Der Feminismus und das Kopftuch Die Feministen haben Angst das Kopftuch zu kritisieren

Bild von Judith Sevinc Basad
Mitbegründerin der Initiative Liberaler Feminismus

Expertise:

Judith Sevinc Basad ist Mitgründerin der Initiative "Liberaler Feminismus" und engagiert sich im Verein "Frauen in der Literaturwissenschaft" (FrideL e.V). Sie studierte Germanistik und Philosophie in Stuttgart und studiert momentan Neuere Deutschen Literatur an der FU Berlin mit Schwerpunkt in der Geschlechterforschung.

Deutsche Feministen machen den islamischen Schleier zur gesellschaftlichen Norm, um nicht als Rassisten bezeichnet zu werden. Das Kopftuch ist aber ein Symbol der Unterdrückung. Die Repression darf nicht aus Angst oder naivem Kulturrelativismus totgeschwiegen werden.

Wer schon einmal über den Berliner Kurfürstendamm, die Stuttgarter Königstraße oder irgendeine andere deutsche Einkaufsmeile flaniert ist, wird sie kennen: die Außendienstmitarbeiter der Hilfsorganisationen. Mit einem Lächeln und dem Hinweis darauf, dass schon fünf Euro ein Menschenleben retten können, appellieren sie an das Gewissen der vorbeieilenden Passanten. Und das häufig mit Erfolg.

Denn wer sich erstmal überreden lassen hat, Geld an die Kinder in Somalia, Jemen oder Kambodscha zu überweisen, belässt es meistens nicht bei fünf, sondern spendet nicht selten gleich 50 oder gar 500 Euro.

Sigmund Freud erkannte hinter diesem Phänomen einen psychologischen Mechanismus, den er das „Paradox des Über-Ich“ taufte: Je mehr man sich den Forderungen des Gegenübers fügt, desto größer wird die eigene Schuld, wenn man sich den Forderungen widersetzt. Oder praktisch gesprochen: Unser Schuldgefühl darüber, nicht noch mehr Kinderleben gerettet zu haben, wächst mit der Summe, die wir nach Afrika überweisen.

Doch das Paradox ist nicht nur Hilfsorganisationen bei der Kaltakquise nützlich. Auch islamistische Fundamentalisten appellieren bei ihren Forderungen an das schlechte Gewissen ihrer Opfer. So beteuerte Oskar Lafontaine, wenige Wochen nachdem Islamisten im November 2015 Paris in Blut getränkt hatten, sein Verständnis für die Wahnsinnstat: „Was sollen die Armen machen im Vorderen Orient, die seit Jahren dem Kolonialismus ausgesetzt sind?“, fragte der Saarländer damals. „Sie haben keine Bomben, sie haben keine Raketen, sie haben keine Heere, die sie auf den Weg bringen können, um ihre Interessen zu wahren – und dann greifen sie zum Selbstmordattentat." Lafontaine übernahm damit das Narrativ der Islamisten, die in ihrem Bekennerschreiben geschrieben hatten, die Anschläge seien als „gesegneter Kriegszug“ auf das „kreuzzüglerische Frankreich“ zu verstehen.

Rechtfertigungsversuche nach Lafontainescher Art sind in der politischen Linken längst keine Einzelfälle mehr. Im Gegenteil, wenn es um Schuldzuweisung durch Islamisten geht, tappen Linke regelmäßig in die Über-Ich-Falle. Das ist auch dem Philosophen Slavoj Žižek aufgefallen: Linksliberale litten unter einer „pathologischen Angst“, sich des Rassismus und der Islamophobie schuldig zu machen, schrieb der Slowene. Diese Furcht sei so weit verbreitet, dass Linksliberalen lieber islamistischen Terror legitimierten, als in der Öffentlichkeit als Rassist denunziert zu werden.

Linksliberalen legitimieren lieber islamistischen Terror, als in der Öffentlichkeit als Rassist denunziert zu werden.

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Wenn sich Linke den totalitären Forderungen von Islamisten ergeben, sind die Leidtragenden dabei zumeist eines: weiblich. So reiste im Februar eine Delegation der schwedischen Regierung nach Iran. In ein Land also, das Frauen seit Jahrzenten Bürgerrechte entzieht und zur Verschleierung zwingt. Tausende Frauen werden jährlich von der iranischen Moralpolizei wegen Verstößen gegen die islamischen Kleidungsvorschriften schikaniert und verhaftet. 

Doch anstatt Präsident Hassan Rohani vor die Füße zu spucken und sich mit den iranischen Widerstandskämpferinnen von „My Stealthy Freedom“ solidarisch zu erklären, entschieden die Vertreter der „ersten feministischen Regierung der Welt“ (Eigenbeschreibung), lieber ein Kopftuch über die Haare zu ziehen und demütig zu lächeln.

