Diskriminierung an Brennpunktschulen Trauen wir uns über Rassismus an Schulen zu reden?

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Mitglied des Abgeordnetenhauses SPD

Expertise:

Maja Lasić ist Mitglied des Abgeordnetenhauses für die SPD. Dort ist sie die bildungspolitische Sprecherin für ihre Fraktion.

Alltagsrassismus ist an vielen Schulen leider immer noch Realität. Die Bildungspolitik tut zwar einiges dagegen, aber noch nicht genug. Brennpunktschulen müssen in Zukunft zu den besten Schulen der Stadt werden.

Liebe anonyme Lehrerin,

Sie haben sich getraut über Alltagsrassismus in deutschen Klassenzimmern zu sprechen, dafür ziehe ich meinen Hut vor Ihnen. Als ich heute nach einer Ausschuss-Sitzung in der S-Bahn online auf ihren Beitrag stieß, traf er mich wie eine Wucht.

Ich fühlte mich sofort in meine eigene Zeit an einer Weddinger Hauptschule zurückversetzt. Zwei Jahre war ich dort als unterstützende Kraft (sogenannter Teach First Fellow) im Einsatz, um Schülerinnen und Schülern zu besseren Abschlüssen zu verhelfen. Die zwei Jahre sind voll von großartigen Erlebnissen mit Schülern, aber auch durchflochten von harten Schicksalsschlägen der Jugendlichen und deren Diskriminierungen. An viele dieser Sprüche kann ich mich gar nicht mehr erinnern, so „normal“ schienen sie irgendwann. Andere brennen immer noch. „Geh zurück in den Libanon. Dort kannst du dich so benehmen“ war ein Spruch mitten im Unterricht, den ich unkommentiert gelassen habe, obwohl ich mit der Lehrkraft mit im Raum saß. Die Schuld des Schweigens trage ich immer noch mit mir herum. „Das Mädel gehört auf den Strich so wie sie aussieht und nicht ins Klassenzimmer“ war ein Spuch im Zweiergespräch im Lehrerzimmer, bei dem mir wiederum der Kragen platzte.

Alltagsrassismus gegenüber Schülern ist leider immer noch ein Teil des Schulsystems.

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Ich war auch immer wieder verwundert, mit welcher Leichtigkeit die Lehrkräfte diese Sätze mir gegenüber äußerten. Ich identifizierte mich sehr stark mit den Schülerinnen und Schülern und erkannte mich selbst vor 20 Jahren in ihnen. Damals suchte ich als frisch eingewanderte Geflüchtete meinen Weg durch den deutschen Bildungsdschungel. Meine Kolleginnen und Kollegen jedoch sahen dies alles nicht, obwohl ich ganz offen über meine Herkunft spreche. Sie sahen nur meine Fähigkeit, in direkter Rede Nebensätze einzubauen, meine blauen Augen und helle Haare. Dass ich und das betreffende, angeblich auf den Strich gehörende, Mädchen die Herkunftssprache und Teile des Schicksals teilten, ignorierten sie. Mein Beitrag soll hier nicht den Anschein erwecken, alle Brennpunktschulen Berlins seien so und es gäbe nicht zahlreiche Gegenbeispiele. Aber wenn Sie von gelebtem Alltagsrassismus gegenüber PoC-Schülerinnen und Schülern sprechen, muss ich sagen „Ja, dies ist ein Teil unseres Schulsystems“.

Ihr Beitrag traf mich jedoch nicht nur wegen meiner persönlichen Erfahrung an der Schule. Ich sitze mittlerweile für den Wedding im Berliner Abgeordnetenhaus und bin die bildungspolitische Sprecherin meiner SPD-Fraktion. Ihr Beitrag trifft mich auch als Bildungspolitikerin. Sind wir mutig genug, wenn es gilt die Rechte und Bedürfnisse unserer benachteiligten und segregierten Schülerinnen und Schüler zu verteidigen? Die Antwort ist aus meiner Sicht zumindest kein eindeutiges „ja“ und damit als Antwort nicht genug. Sicher gibt es unter uns PolitikerInnen solche, die reine Klientelpolitik für besserverdiendende Mittelschichtsfamilien machen und die hinter jeder Reform den Untergang des Gymnasiums wähnen. Um sie geht es hier aber nicht. Es gibt nämlich auch die anderen von uns, die sehr wohl an die Stärkung gerade der benachteiligten, sozial schwachen Familien unter anderem mit Migrationshintergrund glauben und dafür kämpfen. Was ist mit uns? Trauen wir uns ausreichend über Rassismus an Schulen zu sprechen?

