Einheitsdenkmal? So bitte nicht Runter von der Wippe!

Bild von Klaus Lederer
Berlins Senator für Kultur und Europa

Expertise:

Der 43-Jährige ist seit Dezember 2016 Bürgermeister und Senator für Kultur und Europa in Berlin. Als Mitglied der Partei Die Linke trat Lederer als Spitzenkandidat für die Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses 2016 an, in dem er als Abgeordneter schon seit 2003 sitzt, zuletzt als rechtspolitischer Sprecher seiner Fraktion.

Das geplante Einheitsdenkmal ist ästhetisch und symbolisch fragwürdig und steht an einem denkbar ungeeigneten Ort. Deswegen brauchen wir einen Neustart der Diskussion.

Die Ablehnung des wippenden Einheitsdenkmals und mein Plädoyer für einen Neustart des Nachdenkens haben unterschiedliche Resonanz ausgelöst. Florian Mausbach, Träger des Nationalpreises der Deutschen Nationalstiftung für das bürgerschaftliche Engagement für die Errichtung eben jenes Denkmals, polemisierte in dieser Zeitung heftig: „Über den Sturz des SED-Regimes können sich Die Linke und Herr Lederer einfach nicht freuen.“ Als sei Inhalt meiner Kritik die Relativierung des SED-Regimes gewesen. Das ist natürlich infam, denn es geht um ganz anderes.

Ein Einheitsdenkmal gehört auf den Alexanderplatz oder nach Leipzig, dort startete der Widerstand gegen das DDR-Regime.

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Ja, ich habe ernste Probleme mit der „Wippe“. Das beginnt mit dem Ort, für den sie gedacht ist. Alexanderplatz, der Ring in Leipzig, die Gethsemanekirche mit diesen Orten verbinde ich die Kopf und Herz erreichenden Bilder vom Aufbegehren, vom Widerstand gegen die Fesseln des DDR-Systems. Sie stehen für mich für die Emanzipation der Bürgerinnen und Bürger aus der Bevormundung. Kaum jedoch der Schlossplatz, der Kaisersockel, die wilhelminische Fassade.

Der Schlossplatz steht für alles andere als für Demokratie, Selbstbestimmung, Freiheit und und Frieden.

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Dieser Ort steht historisch für alles andere als für Demokratie, Selbstbestimmung, Freiheit und Frieden. Für das Kaiserdenkmal erfindet Herr Mausbach gar eine Geschichte, die es nie hatte. Das frühere Nationaldenkmal ist nämlich ohne Kaiserstatue, Kriegstrophäen und Kitschfiguren überhaupt nicht denkbar. Genauso gut ließe sich argumentieren, die Löwengruppe, die früher am Denkmal stand und nun im Tierpark, sei seinerzeit dem Tierschutz gewidmet gewesen. Man kann ein Denkmal nicht in seine Teile zerlegen und sich nur diejenigen heraussuchen, die gerade gut zur eigenen Argumentation passen.

Der erste deutsche Versuch von Freiheit in Einheit 1848 wurde niedergeschlagen. Die „Reichseinheit“ 1871 kam von oben und war eine reaktionäre Veranstaltung, getragen von der Ablehnung parlamentarischer Demokratie, gefolgt von den Sozialistengesetzen. Sie war das Ergebnis brutaler „Einigungskriege“ und preußischer Vormacht. Solche Paten für Einheit und Freiheit will ich nicht.

Auch 1989/90 war weit mehr als der eindimensionale Ruf nach Einheit in Freiheit. Es war die jahrelange Oppositionsarbeit in Kirchen, Umwelt- und Oppositionsgruppen, ja, selbst in Sozialistenzirkeln, die ihr Land, die DDR, menschlich und demokratisch gestalten wollten, Menschen, die Repression auf sich nahmen, ihr Leben riskierten. Deren Ruf mündete in das hunderttausendfache „Wir sind das Volk!“ im 89er Herbst. Die schwarz-rot-goldenen Banner kamen später und „Wir sind ein Volk!“ hatte eben auch seine völkische Begleitmusik, die sich in Mölln, Solingen und Lichtenhagen Bahn brach.