Aber auch auf Solidaritätsbekundungen aus den Reihen deutscher Feministen brauchen die mutigen Frauenrechtlerinnen aus Teheran nicht hoffen. Denn die sind ihrerseits seit Jahren damit beschäftigt, den islamischen Schleier als gesellschaftliche Normalität umzudeuten.

Feministen deuten den islamischen Schleier als gesellschaftliche Normalität um.

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Die Argumentationslinie verläuft dabei Analog zu der von Lafontaine: kopftuchtragende Frauen werden nicht etwa als Opfer des islamischen Patriarchats, sondern als Opfer deutscher Rassisten begriffen. Das konnte man vor zwei Jahren im „Vice“-Magazin nachlesen. Frauen fänden demnach weder Job noch Wohnung allein aus dem Grund, „weil manchen Arbeitgebern und Vermietern die Wahl ihrer Kopfbedeckung nicht passt.“ Auch hier ergibt sich das linke Gewissen den frauenverachtenden Forderungen einer muslimischen Männerherrschaft. Denn den Fehler begeht hier nicht die westliche Gesellschaft, die den Hijab nicht akzeptieren will, sondern das islamische Patriarchat, das für die negative Bedeutung des Schleiers verantwortlich ist.

Doch die Angst, sich des Rassismus schuldig zu machen, sitzt tief unter den deutschen Feministen. So tief, dass sie die misogyne Realität des Alltags im Nahen Osten totschweigen und den Schleier als modisches Accessoire oder Zeichen der Emanzipation verharmlosen. Denn nichts Anderes geschieht, wenn die hiesigen Medien von der „Taz“ bis „Bento“ Hijab, Nikab und Burka in eine Reihe mit dem Kopftuch einer „schwäbischen Oma“, der Queen und sogar dem Pali-Tuch von Yassir Arafat stellen.

Unterdrückung darf nicht totgeschwiegen werden. 

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Eine von der „FAZ“ veröffentlichten Studie der Vereinten Nationen hat jüngst vor Augen geführt, wie sich steinzeitliche Rollenverständnisse in Ländern wie Ägypten, Libanon, Marokko und den palästinensischen Autonomiegebieten manifestiert haben. Zitat: „Unter den Palästinensern beispielsweise sahen es achtzig Prozent als wichtigste Aufgabe der Frauen an, sich um den Haushalt zu kümmern. Ebenso viele in allen vier Ländern meinten, dass der Zugang zu Jobs zuerst den Männern vorbehalten sein sollte. Und auch dass Männer in ihren Familien den Ton angeben, also etwa entscheiden, welche Freiheiten ihre Ehefrauen genießen, was sie tragen und wohin sie gehen dürfen, wurde von mehr als zwei Dritteln aller männlichen Befragten unterstützt.“

Warum sollten es also die agnostischen Hipster-Emanzen aus der deutschen Medienbranche sein, die die Deutungshoheit über das islamische Kopftuch besitzen? Und warum machen sich gerade die schärfsten Kritiker des „Eurozentrismus“ einer derartigen Ignoranz schuldig? Bewerten sie ihre Schützlinge am Ende gar selbst aus einer „weißen Perspektive“ heraus?

Die agnostischen Hipster-Emanzen der deutschen Medienbranche haben keine Deutungshoheit über das islamische Kopftuch.

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Die Ablehnung, die kopftuchtragende Frauen in Deutschland zu spüren bekommen, mag für die Betroffenen eine schmerzhafte Erfahrung sein. Dennoch müssen sich Muslimas in Deutschland darüber bewusst sein, welche Bedeutung das Tuch in der Mehrzahl der muslimischen Länder einnimmt – und mit Kritik umgehen können.

Unterdrückung und Repression in der islamischen Welt dürfen in Deutschland nicht einfach totgeschwiegen werden. Nicht durch einen blauäugigen Kulturrelativismus und schon gar nicht durch den verkappten Über-Ich-Komplex der linken Feministen.

