott oder Allah es so will.

    Und da liegt für mich der Kritikpunkt. Was mir als Frau widerstrebt, ist der Ursprung des Hijab-Tragens. Und der wird auch heute noch eine Rolle spielen. Ausgedacht von archaisch denkenden Männern vor hunderten von Jahren um Sklavinnen und ehrbare Frauen unterscheiden zu können, das „schwache Geschlecht“ der triebgesteuerten Männer, die angeblich nicht in der Lage sind sich zusammenzureißen und ihren Sexualtrieb zu kontrollieren, vor den sündigen Frauen zu bewahren.
    Und um das Recht der Ausschließlichkeit an der eigenen Frau zu demonstrieren.

    Weiter Teil 2
    1. von Gabriele Flüchter
      Antwort auf den Beitrag von F. Pankhurst 15.05.2017, 11:07:37
      Ich kenne das zitierte Werk aus einer Lesung, die Anregungen finde ich sehr spannend für eine Debatte, im gesellschaftlichen Miteinander kommt es aber eben auch dazu, dass mehr als ein Werk gelesen wird, weshalb sich jeder an etwas anderem orientiert für seine/ihre Sicht vom Frau- und Mann-Sein.

      Und selbst in "Nazi-Nähe" dürfen alle, die das wollen, deshalb ist ja gerade die Schule der Demokratie so wichtig, dass es möglichst viele Menschen gibt, die sich dann dagegen entscheiden werden, Menschenfeinde zu werden.

      Wer diese Selbstentwicklung nicht erfahren darf, weil er als KInd schon unterdrückt wird, sei es durch den Zwang, etwas zu tun, oder den Zwang, etwas nicht tun zu dürfen, wird es nicht mehr lernen zu verstehen, was Selbstverantwortung ist.

      Zwänge gibt es immer, gerade die Schule aber sollte der Ort sein, der Zwänge in Frage stellt, ohne den Willen des Einzelnen zu missachten.

      Das ICH, das freie und selbstverantwortete ICH, ist das, was eine humane Gesellschaft so dringend gebraucht und was immer seltener wird, das ist mein persönlicher Eindruck.

      Ob mir dann im Einzelnen jedes dieser ICH angenehm ist, spielt keine große Rolle, denn ICH bin auch nur ein ICH unter unzähligen ICHs.
  8. von Peter Kranich
    Hier wird von Professor Ramseger sehr blauäugig argumentiert. Natürlich sollte man keiner Muslimim verbieten, in der Öffentlichkeit oder in Privaträumen das Kopftuch zu tragen. Warum soll das aber in der Schule sinnvoll sein, wenn doch das Kopftuch ein Symbol der Unterdrückung der Frau ist? Wie will eine Kopftuch tragende Lehrerin glaubhaft die im Schulgesetz von Berlin festgeschriebene Zielsetzung "Gleichstellung der Geschlechter" vermitteln, wenn sie selbst ein Kopftuch tragen muss? Was wird sie Schülerinnen antworten, wenn sie gefragt wird, ob es im Sinne des Grundgesetzes oder des Schulgesetzes ist, ein Kopftuch tragen zu müssen?
    Wenn sie sagt, sie müsse es ja gar nicht, kann sie es ja auch ablegen.
    Herr Ramseger merkt gar nicht,wie er mit seiner scheinbar toleranten Argumentation denen auf den Leim geht, die Frauen Rechte absprechen und als Zeichen der Unterdrückung das Kopftuch aufzwingen. Egal, ob im Iran, in arabischen Ländern, in Afghanistan, in Kulturvereinen oder in der Moschee. Das gilt auch dann, wenn sich eine Frau diesem Druck beugt und vorgibt, es selbst bestimmt zu tun.
    Über das Gesetz hinaus würde ich immer als Schulleiter einem Lehrer verbieten,im Unterricht oder in der Konferenz oder bei Elterngesprächen einen Hut zu tragen, auch wenn er behaupten würde, dieser sei Teil seiner Identität und lediglich modischer Ausdruck.
    1. von Gabriele Flüchter
      Antwort auf den Beitrag von Peter Kranich 15.05.2017, 08:52:34
      Ich habe aus Versehen die "Kommentar-melden"- Taste gedrückt, ich habe die falsche Taste erwischt.

      Ich möchte ganz kurz antworten:

      Unterricht erkennt man nicht daran, wie ein Lehrer aussieht,
      Unterricht erkennt man am Unterricht, die Ausbildung und die Erfahrung machen die Arbeit auf diesem hochkomplexen Gebiet erst möglich, und nicht der Anzug.