Traditionspflege der Bundeswehr  Der Traditionserlass braucht keine radikale Revision

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Brigadegeneral a.D.

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Brigadegeneral a.D. Dr. Klaus Wittmann ist Senior Fellow des Think Tanks "Aspen Institute Deutschland". Er hat einen Lehrauftrag für Zeitgeschichte an der Universität Potsdam.

Tradition spielt für die Bundeswehr eine zentrale und identitätsstiftende Rolle. Ihre Inhalte müssen jedoch in Einklang mit dem Grundgesetz stehen. Dafür sind die Grundsätze des Traditionserlasses von 1982 weiterhin brauchbar, müssen jedoch verdeutlicht und verinnerlicht werden. 

Dem Beitrag von Mario Schulz ist in vielem zuzustimmen: Besonderheiten des Offizierberufs und seine „Selbstverpflichtungen“, militärische Haltungs- und Handlungsmaximen („soldatische Tugenden“), Ehrgefühl sowie Anspruch auf Interesse und Anerkennung aus der Gesellschaft – und schließlich die Notwendigkeit intensiveren Austauschs zwischen Militär, Zivilgesellschaft und Medien.

Auch ist seine Kritik an der Skandalisierung, teilweise Kriminalisierung, von Einzelvorkommnissen und –verstößen berechtigt, die natürlich erkannt, abgestellt und geahndet gehören – auf der dafür jeweils zuständigen Ebene. Oberleutnant Marco A. ist natürlich ein Sonderfall; aber hätte hinter seiner Handlungsweise nicht eine kriminelle Absicht gestanden, wäre die Sache geradezu als Köpenickiade zu betrachten, welche nicht BMVg und Bundeswehr in Schockstarre versetzen müsste.

Eins fehlt bei all dem Reden über „Führungsschwäche“, „Haltungsproblem“, „Selbstreinigungskräfte“ usw.: das Zauberwort „Dienstaufsicht“! Es heißt oft, Vorgesetzte seien daran zunehmend durch administrative Aufgaben, durch die zunehmende Komplexität des Beurteilungssystems, durch die immer weitere geographische Verteilung der ihnen unterstehenden Truppenteile und Dienststellen gehindert. An all dem darf der ständige Kontakt mit Soldaten aller Ebenen nicht scheitern.

Trotz der vielen Aufgaben darf der Kontakt von Vorgesetzten mit Soldaten auf allen Ebenen nicht vernachlässigt werden.

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Ich bin als Brigadekommandeur bisweilen unerwartet in der Mannschaftskantine zum Mittagessen erschienen. Meine Bataillonskommandeure und Kompanie- bzw. Batteriechefs waren auf die notwendige Intensität von Gespräch und Dienstaufsicht eingeschworen, und manche Vorkommnisse, die heute für schockiertes Erschrecken sorgen, wären uns nicht lange verborgen geblieben. 

Da aber der Autor auch die Neufassung des Traditionserlasses für die Bundeswehr von 1982 als eine der Absichten des Verteidigungsministeriums nennt und diesen Aspekt nicht weiter ausführt, soll hier dieses wichtige Thema im Vordergrund stehen.

Wozu braucht eine Armee Traditionen und Traditionspflege? Sie sind Führungsmittel und Motivationsinstrument, sie dienen der Orientierung, Erziehung und Verständigung in Streitkräften.

Traditionen sind für eine Armee Führungsmittel und Motivationsinstrument. 

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Sie sorgen für emotionale Vermittlung politischer Inhalte und Wertvorstellungen, die Entwicklung und Stärkung historischer Identifikationsmuster und kollektive Identitätsfindung. Nach General Graf Baudissin, dem „Vater“ der Inneren Führung, schafft Tradition „Gemeinsamkeit des Lebensgefühls und der Wertvorstellungen, gibt dem einzelnen Halt und dem Ganzen Verlässlichkeit“.

