Alltagsrassismus an Brennpunktschulen Auf den Lehrern rumhacken ist auch keine Lösung

Bild von Ulf Matysiak
Lehrer und Geschäftsführer Teach First Deutschland

Expertise:

Ulf Matysiak ist Geschäftsführer und Gründungsmitglied von Teach First Deutschland. Die gemeinnützige Bildungsinitiative hat das Ziel, ein Programm zur Verbesserung der Chancengerechtigkeit im Bildungswesen aufzubauen. Matysiak entwickelte das pädagogische Konzept des Programms. Bevor er zu Teach First Deutschland wechselte, arbeitete er als Lehrer für Deutsch als Fremdsprache und Lehrerfortbilder an der Sprachschule International House Berlin.

Brennpunktschulen fordern die Lehrkräfte in einer Weise, auf die sie nicht vorbereitet sind. Dafür gibt es nur eine Lösung: Die Ausbildung muss Multikulti-gerechter werden.

Ich gebe es zu: Meine erste Reaktion auf den Beitrag Lasst uns endlich über Problemlehrer sprechen! war durchaus positiv. „Endlich sagt es mal jemand“ oder so etwas ähnliches, dachte ich, während ich dem Text der Autorin folgte, in dem sehr anschaulich und nachvollziehbar der Alltagsrassismus und die Herabwürdigungen beschrieben wurden, die auch ich aus vielen Schulen kenne. Und dennoch blieb ein Zweifel übrig: Statt Problemschülern sind es nun Problemlehrer  – wird das der Situation an Brennpunktschulen wirklich gerecht? Und noch wichtiger: Trägt es dazu bei, Lösungen zu entwickeln?

Die Ursachen für Schüler-Diskriminierung sind vielfältig. Sie haben auch mit Erschöpfung zu tun.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Auch wenn es viel mehr Spaß macht, sich über pointierte Artikel zu streiten, kommt man hier um eine differenziertere Betrachtung nicht herum. Dass manche Lehrkräfte, an einigen Schulen vielleicht sogar die Mehrheit des Kollegiums, sich im Lehrerzimmer herablassend über Schülerinnen und Schüler äußert und auch offene Diskriminierungen keine Seltenheit sind, ist an Brennpunktschulen traurige Wahrheit. Die Ursachen sind jedoch vielfältiger, als der Beitrag es vermuten lässt. Um es einmal klar zu sagen: Natürlich gibt es Lehrkräfte, die für diesen Beruf schlicht ungeeignet sind und nicht unterrichten sollten. Genauso wahr ist aber, dass diese Gruppe mit Sicherheit eine Minderheit darstellt. Es gibt natürlich auch die tollen, um jeden Schüler Kämpfenden, die sich auch unter schwierigen Bedingungen jeden Tag reinhängen. Und dann gibt es eine sehr große Zahl, die irgendwo dazwischen liegt: Lehrkräfte, die das Zeug zu einem tollen Lehrer hätten, aber überfordert sind. Lehrkräfte, die erschöpft und von den vielen Aufgaben entkräftet sind. Lehrkräfte, die noch unerfahren sind und sich manchmal von anderen runterziehen lassen. Und viele andere mehr.

Ganz sicher kann mangelnde Eignung für den Beruf, wozu ich auch die mangelnde Fähigkeit der Selbstreflexion zählen möchte, eine Ursache für fehlenden Respekt vor dem kulturellen Hintergrund der Schüler sein. Und wer seinen Job nicht ohne Herabsetzung anderer machen kann, wer mithin die Grundsätze unseres Zusammenlebens nicht vorleben kann, der hat in der Schule wahrlich nichts verloren. Trotzdem gibt es natürlich auch andere Erklärungen als mangelnde Eignung – denn auch Erschöpfung und Überforderung können dazu führen, dass es einem schwer fällt, eine positive, schülerzentrierte Haltung zu bewahren. Die potenziell ungeeigneten Bewerber aus Schulen fern zu halten, ist deshalb zu kurz gegriffen – wie kann es gelingen, die potenziell geeigneten so auszubilden, dass sie den Job nachher auch gut machen können? Und mit welcher Haltung müssen wir den Lehrern von heute und morgen begegnen?

