Brauchen wir das Freiheits- und Einheitsdenkmal? Der 9. November droht, vergessen zu werden

Bild von Günter Jeschonnek
Regisseur und Kulturmanager

Expertise:

Günter Jeschonnek ist Regisseur und Kulturmanager. 1987 wurde er aus Ost-Berlin ausgebürgert. Über Jahrzehnte engagierte er sich für die freie Theaterszene in Berlin und war zuletzt Geschäftsführer des Fonds Darstellende Künste.

Der 9. November droht, vergessen zu werden. Deshalb brauchen wir das Freiheits- und Einheitsdenkmal.

Wenige Monate vor den diesjährigen Erinnerungsfeierlichkeiten anlässlich des Mauerfalls am 9. November 1989 hätte auf der Berliner Schlossfreiheit ein besonderes Ereignis stattfinden können: Der längst fällige Baubeginn des vom Deutschen Bundestag beschlossenen nationalen Freiheits- und Einheitsdenkmals in Berlin. Für das baureife Projekt wurde bereits im Oktober 2015 die Baugenehmigung erteilt. Den Wettbewerbsunterlagen fügte das Kreativunternehmen „Milla & Partner“ schon 2011 die TÜV-Abnahme an und garantierte zu Jahresbeginn die Realisierung mit 11 Millionen Euro. 

Stattdessen empfahl aber im April 2016 der Haushaltsausschuss plötzlich, dass die Bundesregierung dieses Bauvorhaben nicht weiterverfolgen solle, weil die Gesamtkosten um 50 Prozent auf 14,6 Millionen Euro angestiegen seien. Weder das Büro „Milla & Partner“, alle weiteren beteiligten Initiatoren, noch die Mitglieder des Kultur- und Medienausschusses wurden in diese Überlegungen einbezogen oder erfuhren vorab von dieser fragwürdigen Empfehlung. Zu Recht wehrte sich Siegmund Ehrmann in einer öffentlichen Debatte im Beisein der Kulturstaatsministerin: „Es ist das Parlament, das entscheidet. Wir sind der Souverän. Und deshalb sollten wir das nicht wie einen Rohrkrepierer in sich zusammenfallen lassen.“

Bundestagspräsident Norbert Lammert und der Ältestenrat stimmten ihm wenige Tage später zu, dass der Haushaltsausschuss nicht einen Plenarbeschluss des Deutschen Bundestages ersetzen oder gar aufheben kann.

Plötzlich spielen aber in der aktuellen Debatte die angeblichen Kostensteigerungen gar keine Rolle mehr. Nein, insbesondere die Kulturstaatsministerin Monika Grütters (hier geht es zum Debattenbeitrag von Frau Grütters) trägt unermüdlich ihre Vorliebe für das Brandenburger Tor als die einzige Lösung vor. Die ehemalige Vorsitzende der Stiftung Brandenburger Tor ignoriert dabei leichtfertig nicht nur ihre Plädoyers vor dem Kultur- und Medienausschuss für die Realisierung des Siegerentwurfs, sondern auch die ihres Vorgängers Bernd Neumann, der 2011 die beiden Wettbewerbe mit 920 Einreichungen für die Bundesregierung  abschloss: „Mit dem beeindruckenden Entwurf des Freiheits- und Einheitsdenkmals ist eine moderne und zeitgemäße Form des Denkmals gefunden worden (…). Ich bin sicher, hier wird ein lebendiger Ort der Auseinandersetzung mit unserer jüngsten Geschichte geschaffen und damit eine Attraktion mitten in Berlin, gerade für junge Leute.“

Die Mehrkosten des Denkmals sollten getragen werden - so wie bei Staatsoper und Pergamonmuseum.