Die Bildungspolitik ist gegen Rassismus an Schulen aktiv, aber noch nicht genug.

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Wir wissen um das harte Brot gerade der Lehrkräfte an Brennpunktschulen. Ihre Belastung ist enorm, wir in der jetzigen Koalition wollen die Lehrkräfte unbedingt entlasten. Ein Stück weit wird uns dies gelingen, zum Beispiel durch mehr Stunden für die Teamarbeit und mehr IT- und Verwaltungspersonal. Und dennoch ist klar: angesichts des hohen Lehrkräftemangels, der uns in den kommenden Jahren in Berlin bevorsteht, werden wir die Forderungen der Berliner Lehrkräfte nach einer Reduzierung der Stundenzahl und einer Verringerung der Klassenfrequenz nicht erfüllen können. Das schlechte Gewissen ob der hohen Belastung der Lehrkräfte nagt an uns. Dies kann auch der Grund sein, warum die Politik sich mit Fingerzeigen in Richtung der Lehrkräfte stark zurückhält, auch da wo es angebracht ist. Klar, in der neuen Koalition entwickeln wir derzeit Maßnahmen zur interkulturellen Pädagogik, um die Schulen bei der Aufarbeitung von interkulturellen und interreligiösen Stereotypen zu unterstützen. Außerdem wollen wir die unabhängige Informations- und Beschwerdestelle bei Diskriminierungen in der Schule stärken. Wenn ich ehrlich bin, ist dies trotz allen Bemühungen nicht genug.

Die Berlin-Studie zeigt uns deutlich: die Strukturreform ist ein Schritt in die richtige Richtung, die Probleme unserer Brennpunktschulen löst sie aber nicht. Im Wedding, in Neukölln usw. sind immer noch Schulen, bei denen die Segregation nicht entlang der Schulform erfolgt, sondern anhand es Anteils an SchülerInnen mit Migrationshintergrund. Tun wir denn genug für sie? Ich kann jetzt alles aufzählen, was die Bildungspolitik in der Vergangenheit gerade für Brennpunktschulen auf den Weg gebracht hat (Sprachförderung, Schulsozialarbeit, Bonusprogramm...) aber eines kann man der Berlin-Studie entnehmen: ES IST NICHT GENUG!

Brennpunktschulen müssen die besten Schulen mit den besten Lehrern der Stadt werden.

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Ich träume davon, dass unsere Brennpunktschulen die besten unserer Stadt sind. Dazu müssen im ersten Schritt die besten Lehrkräfte an die Brennpunktschulen kommen. Diese Lehrkräfte entwickeln dann eine gemeinsame Vision und ein Schulprofil, das für alle Familien im Kiez attraktiv ist. Teil dieser Vision ist ein positiver – diskriminierungsfreier – Umgang mit Schülerinnen und Schülern. Dort, wo dies nicht gelingt, können sich Schülerinnen und Schüler ohne Angst über Diskriminierung im Schulkontext beklagen können. Ohnehin werden in meinem Traum die demokratischen Beteiligungsformen der Schülerinnen und Schüler ernst genommen. Und natürlich führen alle Brennpunktschulen zu allen Abschlüssen, einschließlich dem Abitur.

Träumen ist nicht genug. Ich werde uns an unseren Taten messen.

3 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Gabriele Flüchter
    Ach meinerseits herzlichen Dank für den engagierten Beitrag.
    Vor meiner Pensionierung arbeitete ich an vier verschiedenen berufsbildenden Schulen und kann die Erfahrung bestätigen, dass der größte Schrecken, der Schrecken ist, der vom Lehrerzimmer ausgeht, dieser wird allerdings dann auch nicht von der Schulleitung oder der Schulaufsicht gemildert, sondern eher hingenommen.