Tradition schafft eine "Gemeinsamkeit des Lebensgefühls und der Wertvorstellungen".

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Traditionsinhalte für die Bundeswehr müssen im Einklang mit unserer demokratischen Ordnung und ihren Grundwerten stehen. Deshalb ist die Wehrmacht, die einem verbrecherischen Regime gedient und einen Vernichtungskrieg geführt hat, von der viele Truppenteile und Soldaten Kriegsverbrechen begangen haben, für die Bundeswehr nicht traditionswürdig. Es ist zu unterscheiden zwischen „Geschehen“, dessen Strukturierung und Erklärung als „Geschichte“, vor der man nichts „ausblenden“ kann -  und eben „Tradition“, die auf bewusster, wertegeleiteter Auswahl von historischen Inhalten und Personen beruht.

Es muss zwischen "Geschichte" und "Tradition" unterschieden werden.

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Wehrmachtsoldaten haben oft „gebrochene“ Biographien, auch die Angehörigen des militärischen Widerstands, derer wir gerade wieder am 20. Juli gedachten. Über diese hinaus können Wehrmachtangehörige, denen keine Kriegsverbrechen zur Last gelegt werden und die – wie beispielsweise General Adolf Heusinger – ihre Rolle im „Dritten Reich“ selbstkritisch reflektiert und die Bundeswehr maßgeblich mit aufgebaut haben, als Gesamtpersönlichkeit Vorbild sein.

Wehrmachtsangehörige, die ihre Rolle im "Dritten Reich" selbstkritisch reflektiert haben, können Vorbild sein.

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Bei der im Traditionserlass getroffenen Auswahl gelten Widerständler wie Stauffenberg und Tresckow in besonderem Maße als vorbildhaft. Das ist eine bewusste Anknüpfung an das „bessere Deutschland“. Ähnlich auswahlhaft ist die Entscheidung für die  Exponenten der preußischen Heeresreform als Traditionsträger. Auch regionale und lokale Militärgeschichte kann eine Rolle spielen.

Widerständler wie Stauffenberg gelten in besonderem Maße als vorbildhaft.

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Und natürlich orientiert sich die Bundeswehr in operativ-taktischer Hinsicht an Fachleuten wie Guderian und Rommel. Aber das nenne ich nicht Tradition, ebensowenig wie die Achtung und das Mitgefühl, die ich gegenüber der „missbrauchten“ Kriegsgeneration meines Vaters empfinde. Bei Kasernennamen hat die Bundeswehr in der Vergangenheit manche Kompromisse mit ihrer programmatischen Ablehnung von Wehrmachttradition gemacht. Aber in krassen Fällen gab es längst Umbenennungen  wie bei der Generaloberst-Dietl-Kaserne in Füssen.  Bei einzelnen noch strittigen Namensgebungen (z.B. nach dem Kampfflieger Helmut Lent) sollte man behutsam vorgehen, sowie auch Kommunen und betroffene Truppenteile an der Entscheidung über eventuelle Umbenennung beteiligen.

Kommunen und betroffene Truppenteile sollten an Entscheidungen über Umbenennungen von Kasernen beteiligt werden.

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Nach einigen leidigen Vorkommnissen (Auffinden von „Wehrmachtsdevotionalien“) hat der Potsdamer Militärhistoriker Sönke Neitzel die Reaktion der Verteidigungsministerin als "historischen Exorzismus" kritisiert. In der Tat rechtfertigen einzelne „Verstöße“, Unsicherheiten oder Gedankenlosigkeiten keine „Razzien“ mit impliziter pauschaler Misstrauensbekundung gegenüber den militärischen Vorgesetzten – und schon gar nicht eine eilige radikale Revision des gültigen Traditionserlasses. Den halte ich weiterhin für brauchbar, aber seine Grundsätze und Richtlinien müssen verdeutlicht und internalisiert sowie zum Gegenstand der leider in der Bundeswehr vielerorts vernachlässigten politischen Bildung gemacht werden.

