Vorurteile an Brennpunktschulen Pädagogik ohne Diskriminierung kann nur gemeinsam erreicht werden

Bild von Izabela  Zarebska
Bildungsreferentin Jugendbildungsstätte Kaubstraße

Expertise:

Izabela Zarebska ist studierte Pädagogin und Bildungsreferentin der außerschulischen politischen Jugendbildung. Ihre Schwerpunkte liegen in der Machtkritischen Bildungsarbeit, dem globalen Lernen und der Diversität.

Das Problem von Diskriminierung und Vorurteilen an (Brennpunkt)-Schulen kann nur gelöst werden, wenn alle Beteiligten gemeinsam an einem Strang ziehen. Der Paradigmenwechsel muss wegführen von Schuldzuweisungen und hin zu einer ressourcenorientierten Pädagogik.  

Die Kollegin Anonyma stößt eine wichtige Debatte an. Diese kann polarisierend wirken, wie reichliche Kommentare und Beiträge unter Beweis stellen. Dennoch ist sie notwendig, um aus unterschiedlichen, fachlichen und persönlichen Perspektiven eine grundlegende Problemanalyse durchzuführen. Im besten Fall entwickeln zahlreiche Beteiligte: Lehrkräfte, Politiker*innen, Pädagog*innen, Sozialarbeiter*innen, Verwaltungen und, nicht zu vergessen, Schüler*innen selbst, gemeinsame Visionen und Handreichungen für eine diskriminierungsfreie Pädagogik der Vielfalt.

Natürlich müssen strukturelle Bedingungen für ein faires Miteinander geschaffen und weiterhin ausgebaut werden: adäquate Ausbildungsinhalte, Fortbildungsmöglichkeiten, Entlastung durch Teamarbeit, Flexibilität etc. Dies haben meine Vorredner*innen bereits ausführlich skizziert.

Alle Beteiligten müssen gemeinsam Bedingungen für eine diskriminierungsfreie Pädagogik der Vielfalt schaffen.

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In dem Brandbrief hat Anonyma  jedoch einen individualistischen Ansatz gewählt, um begründet über den Alltagsrassismus an ihrer Schule zu sprechen. Sie äußert sich als reflektierte und sensibilisierte Lehrerin, die sowohl das Engagement vieler Kolleg*innen für eine Vielfaltspädagogik schätzt als auch das diskriminierende Verhalten einiger anderer zutiefst verurteilt. Die Stärke Ihres Beitrags liegt in der klaren Positionierung für einen Paradigmenwechsel bei den Lehrkräften: Weg von Schuldzuweisungen (Stichwort „Problemschüler*innen“) hin zu einer ressourcenorientierten Pädagogik. In dieser gibt es durchaus Grenzen. Spannend wird es allerdings, wie mit individuellen und strukturellen Grenzen umgegangen wird

Bringen wir es auf den Punkt: Wenn ein Lehrer eine Schülerin schlägt, ist er kurz vorher ja an eine wahrscheinlich gerechtfertigte Grenze gestoßen. Und so stellt sich hier die Gretchenfrage: Sind es unzureichende  strukturelle, auch sehr wohl diskriminierende Vorbedingungen, die es so weit haben kommen lassen? Oder steckt hinter einer solchen Handlung nicht die Erwartung an eine weiße Norm-Schülerschaft, durch die Schüler*innen mit gebrochenem Deutsch und unangepasstem Verhalten marginalisiert und ausgegrenzt werden?

Der Paradigmenwechsel muss wegführen von Schuldzuweisungen und hin zu ressourcenorientierter Pädagogik.

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Als langjährige Bildungsreferentin im außerschulischen Sektor kenne ich das große gefräßige Feld der Schuldzuweisungen. In der Berliner Jugendbildungsstätte arbeiten wir regelmäßig mit Schulklassen aus den so genannten „Brennpunktschulen“ zusammen. Hier bieten wir fünftägige Workshopwochen an, unter anderem zu den Themen Soziales Lernen, Diskriminierung und vorurteilsbewusste Bildung. Dabei macht es oftmals keinen Unterschied, welchen inhaltlichen Fokus wir setzen. Das Querschnittsthema in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen heißt:  strukturelle Ausgrenzungserfahrungen.

Die fortlaufenden Kooperationen kommen zum größten Teil dadurch zu Stande, weil engagierte Lehrkräfte eine Bedarfsanalyse in Ihren Klassen machen und gleichzeitig selbstreflektiert feststellen, dass der institutionelle Rahmen der Schule den Anforderungen nicht entsprechen kann. So kommt es dann zu unserer Zusammenarbeit, welche nur nachhaltig funktionieren kann, wenn alle Beteiligten, uns eingeschlossen, eine gewisse Fehlerfreundlichkeit, die Auseinandersetzung mit der eigenen Positionierung in der Gesellschaft und die Offenheit, Bündnisse einzugehen um gemeinsam vorurteilsbewusste Bildungsräume zu schaffen, verfolgen.

Lehrkräfte kommen oft mit vorgefertigten Bildern im Kopf in die Bildungsstätten. 

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Ich verstehe uns daher als eine Schnittstelle zwischen individuellen Haltungsfragen und strukturellen Anforderungen. In der Arbeit kriege ich oftmals mit, dass Lehrkräfte, obwohl engagiert, mit vorgefertigten Bildern im Kopf über „die Problemschüler*innen“ in die Bildungsstätte kommen. Dies passiert durch Überforderung, Unsicherheit, manchmal auch Bequemlichkeit und einer verspürten Notwendigkeit, die Welt (hier die Schüler*innen) in klare Kategorien zu unterteilen. Doch hier stellt sich keine Schuldfrage, denn wir sitzen ja alle im gleichen Boot. Kein Lernort ist gefeit vor mächtigen Vorurteilen, auch wir als Jugendbildungsstätte wissen das nur zu genau. Die Frage ist, ob wir uns den eigenen Bildern im Kopf stellen, auch wenn es unbequem ist und unsere Weltbilder ins Wanken bringen.

Meine Empfehlung wäre, egal ob in der Schule oder in anderen außerschulischen Lernorten, in der Analyse stets die Zusammenhänge mit gesellschaftlichen Strukturen herzustellen, wie etwa mit dem institutionellen Rassismus oder mit der gegenwärtigen Asylpolitik. Die Gelingenheitskriterien für eine ressourcenorientierte Vielfaltspädagogik wären darin zu suchen, Schule als Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse zu betrachten.

Wir müssen uns den Vorurteilen in unseren Köpfen stellen, auch wenn es unsere Weltbilder ins Wanken bringt.

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Es gibt hier kein Entweder-Oder, nach dem Motto: Entweder sind die Lehrkräfte schuld, da sie offensiv rassistisch Schüler*innen angehen, die nicht in der Mehrheitsgesellschaft mitgedacht oder repräsentiert werden. Oder die Strukturen sind schuld: zu wenig Entlastung, zu enger Lehrplan, fehlende zeitliche und personelle Ressourcen, etc. Meine Erfahrung zeigt mir, dass sich beide Prozesse gegenseitig bedingen. Vielleicht können wir mit dieser Analyse einen Weg finden, um vorurteilsbewusst nicht nur die „Brennpunktschulen“ zum leuchten zu bringen.

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