    Was ist dagegen zu tun? Schulungen mögen hier und da helfen, ich glaube aber, dass der Wille zur Diskriminierung letztlich ein Persönlichkeitsmerkmal eines Menschen darstellt, das sich nicht wirklich über Schulungen entscheidend verändern lässt.

    Ich bin selbst Lehrerin gewesen und habe erst über eine psychiatrische Begutachtung Hinweise darauf bekommen, dass meine Persönlichkeit nicht wirklich gut zum Schulalltag passt, eine Erkenntnis, die ich zuerst schmerzerfüllt abgelehnt habe, die ich aber heute anerkennen kann. Technisch war ich immer ganz gut, den Unterricht kriegte ich durchaus hin und da ich freundlich und geduldig war, konnte ich über meine soziale Blindheit einige Jahre ganz ordentlich hinweg arbeiten, aber eine gute Wahl für diesen Beruf war ich letztlich nicht. Das Beurteilungssystem im Schulwesen deckt persönliche Defizite bei Lehrkräften überhaupt nicht auf, dass ist, wie ich finde, das eigentliche Problem.


    Die Eingangsuntersuchungen für den Schuldienst, ich weiß gar nicht, ob es die für Angestellte auch gibt, für Beamte gibt es amtsärztliche Untersuchungen, sollten auch psychologische Eignungsverfahren benutzen, so wie das für den Auslandsschuldienst der Fall ist.

    Das könnte bei der Auswahl des Personals für den Schuldienst behilflich sein, Menschen, die in ihrer Sicht auf den Anderen intolerant und selbstverliebt sind, dürfen, nach meiner Überzeugung keine Lehrer werden.

    Es kommt also nach meiner Meinung primär auf eine Verbesserung des Auswahlverfahrens auch nach Persönlichkeitsmerkmalen an.
  2. von Miriam Sigma
    Vielen herzlichen Dank für diesen Artikel! Als Lehrerin einer sogenannten Brennpunktschule möchte ich anmerken, dass ich meine Belastung in keinem Fall mit unserer Schüler_innenschaft zu tun hat, sondern mit den "Schrecken im Lehrer_innenzimmer". Dies wiederum bedeutet nicht, dass all meine Kolleg_innen offene Rassist_innen seien oder Diskriminierung akzeptabel fänden (aber auch diese gibt es natürlich), sondern dass so wenig Wissen und Kompetenzen um inklusive und diskriminierungskritische Bildung in der Migrationsgesellschaft (weitergehend und dem aktuellen Forschungsstand besser entsprechend als "interkulturelle Kompetenzen") und kaum oder wenig Bereitschaft hier zu lernen existieren, dass Diskriminierung (Rassismus, Ableismus, Homophobie und alle anderen Formen von D.) ein täglich Brot ist. Hier muss angesetzt werden in Studium, Aus- und Fortbildung und auch das entsprechende Fortbildungsangebot kritisch beleuchtet werden. Natürlich freue ich mich über bessere Ausstattung, mehr Lehrer_innen, uvm, doch muss in diesem Bereich unbedingt eine professionelle Basis geschaffen werden, denn auch 2 Lehrer_innen pro Klasse nützen einer diskriminierungsfreieren Bildung nur, wenn sie entsprechend ausgebildet sind. Hier vermisse ich den Mut, dies offen anzugehen und im Sinne der Kinder und Jugendlichen (und allen anderen) zu agieren. Zu oft wird argumentiert, es müsse alles freiwillig geschehen, als ob wir dies bei anderen Aspekten z.B. der Ausbildung oder Regelungen in Schule zulassen würden. Diskriminierungskritische Arbeit hat damit klar nicht den gleichen Stellenwert wie andere Anforderungen an Schulen und Lehrkräfte! Wo ist auch der im Schulgesetz verankerte Diskruminierungsschutz, usw? Wo bleibt die diskriminierungskritische Prüfung von Unterrichtsmaterialien? Wo bleiben die diskriminierungserfahrenen, multiperspektivischen Expert_innen? Danke für diesen Artikel und nein, es wird noch lange nicht genug getan. Es geht um die Zukunft unserer Kinder und ihre Fähigkeiten
    1. von Miriam Sigma
      Antwort auf den Beitrag von Miriam Sigma 30.03.2017, 09:29:49
      * (Satzende:) in einer diversen, vielfältigen Gesellschaft zu leben.