Es braucht besondere Strategien, um den Alltag in multikulturellen Schulen zu meistern.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Wer ein Schulsystem fordert, das differenziert und stärkenorientiert auf Schülerinnen und Schüler blickt, der darf bei Lehrkräften keine andere Haltung einnehmen. Natürlich sind die Ansprüche an Lehrer höher – aber seine pädagogische Haltung kann man nicht an- und ausknipsen. Wenn wir an das Potenzial von Lernenden glauben, müssen wir auch an das Potenzial von Lehrenden glauben. Was heißt das konkret? Wie kann den Alltagsrassismen an Schulen begegnet werden und wie können Lehrkräfte befähigt werden, die anspruchsvolle Arbeit im multikulturellen, multireligiösen Mikrokosmos einer Brennpunktschule besser zu meistern? Ich bin überzeugt, dass es gar nicht so viel dazu bräuchte. Hierzu drei Vorschläge, die man sofort umsetzen könnte.

Das Berufsbild "Lehrer an Brennpunktschulen" erfordert eine gezielte Ausbildung.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Erstens müssen wir anerkennen, dass das Berufsbild von Lehrkräften anders ist, wenn sie an Brennpunktschulen arbeiten. Um sie nicht weiter mit dieser komplexen Aufgabe alleine zu lassen, sondern sie gezielt zu befähigen, den Beruf einer Lehrkraft im Brennpunkt kompetent ausüben zu können, müssen wir sie auch gezielt aus- und weiterbilden. Eine Lehrkraft im Brennpunkt muss beispielsweise über den Islam, aber auch andere Religionen und Kulturen Bescheid wissen, muss sozialpädagogisch kompetent sein, muss aktiv, zur Not vor der Wohnungstür, Elternkontakt aufbauen können – auch dann, wenn die Eltern kein Deutsch sprechen und darüber hinaus die Fähigkeit besitzen, die eigenen Denk- und Handlungsmuster kritisch zu hinterfragen. Eine wichtige Frage hierbei ist: Wo lernen sie das heute? Der spezifische Kompetenzaufbau von Lehrkräften und Schulleitungen in Brennpunktschulen muss von Universitäten als Herausforderung angenommen werden.

Zweitens sollten wir junge Lehrkräfte in den ersten Jahren ihrer Berufstätigkeit viel enger betreuen und unterstützen. Estland hat vorgemacht, wie so etwas aussehen könnte. Hier werden Lehrkräfte in den ersten Berufsjahren nicht zu Einzelkämpfern herangezogen, sondern regelmäßig von Kollegen im Unterricht besucht, eng in ihrem Hereinwachsen in den neuen Beruf begleitet und auch weiter fortgebildet. Durch ein solches Vorgehen lässt sich auch ein Teamgedanke herausbilden, der nicht von der Leitidee „wir gegen sie“, sondern „wir gemeinsam für sie und mit ihnen“ geprägt ist.

Die persönliche Eignung von Lehrkräften muss besser als bisher getestet werden.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Drittens muss jenseits der fachlichen Eignung endlich auch die persönliche Eignung von Lehramtsanwärtern und vor allem Quereinsteigern vor der Einstellung überprüft werden. International gibt es eine Vielzahl erprobter Testverfahren, mit deren Hilfe man feststellen kann, ob jemand für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen geeignet ist. Im Interesse des Bewerbers, insbesondere aber seiner zukünftigen Schülerinnen und Schüler, sollte man es nicht dem Zufall überlassen, ob es im Falle von Überlastung zu Diskriminierung und Herabwürdigung von Schülern kommen kann.