Die Grundsätze und Richtlinien des Traditionserlasses müssen verdeutlicht und internalisiert werden. 

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In einer Bundeswehrkaserne wurde eine Vitrine gefunden, in der sich unter anderem Wehrmachtsstahlhelme befanden. In meiner Brigade gab es auch solche Vitrinen, aber als Teil einer „Militärhistorischen Sammlung“, mit einschlägigen Erläuterungen, wie es nach dem Traditionserlass zulässig ist. In Donaueschingen stand eine solche Vitrine wohl etwas zusammenhanglos herum  -  und stammte nach meinen Informationen von einem Offizier des dort vor einigen Jahren abgezogenen französischen Regiments, der recht unbefangen die Stücke zusammengetragen hatte. Da kann man ohne öffentliche Dramatisierung korrigierend und aufklärerisch eingreifen.

Sehr wichtig erscheint mir die auch von der Ministerin geforderte Entwicklung bundeswehreigener Tradition. Die Bundeswehr ist heute mehr als doppelt so alt wie Reichswehr und Wehrmacht zusammen. Sie hat ihre eigene Geschichte, aus der sich Themen und Persönlichkeiten für die Pflege eigener Tradition ziehen lassen. Dazu eignen sich: Friedensorientierung der Bundeswehr, Primat der Politik und herausragende Sicherheitspolitiker, Verankerung im Bündnis, multinationale militärische Kooperation, Staatsbürgerliche Werte und Tugenden sowie das Leitbild vom Staatsbürger in Uniform, Aussöhnung zwischen Streitkräften und Gewerkschaften, Reform und Innere Führung, Geschichte der einzelnen Truppenteile, Katastropheneinsätze sowie aus den letzten 25 Jahren „Armee der Einheit“ und Auslandseinsätze.

Die Bundeswehr muss ihre eigene Tradition entwickeln, um sich von der Wehrmacht zu lösen. 

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Das letztgenannte Stichwort weist auch auf das hin, was bei Mario Schulz so ausgedrückt wird: „Ohne Helden geht es nicht.“ Schon immer suchen Teile der Kampftruppen, und heute verstärkt die „Bundeswehrgeneration Afghanistan“ nach Vorbildern und Taten, die mit Kampf und Gefecht zu tun haben. Und da gibt es bei den Auslandsmissionen der Bundeswehr viele Ansatzpunkte, z.B. bei den Trägern der von Verteidigungsminister Jung gestifteten Tapferkeitsmedaille. Interessant war in einem Interview des erwähnten Professor Neitzel (mit Bezug auf Gefechte in Afghanistan) die folgende Aussage: „Soldaten, die dabei waren, sagen mir, von dem Tag an, da wir unsere eigenen Gefallenen hatten, war die Wehrmacht weg.“

In der politischen Bildung muss Verhaltenssicherheit bezüglich Traditionszweck, -inhalten und -pflege vermittelt werden.

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Und angesichts der eingeleiteten Arbeit an neuen Traditionsrichtlinien sehe ich im gültigen  Traditionserlass nichts, das radikaler Revision bedürfte – erwägenswert wären eine noch deutlichere Aussage zur Wehrmacht (und ggf. auch zur NVA, die ebenfalls für die Bundeswehr nicht traditionsbildend sein kann) sowie konkrete Hinweise zum Thema „Bundeswehreigene Traditionen“ im obigen Sinn. Hier sollte bei der Sammlung von Themen, Ereignissen, Taten und Persönlichkeiten die Truppe beteiligt werden. Im Übrigen, es sei wiederholt, muss in der Politischen Bildung  - die ja nicht allein im Hörsaal, sondern überall im Gespräch stattfinden sollte – Verhaltenssicherheit hinsichtlich Traditionszweck, -inhalten und –pflege vermittelt werden. 

Der Beitrag beruht teilweise auf einem Interview, das Klaus Wittmann am 24.7.17 WELT-Online gegeben hat.

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