5 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Katharaina Karlowa
    Bravo, Frau Basad! Endlich mal ein vernuenftiger Artikel. Was sich so genannte Linke und so genannte Feministinnen in Sachen Islam leisten, ist eine Katastrophe, ein Verrat an der orientalischen Frauenbewegung so wie an allen kritischen Stimmen aus dem Orient. Ich verweise auch auf den obigen Kommentar von Herrn Kiwitt bezüglich Apostase, empfehle auch das Buch von Charb. Es scheint eine Art religiöse Hysterie der Pseudolinken zu sein, die Wirklichkeit nicht sehen zu wollen. Es ist an der Zeit, dass endlich Apostatinnen und Reformmuslime in der europäischen Presse zu Wort kommen, es gibt sie, aber sie werden totgeschwiegen oder niedergeschrien (Mina Ahadi von den Exmuslimen, Necla Kelek von der reformmuslimischen Seite, Hamed Abdel Samad und viele andere). Das das Monopol der Islamkritik den Rechtsradikalen überlassen wird, ist eine Schande. Der traditionelle Islam, eine religiöse Ideologie aus dem Mittelalter, ist der Nährboden für den Islamismus, die reaktionärste, rechteste und tödlichste faschistische Bewegung, die im Moment im Angebot ist.
  2. von Eckhardt Kiwitt, Freising
    Es erstaunt mich, dass so manche Menschen, die sich selbst politisch eher Links sehen, eine rechtsreaktionäre, totalitäre Ideologie und ein despotisches System (Islam) sowie dessen Werte und tatsächlichen oder vermeintlichen Gesetze verteidigen -- damit übrigens auch die in Deutschland verfassungswidrige Todesstrafe verteidigen, die im Islam für Apostaten gilt -- und sich gegenüber Angehörigen dieser Weltanschauung paternalistisch, also bevormundend und damit "rassistisch" verhalten, gleichzeitig aber jede Kritik an dieser rechtsreaktionären Ideologie als "Rassismus" und als Islamophobie diffamieren.

    Empfehlen möchte ich ihnen das Buch "Brief an die Heuchler - und wie sie den Rassisten in die Hände spielen" von CHARB.
    Darin wird der destruktive Rassismus von Rechts ebenso kritisiert wie der subtile Rassismus von Links.

    Eckhardt Kiwitt, Freising (Islam-Prinzip)
  3. von Sieglinde Fliehs
    Als eine der Feministinnen der ersten Stunde (ich habe für meine Gleichberechtigung noch auf die Straße demonstrieren gehen müssen) habe ich noch erlebt, dass Frauen aus der kemalistisch geprägten Türkei, manchmal sogar allein als Gastarbeiterinnen oder als Ehefrauen, fast immer Kopftuchlos nach Deutschland kamen.
    Wir sehr sich das im Laufe der Jahre geändert hat, habe ich in Deutschland und in den 80er Jahren in Frankreich, wo ich einige Jahre wohnte erleben müssen.
    Mit der Revolution im Iran begann auch hier bei uns ganz allmählich eine Veränderung hin zum Kopftuch und damit zum konservativen und politischem Islam.
    Inzwischen gelten in der hiesigen islamischen Community Frauen, die sich nicht verhüllen, als Schlampen und Huren, die für alle verfügbar und unrein sind. Das Kopftuch soll die Frau in der Öffentlichkeit möglichst wenig, am besten aber gar nicht reizvoll machen. Dahinter kann nur stehen, dass die muslimische Frau immer noch als eine Art Besitz gesehen wird.
    Dass aber viele islamische Musliminnen das Tragen eines Kopftuchs als einen persönlichen Freiheitsakt sehen, kann nur verwundern.
    Wie sagte ein Berliner Philosoph: Wenn man den Zwang, dem man unbewusst unterworfen ist, als Freiheit empfindet, ist das das Ende der Freiheit.“ Wo aber die Freiheit zu Ende ist und Zwang regiert, da ist Widerstand nicht mehr möglich.
  4. von Klaus Reinhardt
    Das Kopftuch hat mit Religion
    und dem (?) Islam nichts zu tun. Das Koptuch ist ein kulturelles Symbol, wie Emel Zeynelabidin, Tochter des Gründers der Milli-Görus-Bewegung, bei N24/Welt Ende April 2017 schrieb: "Ein junges Mädchen lässt ihre Mitmenschen mit Beginn der Verhüllung unmissverständlich und ungefragt teilhaben an etwas, was wir heute absolute Privatsphäre nennen würden, nämlich ihre erste Monatsblutung, die sie zur geschlechtsreifen Frau macht." Wann repektieren wir endlich die Muslime wir Frau Zeynelabidin und kauen nicht alles nach, was erzkonservative "Kopftuchislamisten" des Zentralrats der Muslime, DtiB und andere islamische Vereine, die sich im Koordinierungsrat der Muslime zusammen getan haben, uns vorbeten. Diese islamischen/islamistischen Vereine repräsentieren weniger als 25% der in Deutschland lebenden Muslime.
  5. von Greta Klein
    Gern hätte ich in diesem Beitrag Argumente gelesen. Nun ja, auf dem Boden der Tatsachen liegt wenig Glitter, sodass es der Autorin wohl viel zu mühsam war, differenziert zu denken, schlüssig zu formulieren und nicht nur oberflächlich zu argumentieren ("die Feministen", ? "der politischen Linken"? "verkappter Über-Ich-Komplex der linken Feministen" und so manche Rechtschreibfehler). Somit ist dies wieder einmal ein ganz und gar kein konsttruktiver Beitrag zu einem Diskurs, der weit komplexer ist als die Autorin es in ihrer holzschnittartigen Darstellung niedergeschrieben hat.