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Im Umfeld des Wettbewerbs fanden außerdem über 30 parlamentarische und bundesweite Diskussionsrunden zu den Entwürfen und Intentionen des Siegerentwurfs statt. Spielen nun diese Tatsachen gar keine Rolle mehr, sind sie nur noch Makulatur? Wo wird der politische Gestaltungswille spürbar, Plenarbeschlüsse in die Tat umzusetzen? Warum gilt für das nationale Freiheits- und Einheitsdenkmal nicht das Gleiche wie für die Berliner Staatsoper, die James-Simon-Galerie und jetzt auch das Pergamonmuseum? Für diese drei Baustellen werden fast 400 Millionen Euro Mehrkosten entstehen und sukzessive bereitgestellt. Aber dem Denkmal lastet man zu Unrecht „Kostensteigerungen“ an, die den Besonderheiten des Standortes geschuldet und längst allen Beteiligten bekannt waren. Dabei handelt es sich um die bauherrenseitigen Nebenkosten wie den Wettbewerb selbst, die Öffentlichkeitsarbeit des Kulturstaatsministers sowie Baunebenkosten, Gutachterkosten und Grundstückserschließungskosten. Es wird also höchste Zeit, dass der Kultur- und Medienausschuss eine öffentliche Anhörung anberaumt, um diese offenkundigen Widersprüche aufzuklären und die Legendenbildung um das Denkmal zu beenden.                

In den letzten Tagen korrespondierte ich mit dem in der Bundesrepublik hoch geschätzten und vielfach gewürdigten deutsch-französischen Politikwissenschaftler Alfred Grosser. Er hielt 2008 die Laudatio auf die vier mit dem Nationalpreis ausgezeichneten Initiatoren des Freiheits- und Einheitsdenkmals. Er schrieb mir aus Paris, dass er doch nicht den Inhalt seiner damaligen Rede zurücknehmen könne und sagte seine volle Unterstützung für die Realisierung des Denkmals zu.

Der 9. November beginnt schon, als Gedenktag in Vergessenheit zu geraten. Deshalb brauchen wir das Denkmal.

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Im Januar 2015 bekannte sich auch die Bundeskanzlerin anlässlich einer Jubiläumsveranstaltung zum Denkmal: "Wir sind froh, dass es in jüngster Zeit gelungen ist, einige Hürden auf dem langen Weg zur Realisierung des Denkmals zu überwinden. Es wird im Herzen Berlins, auf der Berliner Schlossfreiheit, in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft an die wohl glücklichsten Ereignisse der jüngeren deutschen Geschichte erinnern.“                      

In einer kürzlich veröffentlichten Emnid-Erhebung befürworteten 70 Prozent der Befragten die Ansicht, dass die friedliche Revolution ein Glücksfall gewesen sei. Rund ein Viertel der Deutschen weiß allerdings nicht, dass am 9. November 1989 die Mauer fiel. Das geplante interaktive, partizipative und zugleich elegante Freiheits- und Einheitsdenkmal „Bürger in Bewegung“, das einzige dieser Art weltweit, mit einer Schale von 51 mal 22 Meter, soll Bürgerinnen und Bürger aus der ganzen Welt einladen. Sie können sich hier mit ihren unterschiedlichsten Erinnerungen und Erfahrungen begegnen, sich über Freiheit, Demokratie, Frieden und gesellschaftliche Widersprüche im öffentlichen Raum austauschen – am Ort voller historischer Bezüge und umgeben von Kulturbauten von Weltrang.

Gelungene zeitgenössische Denkmale entfalten ihre wirkungsästhetischen Möglichkeiten erst im Zusammenspiel mit den Besuchern und zielen nie nur auf das Heute oder eine Botschaft, sondern werfen neue Fragen auf und unterstellen Rezeptionsverhalten nachfolgender Generationen. Ist das keine politische Herausforderung, für die es sich nach wie vor lohnt zu streiten und zu kämpfen?

„Der preisgekrönte Entwurf für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal „Bürger in Bewegung“ - Was ist daraus geworden?“

ArchitekturPreis Berlin e.V. lädt ein:
7. November 2016, 18.00 Uhr, KutscherHaus, Kurfürstendamm 50A
Diskussionsveranstaltung mit den Architekten „Milla & Partner“, Wolfgang Thierse, Florian Mausbach, Günter Nooke und Philipp Lengsfeld, MdB.
Moderation: Bernhard Schulz

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