Eine Waagschale wirft sich dorthin, wo die Mehrheit hinstrebt. Eine Demokratie muss aber auch die Minderheiten schützen.

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Mit meiner Kritik am Denkmal ziele ich aber auch darauf, welche demokratischen Traditionen eine Waagschale eigentlich abbildet, die sich wie ein Pendel, eingefasst in feste Mechanik, immer dorthin wirft, wo die Mehrheit, begriffen als uniforme Masse, gerade hinstrebt just nach links, dann nach rechts. Muss Demokratie, wie wir sie heute verstehen, nicht gerade auch jene schützen und sichtbar machen, die nicht der Mehrheit angehören? Arme, Kranke, Geflüchtete? Wir sollten uns gerade in Deutschland klar sein, zu welch drastischen Entscheidungen eine völkisch und identitär geformte Masse fähig ist, wenn nicht Minderheitenschutzrechte sie daran hindern.

„Denkmäler sind einfache Zeichen. Sie erklären und erläutern nichts. Sie erinnern, wecken Achtung, Trauer oder Freude“: Das sagt Herr Mausbach, und von daher liebt er seine simple Wippe auch zurecht. Aber stimmt, was er sagt? Gerade Berlin verfügt über viele Denkmäler, die gerade durch künstlerische Verfremdung, durch Formen, die ein Innehalten erzwingen, erst wirklich Achtung, Trauer oder eben auch Freude hervorbringen. Etwa das Mahnmal für die Bücherverbrennung von Micha Ullman oder das für die homosexuellen Opfer der Nazis.

Nichts ist hier stimmig. Starten wir neu, gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern. Unterschätzen wir die Berlinerinnen und Berliner, die West- und Ostdeutschen nicht. Den Menschen kann mehr zugemutet werden als ein recht schlichtes Stadtmöbel. 

Eine Ergänzung: 

"In der Papierausgabe des Tagesspiegel habe ich behauptet, Rollifahrer hätten keinen Zutritt zur Einheitswippe. Dies ist offensichtlich falsch. Das bedaure ich. Dieser Irrtum wurde hier in der Onlinefassung auf meine Bitte hin korrigiert. Klaus Lederer"
 

