Rassismus an Brennpunktschulen Die Lehrer müssen entlastet werden

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Vorsitzender GEW Berlin

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Tom Erdmann ist Vorsitzender Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Berlin.

Nicht alle Lehrer sind rassistisch. Die Lehrer leiden aber unter enormen Anforderungen und müssen unterstützt werden. Zum Beispiel werden besonders an den so genannten Brennpunktschulen Sonderpädagogen benötigt.

Ungerechtigkeit, Abwertung, Vorurteile. Die Berliner Lehrerin legt den Finger in die offene Wunde. Ja, diskriminierendes Verhalten von Lehrkräften gegenüber Kindern und Jugendlichen gibt es. Hier aber pauschal von "Haltung" zu sprechen ist verkürzt. Vielmehr gilt es zu verstehen: Was ist eigentlich das Problem dieser "Problemlehrkräfte"?

Schule ist kein diskriminierungsfreier Raum – leider. Abwertende Bemerkungen über Schüler*innen gibt es vermutlich nicht nur im Lehrerzimmer der Autorin. "Wir", "die anderen", "unsere Schüler*innen in Neukölln, Spandau, mit Migrationshintergrund", "die müssen erstmal richtig Deutsch lernen". Einige Kollegi*nnen überschreiten mehr oder weniger deutlich die Grenze zum Rassismus. Rassistische Ausfälle und stereotype Vorverurteilung von Kindern und Kolleg*innen sind nicht hinnehmbar. Auch bei uns in der Beratung melden sich Lehrkräfte, Erzieher*innen, Eltern, Schüler*innen aus den Schulen und berichten von Abwertung, Bloßstellung, Ausgrenzung, Ungerechtigkeit, Diskriminierung, Rassismus.

Es gibt deutlich mehr Lehrer, die Vielfalt anerkennen als Lehrer, die sich gegenüber Schülern rassistisch verhalten.

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Nach meiner Wahrnehmung und Erfahrung aus dem Schulalltag gibt es zum Glück aber deutlich mehr Kolleg*innen, denen an einem friedlichen Miteinander, an Akzeptanz von Vielfalt und Anerkennung von Lebenserfahrung der Kinder und Jugendlichen gelegen ist als solche, die in Alltagsrassismus verfallen. Sie setzen sich täglich aufs neue, oft unter schwierigsten Bedingungen an Brennpunktschulen, für ihre Schüler*innen ein. Hier müssen wir ansetzen: Die engagierten Lehrkräfte, die sich mit Diskriminierung und Rassismus in der Schule nicht abfinden wollen, müssen gestärkt werden.

Uns als Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft ist der Umgang mit – und besser noch die Vermeidung von – Diskriminierung wichtig, das zeigen unser Engagement für eine unabhängige Beschwerdestelle sowie unsere Seminare, Fachtagungen und Veröffentlichungen zu den Themen Bildung in der Migrationsgesellschaft, Diversität und Inklusion. Erfreulicherweise hat seit Beginn dieses Schuljahres die Senatsbildungsverwaltung die Lehrerin Saraya Gomis als Antidiskriminierungsbeauftragte eingesetzt und damit zumindest im Ansatz auf das Gutachten der GEW BERLIN zur Schutzlücke bei Diskriminierung in Schulen reagiert. Wichtig ist, dass diese Stelle ausgebaut und verstetigt wird, damit alle von Diskriminierung Betroffenen Ansprechpartner*innen in der Behörde finden. Darüber hinaus sollte es eine unabhängige Beschwerdestelle geben, die ähnlich wie Frauenvertreterinnen oder Datenschutzbeauftragte nicht innerhalb der Senatsverwaltung angesiedelt ist.

Die Stelle des Antdiskriminierungsbeauftragten und eine Beschwerdestelle müssen dauerhaft eingerichtet werden.

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In dem Kommentar schwingt die Haltung mit, dass es nur engagierte Lehrkräfte braucht, um die Herausforderungen in Schule, insbesondere in Brennpunktschulen zu meistern. Frei nach dem Motto "Es kommt nur auf den Lehrer an". Damit drohen wir aber in die Falle zu tappen, die uns viele Studien, allen voran die des australischen Bildungsforschers John Hattie, stellen. Natürlich müssen Lehrkräfte hochqualifiziert sein. Sie müssen sich regelmäßig fortbilden – nicht nur in ihren Unterrichtsfächern sondern auch in allgemeiner Pädagogik. Die neusten Zahlen belegen, dass die meisten Lehrkräfte in Berlin durchaus regelmäßig Fortbildungen besuchen. Doch diese Fortbildungen müssen professioneller werden: Schulleitungen müssen den Bedarf im Kollegium ermitteln und nicht nur einzelne Lehrkräfte sondern möglichst ein ganzes Team auf Fortbildungen schicken. Die Senatsbildungsverwaltung muss diesen Bedarf ernst nehmen und ihre eigenen Fort- und Weiterbildungen deutlich ausbauen. Die GEW tritt dafür ein, dass Lehrkräfte dazu befähigt werden, gesellschaftliche Widersprüche und Anforderungen an ihre Tätigkeit kritisch-konstruktiv reflektieren zu können.

Die Anforderungen an Lehrer an Brennpunktschulen sind immens. Deshalb brauchen sie Unterstützung.

