Augmented Reality Sind Pokémon die besseren Haustiere?

Bild von Claus-Peter H. Ernst
Medienwissenschaftler Frankfurt University of Applied Sciences

Expertise:

Claus-Peter H. Ernst ist Professor für Wirtschaftsinformatik und BWL an der Frankfurt University of Applied Sciences und vertritt insbesondere den Bereich E-Business. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Medien- und Technologienutzung, Social Media, Cloud Computing, Industrie 4.0 und Business Process Outsourcing.

Pokémon Go fördert soziale Kontakte, meint Medienwissenschaftler Claus-Peter H. Ernst. Ob die neue Technik unsere Gesellschaft verändern wird, beantwortet er im Gespräch mit Tagesspiegel Causa.  

Wer spielt Augmented-Reality-Spiele und was fasziniert die User an diesen Games?

Ich denke, die große Faszination dieser Spiele ist derzeit vor allem durch den Neuigkeitswert zu erklären. Augmented Reality ist etwas, was der Nutzer so noch nicht erleben konnte. Bei Pokémon Go ist es zum ersten Mal der Fall, dass der breiten Masse diese Technologie gezeigt und zur Verfügung gestellt wird. Die Spieler sind in der Lage ihre Realität um die Pokémon-Wesen zu erweitern. Die meisten kennen so etwas nur aus Science-Fiction Filmen.

Für die junge Generation sind die Pokémon-Wesen seit langem Teil einer Pop-Kultur, von der es alle Formen des Merchandising gibt. Bei der älteren Generation, die die Pokémon schon Mitte der 90er Jahre erlebt haben, spielt natürlich auch eine gewisse Nostalgie eine Rolle. Hinzu kommt die Omnipräsenz des Spiels in den Medien, die zusätzlich die Neugierde der Menschen stimuliert hat.

An was stören sich die "Nicht-Spieler"?

Der größte Kritikpunkt ist wohl das permanente Starren der Spieler auf ihr Smartphone. Sie nähmen ihre reale Umgebung gar nicht mehr wahr. Das heißt, der Spieler bewegt sich zwar draußen, aber die Umwelt wird nur über das Handydisplay erlebt. 

Pokémon Go ist die Renaissance des gemeinsamen Spielens und fördert soziale Kompetenzen.

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Ich selbst sehe das jedoch anders. Ich denke, dass Pokémon Go ein sehr soziales Spiel ist. Wenn ich an meine Jugend zurückdenke -  damals steckte das Videospielen noch in den Kinderschuhen - dann erinnere ich mich an die gemeinsamen Treffen im Wohnzimmer. Das Spielen war wirklich noch ein gemeinschaftliches Erlebnis. Das ist in meiner Wahrnehmung vor allem durch das Aufkommen des Internets verloren gegangen. Es wurde möglich, dass Menschen gemeinsam spielen, auch wenn sie weit voneinander entfernt sind.  Dadurch ist das gemeinsame Spielen weniger sozial geworden. Mitspieler haben sich, wenn überhaupt, nur noch über Webcam oder Mikrophon kommuniziert.

Hier kommt Pokémon Go ins Spiel. Dieses Format hat es geschafft, dass die Nutzer wieder rausgehen und nicht nur zuhause vor dem Bildschirm sitzend spielen. Spieler ziehen in Gruppen los, um Pokémons zu fangen. Oder sie kommen sogar mit Menschen ins Gespräch, die ihnen völlig unbekannt sind.  

Wird sich Augmented-Reality auf das zukünftige Miteinander auswirken und Umgangsformen sich dadurch verändern?

Ich glaube nicht, dass Augmented-Reality jemals das „face to face“-Meeting ersetzen wird. Augmented- Reality ist schließlich auch mehr als diese Spiele. Microsoft zeigt das beispielsweise eindrucksvoll mit seiner HoloLense: Durch das Aufsetzen dieser sogenannte Smart Glases ist der Nutzer in der Lage seine Realität zuhause mit virtuellen Gegenständen zu ergänzen – ein virtueller Fernseher oder ein virtuelles Gemälde. Auch virtuelle Meetings werden dadurch ermöglicht.

Etablierte Umgangsformen werden durch den technischen Fortschritt nicht obsolet. 

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Trotzdem wird jede dieser Techniken nie das reale Nebeneinandersitzen oder den realen Handschlag ersetzen, sondern nur erweitern („augmenten“) können. Auch die Wahrnehmung der Leute darüber, was sozial adäquat ist und was nicht, wird dadurch aber nicht verloren gehen.  

Warum werden Spieler süchtig nach Spielen wie Pokémon Go - welches menschliche Bedürfnis wird dadurch befriedigt? Holt sich der User über den virtuellen Wettkampf eine Bestätigung, die ihnen im wahren Leben verwehrt bleibt?

Natürlich kann Pokémon Go wie auch alle anderen Dinge negativ werden, wenn man es nicht in Maßen verwendet. Das ist spätestens dann der Fall, wenn durch das Spielen Job oder soziale Kontakte vernachlässigt werden.

Auch fiktive Beziehungen können das Gefühl der Einsamkeit vertreiben. 

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Pokémon Go bietet genauso wie andere Spiele verschiedene suchtauslösende Faktoren. Das Jagen und Sammeln ist schließlich einer der menschlichen Urinstinkte. Hinzu kommt noch die Befriedigung des Bedürfnisses nach Zugehörigkeit und Kontakt mit anderen Menschen, um sich nicht allein zu fühlen. Pokémon ist auf zwei Arten in der Lage dieses Bedürfnis zu befriedigen. Das Aufeinandertreffen von Leuten, die das gleiche Interesse verfolgen, gibt allen ein Gefühl der Zugehörigkeit. Hinzukommt, dass Pokémon wie Haustiere Menschen das Bedürfnis von Gesellschaft geben können. Auch die fiktive Beziehung schafft es Einsamkeit zu verdrängen.

Der Wettbewerbsaspekt spielt natürlich auch eine Rolle bei dem Erfolg dieser Spiele. Bei Pokémon kann sich der Nutzer dadurch hervortun die meisten Pokémon gesammelt zu haben. Im Wettstreit in den sogenannten Kampf-Arenen kommt ein direkter Zweikampf zustande.   

Menschen, die in beinahe gebückter Haltung virtuellen Figuren hinterherjagen. Sieht so die vielbeschworene digitale Revolution aus?

Die Menschen werden den Einsatz von Technik in ihrer Freizeit bewusst reduzieren. 

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Ich glaube nicht, dass wir einer Welt entgegensehen, in der alle ständig auf ihr Handy schauen. Ich glaube sogar eher, dass wir in den nächsten Jahren beobachten werden, dass sich Menschen in bestimmten Situationen bewusst diesen Medien entziehen. Dadurch, dass diese digitale Welt einen immer größer werdenden Anteil unseres Lebens eingenommen hat, werden Leute zukünftig in ihrem Alltag öfter davon Abstand nehmen und die Technologien gezielter für notwendige Dinge nutzen.

Das Gespräch führte Magdalena Thiele.

 

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Computerspiele und Realitätsflucht: Werden wir süchtig?

Dieser Text ist Teil einer Debatte auf Tagesspiegel Causa, dem Online-Debattenmagazin des Tagesspiegels. Lesen Sie in dieser Debatte auch den Beitrag von Jochen Koubek: Die Welt ist Schlimmeres gewohnt. Die ganze Debatte hier. 

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