Digitales Suchtpotential Der Sog des Digitalen - Onlinesucht und Internetabhängigkeit

Bild von Marlene Mortler
Drogenbeauftragte der Bundesregierung CSU

Expertise:

Marlene Mortler gehört seit 2002 dem Deutschen Bundestag an. Sie ist eine der stellvertretenden Vorsitzenden der CSU-Landesgruppe und deren Sprecherin für Ernährung, Landwirtschaft, Umwelt und Bau. 2014 wurde sie zur Drogenbeauftragten der Bundesregierung ernannt.

Für eine halbe Millionen Menschen ist die grenzenlose Online-Welt zum Gefängnis mutiert - sie sind internetsüchtig. Die Drogen- und Suchtbeauftragte der Bundesregierung Marlene Mortler warnt vor Konsequenzen für das soziale Miteinander.

Die digitalen Medien sind faszinierend. Sie entwickeln sich rasant und eröffnen uns Möglichkeiten, von denen wir vor ein paar Jahren nur geträumt haben. Von zu Hause aus arbeiten oder studieren? Urlaube buchen, Autos, Mode oder Schmuck kaufen? Mit Menschen auf der ganzen Welt zu jeder Zeit chatten oder spielen? Olympia im Livestream auf sechs Kanälen verfolgen? Alles ist möglich, nichts ist ausgeschlossen. Wir haben zu jeder Zeit und an jedem Ort Zugriff auf die Welt und die Welt hat Zugriff auf uns.

Ist das gut oder schlecht? Weder noch. Es ist zunächst nur eine Tatsache. Gut oder schlecht ist unser Umgang mit den digitalen Medien. Er ist dann schlecht, wenn wir die Kontrolle verlieren. Wenn das Internet zum Konzentrations- und Lebenszeiträuber wird. Wenn vor allem Kinder und Jugendliche sich in Social-Media oder Online-Gaming flüchten oder bei Erwachsenen die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmt. Die PINTA-DIARI-Studie hat bereits im Jahr 2013 bestätigt, dass ein Prozent der 14- bis 64-Jährigen als internetabhängig einzustufen ist; das sind rund 560.000 Menschen, wobei die Verbreitung der Internetabhängigkeit in der Altersgruppe der 14- bis 24-Jährigen am größten ist.

Internetsucht hat gravierende Folgen für das Zusammenleben in einer Gesellschaft.

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Die Folgen für die Betroffenen sind gravierend. Sie zeigen sich bei der Onlinespielsucht unter anderem daran, dass man nur noch ans Spielen denkt, psychische Entzugssymptome erlebt und schlimmstenfalls das eigene Leben ruiniert, weil die Partnerschaft, die Freunde und der Arbeitsplatz verloren gehen oder die Schule vernachlässigt wird. Aber auch für die Gesellschaft als Ganzes ist diese Entwicklung gefährlich. Michael Sandel schreibt in der Debatte auf Causa: „Die direkte Bedrohung des digitalen Zeitalters für die Demokratie liegt in dessen unaufhörlicher Tendenz zur Ablenkung.“

Die Folgerung ist klar: Der/die Einzelne und die Gesellschaft müssen lernen, mit dieser Versuchung, mit der unaufhörlichen Tendenz zur Ablenkung, umzugehen, ihr zu widerstehen.

Eltern sollten bei ihren Kindern auf einen verantwortungsvollen Umgang mit Online-Medien achten.

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Die Lösung wird sich nicht einfach bequem per Gesetz verordnen lassen, dafür sind Gesetze auch nicht da. Ihre Aufgabe ist es, die übelsten Auswüchse zu bekämpfen. Vorrangig wird es darum gehen,  Medienkompetenz zu erlernen, die Fähigkeit zur Online-Offline-Balance. Das bedeutet: Alles hat seine Zeit. Digitales Arbeiten und Spielen ist gut, im richtigen Maß.

Ich habe das Thema Internetabhängigkeit zu einem der Schwerpunkte meiner Arbeit im laufenden Jahr gemacht, weil es so wichtig ist, zu sensibilisieren und Diskussionen anzustoßen. Das fängt zuhause an:  Wenn Mama und Papa das Smartphone beim Abendessen nicht weglegen können, warum sollte es dann beim Nachwuchs klappen? Alle Beratungsstellen sagen mir: Man muss mit seinen Kindern über den richtigen Internetgebrauch im Gespräch bleiben.  Wie soll das aber funktionieren, wenn Eltern gar keine Vorstellung mehr davon haben, was die Kinder im Internet erleben? Nur wer Wissen hat und Interesse zeigt, kann (Medien-)Erziehung gestalten.

Internetsüchtige erreicht man mit Hilfsangeboten am besten online.

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Schon heute gibt es in den Großstädten eine Reihe guter Beratungs- und Behandlungsstellen. Die müssen wir in die Fläche bringen. Ich setze mich bei meinen Kollegen aus den Ländern und Kommunen für einen Ausbau der Hilfsangebote ein. Auch kann das Internet selbst ein Therapieinstrument sein: Mit dem Online-Ambulanz-Service für Internetsüchtige (OASIS), welcher gerade auf der gamescom vorgestellt worden ist, gibt es jetzt ein von der Bundesregierung unterstütztes niederschwelliges Angebot für Betroffene, die von zu Hause aus mit webcam-basierten Sprechstunden die ersten Schritte zu einer gesunden Nutzung unternehmen können.

Der Jugendschutz muss auch online besser durchgesetzt werden.

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Wir müssen auch darüber nachdenken,ob der rechtliche Rahmen stimmt. Das betrifft zum Beispiel den Jugendschutz. Wie kann dieser im Internet sinnvoll umgesetzt werden? Alles grundlegende Fragen, auf die wir Antworten finden sollten.

Medienkompetenz und Internetabhängigkeit sind ein Thema, das uns als Gesellschaft langfristig beschäftigen wird. Ich glaube, es lohnt sich. Damit wir die unendlichen Weiten selbstbestimmt erforschen und nicht in ihnen verloren gehen.   

 

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Computerspiele und Realitätsflucht: Werden wir süchtig?

Dieser Text ist Teil einer Debatte auf Tagesspiegel Causa, dem Online-Debattenmagazin des Tagesspiegels. Lesen Sie in dieser Debatte auch den Beitrag von Jochen Koubek: Die Welt ist Schlimmeres gewohnt. Die ganze Debatte hier. 

 

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