5 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Hajo Junge
    Stoppt das "Denkmal"
    Mittlerweile ist es als Beton-Riesenslipeinlage zum Gespött der Nation geworden.
    Stellt den historischen Bezug wieder her. Alles andere ist Geschichtsklitterung.
  2. von Jürgen Spiegel
    Nein, die Wippe regt zu Denken an, ist auch noch spaßig und hat etwas Einladendes, macht auf sich neugierig (ähnlich wie die (Sieges-)Säule. Wenn Info hinzukommt, halte ich das für o.k. Deshalb denke ich, ist das Regierungsviertel besser geeignet, sie wäre am Schloss bloß wie "Dekorum" (ich spüre sie hier wie Halbheit.) - Ich sehe als Ex-West-Berliner das EINHEITSDENKMAL auch auf die wiedergewonnene nationale Einheit bezogen, nicht allein bloß auf die politische Aktivität der DDR-Bevölkerung, d.h. ich sehe einbezogen, dass wir überhaupt auch zur nationalen Teilung mal Ja gesagt haben, und infolge der eigenen Politik diese auch noch verfestigt haben (und nicht zuletzt kam durch die Militärblöcke die Mauer.) Auch deshalb Standort Regierungsviertel.
  3. von Frodo Beutlin
    Ich denke es steht wohl außer Frage, dass die Errichtung einer Wippe, Banane oder wie auch immer man das Ganze benennen möchte, vollkommen ungeeignet für den Ort und Anlass wären.
    In einem kann ich aber Herrn Lederer nicht folgen - Denkmäler können sehr wohl auch zerlegt und entsprechend Zeitgeist wieder aufgestellt, präsentiert oder umgewidmet werden. Damit würde man nur einer alten Berliner Tradition folgen. Egal ob Luther, Lenin oder diverse preußische Standbilder - sie alle befinden sich schon lange nicht mehr in dem Kontext, Standort und Erscheinungsbild, wie einst von unseren Vorfahren konzipiert. Von daher spricht aus meiner Sicht auch gar nichts gegen, dafür aber eine Menge FÜR die Teilrekonstruktion des Nationaldenkmals.
    Zuallererst wäre da natürlich die stadtarchitektonische Erscheinungsbild - das durch das Humboldtforum/Schloss erst jetzt wieder seine tatsächliche Wirkung entfaltet. Hier passt einfach nur ein historisierendes, ästhetisch ansprechendes Ensemble.
    Damit wäre auch das Problem der offenkundigen Ideenlosigkeit der zeitgenössischen Architekten- und Stadtplanergarde gelöst - dass die es nicht bringen, haben doch die unzähligen Entwürfe in diesem Wettbewerb gezeigt.
    Den Wilhelm braucht man nicht mehr neu zu gießen, aber die Kolonnaden mitsamt Sockel würden das gesamte Ensemble zu dieser, ohnehin friderizianischen Seite hin abrunden.
  4. von Zacha Zachowski
    Shcon erstaunlich, aber der Belriner Kultursenator scheint das Denkmal, dass er selbst als simpel bezeichnet, gar nicht zu verstehen. Dieser Saz beweist es
    "Mit meiner Kritik am Denkmal ziele ich aber auch darauf, welche demokratischen Traditionen eine Waagschale eigentlich abbildet, die sich wie ein Pendel, eingefasst in feste Mechanik, immer dorthin wirft, wo die Mehrheit, begriffen als uniforme Masse, gerade hinstrebt – just nach links, dann nach rechts."
    Es geht um die Macht Dinge zu ändern, wenn sich genügend Menschen finden.
    Das Herr Lederer hier indirekt seine Abneigung gegen die deutsche Einheit zum Ausdruck bringt, sie mit Gewalt und Repression in Verbindung setzt (und dabei sehr selektiv mit historischen Fakten umgeht), tut sein übriges.
    „Über den Sturz des SED-Regimes können sich Die Linke und Herr Lederer einfach nicht freuen.“ Herr Mausbach hat einfach recht. Die Linke trauert immer noch, dass die SED-DDR nicht noch existiert, verbrämt das als verpasste "Reform" des Sozialismus, oder sogar eher noch nicht "verpasst", sondern von kapitalistisch-imperialistischen Interessen feindlich übernommenen Prozess.

    Man mag ja über die Wippe im Detail denken, was man will, aber wer hier Lederer und der Linken folgt in ihrer Argumentation, der ist entweder naiv, dumm, oder ein SED und Stasi-Romantiker.
  5. von Max Koller
    Den Thesen kann man zustimmen, sie sprechen deshalb nicht gegen das Denkmal am Schlossplatz.

    Der Schlossplatz steht nicht für Demokratie? Gerade deshalb machen wir einen daraus!! Der SCHLOSSnachbau ist schon fragwürdig genug für eine Demokratie.

    Eine Waagschale berücksichtigt nur die Mehrheit und keine Minderheiten? Richtig, aber es geht um den Umsturz durch eine Bürgerbewegung. Was soll denn ein einfaches Denkmal noch alles berücksichtigen? Natürlich muss eine Demokratie Minderheiten schützen, aber doch nicht, in dem man so ein Denkmal ablehnt. Was wurden denn alles für Minderheiten von der DDR-Regierung diskriminiert, die sich nach dem Umsturz endlich freier entfalten konnten??!!!

    Dem Autor geht es nicht um diese Argumente, er möchte die DDR-Oppositionsbewegung mit keinem Denkmal an prominenter Stelle würdigen. Hat der Kultursenator wirklich nichts besseres zu tun? Schämen Sie sich!