2 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
Bitte melden Sie sich zunächst an, um die Kommentarfunktion nutzen zu können.
  1. von Miriam Sigma
    Interessant wäre zu untersuchen, warum manche Menschen den Artikel "Lasst uns endlich über Problemlehrer reden!" als Abwertung von Lehrer_innen wahrgenommen haben. Zunächst wird in diesem ja vor allem ein Thema aufgemacht, welches in Forschung und Wissenschaft bereits längst angekommen, aber in Schule, Verwaltung und Gesellschaft eher kaum bis keine Beachtung findet. In meinem Kollegium wurde sich noch nie theoretisch und im Transfer praktisch im Rahmen eines Studientags oder einer internen Fortbildung über z.B. Stereotype threat, herrschaftskritische Bildung, Migrationspädagogik, Mythos der Meritokratie, Konzept der Mehrsprachigkeit, emotionale Professionalität, usw. auseinandergesetzt. Wenn hier also von Problemlehrern gesprochen wird, dann meint dies einen wichtigen Teil ihrer professionelle Rolle, nicht unbedingt ihre fachbezogene Kompetenz oder ihr Engagement. Eine "tolerante" Haltung (und damit mögliche Eignungsprüfung) reicht in dieser Profession nicht; es braucht erlerntes Handwerkszeug für die professionelle Rolle, um adäquat z.B. Schüler_innenverhalten zu verstehen, Elterngespräche zu führen, Unterrichtsmaterial zu erstellen, usw. Es braucht also Verankerung von z.B. Diskriminierungskritik in Studium, Aus- und Fortbildung. Professionalisierung ist m.E. außerdem Prävention vor Erschöpfung und Burnout. Über strukturelle und institutionelle Mängel des Systems Schule und die sich daraus ergebenden Härten des Berufs wird viel gesprochen und geschrieben. Lehrer_innen aller Schulformen beklagen vielfältige Zustände in Schule; häufig zu recht. Was aber meiner Erfahrung fast immer fehlt, ist die Einbeziehung der kritischen Selbstreflexion ganz im Sinne des Artikels über "Problemlehrer" und dies gilt leider eben nicht für einen kleinen/kleineren Teil der Lehrkräfte (wie in der Kategorie schlechter Unterricht), sondern für die Mehrheit. Und dennoch können diese alle nett, engagiert und kompetent in ihrem Fach sein. P.S. Rumhacken geht anders :)! Danke dennoch.
  2. von Jendrik Hilgerloh
    Gute Vorschläge! Unabhängig davon trägt der Artikel die Debatte dort hin, wo alle politischen Debatten über kurz oder lang landen. Das angeblich liebe Geld. Die Erschöpfung von Lehrenden ist - wie auch oben betont wurde - nicht ausschließlich auf Schwächen der Lehrenden oder ihrer Ausbildung zurückzuführen, sondern hat auch strukturelle Gründe. Die Prekarisierung des ganzen Bildungsapparates und besonders in kleineren Bundesländern findet ihren Ursprung in stagnierenden oder schrumpfenden Budgets und diese wiederum finden den ihren in der aktuellen Steuerpolitik und im Diskurs zu Sozialleistungen der letzten Dekaden. Um in irgendeinem Politikfeld flexibel genug zu werden, um auf irgendwelche neuen Herausforderungen zu agieren, bedarf es einer Flexibilität der staatlichen Budgets. Und dafür muss unweigerlich eine größere Bereitschaft herrschen Steuern zu erhöhen. Dafür wiederum müsste ein weitaus größeres Augenmerk auf der Tatsache liegen, dass die Ausweichstrategien, die reiche Deutsche und internationale Konzerne gegen das einziehen, aber auch das Einführen und das Erhöhen von Steuern ins Feld führen können, zwar indirekt, aber in sehr hohem Maße für unsere sozialen und verantwortlich sind.