Wenn Geschichte überfrachtet wird Danke, kein Denkmalbedarf!

Bild von Arnold Bartetzky
Kunsthistoriker und Architekturkritiker Universität Leipzig

Expertise:

Arnold Bartetzky ist an der Universität Leipzig Fachkoordinator für Kunstgeschichte am Geisteswissenschaftlichen Zentrum für Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas und Mitglied der Expertengruppe Städtebaulicher Denkmalschutz beim Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit. 2012 erhielt er für seine Arbeit den Journalistenpreis des Deutschen Preises für Denkmalschutz.

Deutschland wird erstmal kein neues Denkmal bekommen. Kein Problem, denn wir haben schon mindestens zwei Denkmäler für die Friedliche Revolution – und die sind kaum zu übertreffen.

Ich bewundere die verbliebenen Befürworter des Freiheits- und Einheitsdenkmals für ihre Standhaftigkeit – und habe mit ihnen etwas Mitgefühl. Denn wer in Deutschland ein Denkmal errichten will, muss beharrlich, geduldig und mit einer ans Masochistische grenzenden Leidensfähigkeit ausgestattet sein.

Es stimmt, wir sind das denkmalskeptischste Land der Erde. Denkmalsetzungen werden hierzulande in der Regel von quälenden Endlosdebatten und einer erbarmungslosen Kritik begleitet. Sie sind eine Folterstrecke für alle Beteiligten. Und das sieht man den Denkmälern aus jüngster Zeit auch an. Sie sind meist verkopft und verstecken sich gerne unter der Erde, als wollten sie bloß nicht auffallen. Figuren auf Sockeln sind nahezu tabu, aber schon ein allzu selbstverständliches Auftreten im Stadtraum kann sich den Vorwurf eines reaktionären Monumentalismus einhandeln, und jede anschauliche Darstellungsform steht automatisch unter Kitschverdacht.

Es gibt tiefsitzende Abwehrreflexe gegen monumentales Pathos. Zu Recht!

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Die deutsche Monumentophobie hat bekannte historische Gründe, die wohl noch lange nachwirken werden. Man mag dies überspannt finden, aber zum Neid auf andere Länder, die es sich mit Denkmälern leichter machen, weil sie kein so gebrochenes Verhältnis zu ihrer Geschichte haben, gibt es wenig Grund. Man kann in Frankreich, in Großbritannien oder in den Vereinigten Staaten sehen, dass die Denkmallust auch zu einer Denkmallast werden kann. Ganz zu schweigen vom postsozialistischen Osteuropa, wo man auf Schritt und Tritt mit alten und neuen Helden zusammenstoßen kann, die sich auf ihren Sockeln geckenhaft aufplustern, fragwürdige geschichtspolitische Botschaften vermitteln und sich manchmal geradezu gegenseitig die Schau zu stehlen versuchen. Die tiefsitzenden Abwehrreflexe gegen monumentales Pathos ersparen uns Peinlichkeiten im öffentlichen Raum.

Trotz oder gerade wegen unseres heiklen Verhältnisses zu Denkmälern sind in Deutschland aber einige eindringliche Monumente der Trauer, der Reue und der Schande entstanden. Mahnmale gelingen uns manchmal. Aber mit Denkmälern für freudige Ereignisse unserer Geschichte tun wir es uns besonders schwer. Die Debakel um die Projekte für die Freiheits- und Einheitsdenkmäler in Berlin und in Leipzig waren deshalb vorprogrammiert.

Warum nicht auf Bestehendes setzen? Warum gegen Widerstände Neues schaffen?

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So liegt die Idee nahe, auf die Wirkung bestehender Monumente zu setzen, die durch ihre gesellschaftliche Aneignung zu Denkmälern der Freude wurden, statt gegen alle Widerstände neue Denkmäler zu errichten. Kulturstaatsministerin Monika Grütters verweist mit Recht auf das Brandenburger Tor, das von einer negativen Ikone der Teilung zu einem Symbol für die Überwindung der Diktatur und die Wiedererlangung staatlicher Einheit wurde. Ähnlich verhält es sich mit den Resten der Berliner Mauer, die, nachdem sich Mauerspechte und Graffitisprüher an ihnen abgearbeitet haben, nicht nur von der Einsperrung eines Volkes, sondern auch vom Freudenfest seiner Selbstbefreiung erzählen. Kaum ein neues Denkmal könnte das Brandenburger Tor oder die Berliner Mauer an Eindringlichkeit und emblematischer Strahlkraft übertreffen.

Das Denkmal als authentischer Ort. Besser geht's doch nicht

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Ein populäres Freudendenkmal für die Friedliche Revolution gibt es auch in Leipzig. Es ist die Nikolaikirche, Ort der Friedensgebete, aus denen die Montagsdemonstrationen hervorgingen, die das Ende des DDR-Regimes einläuteten. Wie das Brandenburger Tor und die Berliner Mauer hat die Nikolaikirche allen potenziellen neuen Denkmälern eines voraus: Sie ist ein authentischer Ort des Geschehens, der durch menschliches Handeln zu einem Freiheitssymbol wurde. "Nikolaikirche offen für alle" ist an am Eingang zu lesen. Das unscheinbare, aber einst so provokante Schild, das die Besucher heute wie schon im Herbst 1989 begrüßt, ist ein besonders berührendes Detail, das bei den Zeitzeugen Erinnerungen weckt und zugleich einen Anstoß für Diskussionen mit Besuchern bietet.

Die "Nikolaisäule" kommt ohne plakative Penetranz aus - ein Glücksfall

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Die Rolle der Nikolaikirche als Keimzelle der Friedlichen Revolution bringt zudem ein Denkmal auf dem benachbarten Nikolaikirchhof zum Ausdruck. Mit ihren bescheidenen Dimensionen und der wenig exponierten Lage macht die 1999 aufgestellte "Nikolaisäule" kein Aufhebens von sich. Dabei ist sie der Ausnahmefall eines auf bürgerschaftliche Initiative entstandenen, gelungenen und weitgehend unumstrittenen Freudendenkmals. Die mit Palmwedeln bekrönte Replik einer Säule aus dem Kirchenraum mit in den Boden eingelassenen Fußabrücken symbolisiert einprägsam das für den Gang der Dinge entscheidende Heraustreten des Protests auf die Straße. Das Denkmal kommt ohne plakative Penetranz und Triumphalismus im Ausdruck aus – und ist doch für alle verständlich.

Berlin und Leipzig und zwei Denkmäler? Da spricht das Konkurrenzdenken

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Leipzig ist also doppelt gesegnet mit Denkmälern für die Friedliche Revolution. Es hat nicht nur einen historisch bedeutenden, zum Symbol gewordenen Ort des Geschehens, sondern auch den Glücksfall eines unverkrampften neuen Monuments der Freude. Ein breites gesellschaftliches Bedürfnis nach einem weiteren Denkmal ist nicht erkennbar. Die Forderung, in Leipzig ein Pendant zum Berliner Einheitsdenkmal zu errichten, entsprang vor allem einem Ressentiment gegen die Hauptstadt: Berlin sollte sich nicht mit den Federn der Friedlichen Revolution schmücken, die Leipzig für sich beansprucht. Es ist gut, dass auch dieses Projekt gescheitert ist.

Seien wir dankbar für die Denkmäler der Friedlichen Revolution, die wir schon haben, statt neue zu fordern, die sie doch nicht übertreffen können – in Berlin wie in Leipzig.

 

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