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Um all das leisten zu können, brauchen Lehrkräfte aber nicht nur professionelle Kompetenz, sondern auch - wen wunderts - gute Arbeitsbedingungen, Zeit und verlässliche Unterstützung. Aus den oben zitieren Kolleg*innen spricht auch deutlich die Resignation. Die Anforderungen an Lehrkräfte, besonders an Brennpunktschulen, sind immens. Dass die Kolleg*innen dabei auch selbst psychisch belastet werden, zeigen die Mitarbeiterbefragungen zur Gesundheit aus den letzten Jahren. Die Vermutung nach einem Zusammenhang liegt nahe. Wer keine Unterstützung bei diesen schwierigen zeitintensiven pädagogischen Aufgaben, besonders an Brennpunktschulen, erfährt, geht schon aus Selbstschutz in innerliche Opposition, engagiert sich weniger, verhält sich ablehnend und macht sich nicht die Mühe der Selbstreflexion.

Machen gute Lehrkräfte automatisch eine gute Schule? Nein! So wichtig wie der Fokus auf die einzelne Lehrkraft und die Qualifizierung ist, so wichtig ist auch der Blick auf die Ressourcen. Die Arbeitsbelastung für das Personal muss reduziert werden, damit die Lernbedingungen für die Kinder und Jugendlichen besser werden. Schulen in sozial belasteten Gebieten müssen deutlich mehr unterstützt werden. Sie brauchen verlässlich mehr Sonder- und Sozialpädagog*innen.

Schulen in sozial belasteten Gebieten brauchen mehr Sonderpädagogen. 

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Kolleg*innen, die gemeinsam eine fortschrittliche Schulentwicklung antreiben, sollten von anderen Aufgaben entlastet werden und sich nicht etwa mit Verwaltungsaufgaben oder gar der Suche nach dem billigsten Anbieter für Reinigung, Catering oder gar Klopapier herumschlagen.

Wir sollten der Kollegin dankbar sein für ihre Kritik an nicht hinnehmbaren Ressentiments unter Lehrkräften. Aber hier die Lehrkräfte zu Sündenböcken zu machen, die jeden Tag unter schwierigsten Bedingungen den Kopf hinhalten, wird ihrer Arbeit nicht gerecht. Denn nicht die Kolleg*innen per se sind problematisch, sondern ihr Verhalten unter den ganz offensichtlich für sie schwierigen Bedingungen. Die Autorin beschreibt gut und treffend die Mechanismen, die auf viele Kolleg*innen wirken. Wir müssen ihren Anstoß jetzt weiterdenken und bessere Ausstattung und Unterstützung von Schulen und Kolleg*innen, besonders in schwierigen Lagen, sichern. All das muss regelfinanziert sein und darf nicht an Programmen hängen, deren Mittel bei der nächsten Haushaltsdelle wieder zusammengestrichen werden. 

2 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Sabine Bah
    Kommentare sind immer verkürzt und subjektiv. Daher möchte ich mich zunächst dafür bedanken, dass hier die Überlastung vieler Lehrkräfte so klar benannt wird. Aber mit Verlaub: In einer Debatte über Rassismus nach SonderpädagogInnen zu rufen, entspricht einer weiteren Stigmatisierung von SchülerInnen of Color. Zudem wurden der sonderpädagogische Förderbedarf Sprache und sozial-emotionale Entwicklung meines Wissens nach als Förderungskriterien an Berliner Grundschulen kürzlich gestrichen. Und die durchgängige Sprachbildung in den neuen Rahmenlehrplänen für Berlin wird zur Querschnittsaufgabe aller Lehrkräfte, ohne dass diese neue Aufgabe sich quantitativ und qualitativ in der Lehrkräftebudgetierung des Landes Berlin widerspiegelt. Soll das einer besseren Inklusion dienen?

    Was wir dringend brauchen ist eine offene, selbstkritische Diskussion in der sog. Mehrheitsgesellschaft, die es in vielen Bezirken Berlins so gar nicht mehr gibt. Unsere heterogene Gesellschaft mit ihrer ebenso heterogenen Schülerschaft braucht heterogene Professionen, nicht nur LehrerInnen, Sozial- und SonderpädagogInnen, sondern hochqualifizierte und adäquat bezahlte ErzieherInnen, Sport- und andere TherapeutInnen, Fachkräfte für interkulturelle Erziehung und Zweit- und Mehrsprach(en)erwerb, Menschen aus unterschiedlichen Berufsfeldern, die Schule nachhaltig beeinflussen und auch verändern (dürfen). Statt dessen führen wir eine Diskussion über den Qualitätsverlust bei der formalen Bildung durch den Quereinstieg von abweichend qualifizierten Lehrkräften, auf die man eigentlich rein quantitativ gar nicht mehr verzichten kann. Selbstwirksamkeit und gegenseitiger Respekt sowie der Blick auf die uns umgebende Welt auch aus einer historischen Perspektive, ein deutlicher Gegenwarts- und Zukunftsbezug inklusive einer gesellschaftlichen Handlungskompetenz als Zielperspektive sind gängige Konstrukte aus dem Lehramtsstudium, die es gilt an allen Berliner Schulen dringend mit Leben zu füllen.

  2. von Patrick Wolfarth
    Ich glaube am besten wäre um das zu erreichen ein Schulsystem für alle 16 Bundesländer und eine Schule für alle die Alle Kinder Lieberal betrachtet. In der Kinder nach ihren Tempo arbeiten können aber trozdem einen bestimmten Wissenstand erreichen müssen!