Deutsche Einheit Berlin hat schon ein Einheitsdenkmal

Bild von Monika Grütters
Staatsministerin für Kultur und Medien

Expertise:

Die Berliner CDU-Politikerin Monika Grütters ist Staatsministerin für Kultur und Medien. Zu ihren Aufgaben gehören die Förderung von Kultureinrichtungen und die Vertretung der kultur- und medienpolitischen Interessen Deutschlands bei der EU.

In Berlin ist das das Brandenburger Tor unersetzbares Symbol der Einheit. Sinnvoller ist es mit dem Einheitsdenkmal in Leipzig an den Beginn der friedlichen Revolution zu erinnern, meint Kulturstaatsministerin Monika Grütters . 

Vermutlich gibt es nur ein einziges Denkmal von überregionaler Bedeutung, das in jüngster Zeit ganz ohne kontroverse Debatten das Licht der Öffentlichkeit erblickt hat: das „Waldmopszentrum“ in Brandenburg an der Havel - ein Denkmal-Ensemble, mit dem die Stadt an ihren berühmten Sohn Vicco von Bülow alias Loriot erinnert. Zu dessen zweifellos identitätsstiftenden Verdiensten um den deutschen Humor zählt eine zoologische Theorie, den Mops und seine angebliche Abstammung vom Elch betreffend, und so hat niemand Geringerer als Bundesaußenminister Steinmeier das „Waldmopszentrum“ 2015, begleitet von öffentlichem Beifall, in seiner Eigenschaft als Wahlkreisabgeordneter eingeweiht.

Denkmäler zu errichten scheint aus der Mode gekommen zu sein.

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Auf so viel einhellige Begeisterung stößt ein Denkmal von nationaler Relevanz heutzutage ansonsten eher selten. Nicht zuletzt mit Blick auf das ergebnislose Ringen um ein Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin und Leipzig treibt mich die Frage um, warum wir uns im 21. Jahrhundert so ungeheuer schwertun, für unser nationales Erinnern - für Freude und Stolz genauso wie für Trauer und Scham - eine Formensprache zu finden, die bei der Mehrheit der Menschen im doppelten Wortsinn ankommt und von der Gesellschaft getragen wird. Ich kenne keinen jüngeren Fall, in dem das selbstverständlich gelungen ist.

Woran liegt das? - Zunächst einmal natürlich daran, dass ein Denkmal nicht einfach eine Gedächtnisstütze ist, sondern immer auch eine bestimmte Weise der geistigen Aneignung, der Interpretation und Einordnung. Damit trägt ein Denkmal schon den Zündstoff für Konflikte und politische Auseinandersetzungen in sich. Nicht nur konkurrierende, einander vielleicht sogar widersprechende Auffassungen wollen sich wieder finden; auch individuelle Erinnerungen erheben Anspruch auf Repräsentation. In einer demokratischen Denkmalkultur spiegelt sich deshalb unvermeidlich die Schwierigkeit, eine der Vielstimmigkeit und den unterschiedlichen Perspektiven angemessene Form des Erinnerns zu finden.

Vielen ist es ungewohnt positive Ereignisse der deutschen Geschichte hervorzuheben. 

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In Deutschland kommt erschwerend hinzu, dass wir unsere Geschichte - anders als über Jahrhunderte durch eine starke Zentralmacht geprägte Länder wie Frankreich - nicht in einer einzigen nationalen Erzählung darstellen können. Die Einheit der deutschen Nation gab es ja auf einem in Kleinstaaten zersplitterten Territorium zunächst nur im Geiste - in der Kultur, in der Philosophie. Und nach all dem Leid, das Deutschland im 20. Jahrhundert über Europa und die Welt gebracht hat, waren Nationaldenkmäler nach 1945 geradezu undenkbar. Dass nach 1990, als das wiedervereinte Deutschland seine Rolle in Europa und der Welt vorsichtig neu definierte, das lang umstrittene Holocaust-Mahnmal nach mehr als zehn Jahren des Debattierens und Streitens zum bedeutendsten Denkmal in Berlin wurde, hat für sich genommen schon hohe Symbolkraft. Der renommierte Museumsexperte Neil MacGregor hat anhand dieses Beispiels auf eine Besonderheit deutscher Denkmalkultur aufmerksam gemacht. Er kenne „kein anderes Land, das in der Mitte seiner Hauptstadt ein Mahnmal der eigenen Schande errichtet hätte“, schrieb er im Buch zu seiner Ausstellung „Deutschland. Erinnerungen einer Nation“.

Als eine weitere Besonderheit deutscher Denkmalkultur scheint sich nun das Unvermögen herauszukristallisieren, prägenden freudigen historischen Ereignissen ein Denkmal zu setzen. Glücklich, ja vielleicht sogar stolz und selbstbewusst zurückzuschauen auf die eigene Freiheits- und Demokratiegeschichte, das fällt uns offenbar besonders schwer. Immerhin hat der Beschluss, der Friedlichen Revolution und der Wiedervereinigung ein Denkmal zu setzen, eine öffentliche Debatte über den Wert der hart erkämpften Freiheit und Einheit ausgelöst. Aber anders als beim Holocaust-Mahnmal ist es (bisher) nicht gelungen, die gesellschaftliche Selbstverständigung in ein weithin sichtbares Wahrzeichen unseres Selbstverständnisses münden zu lassen.

Berlin hat im Brandenburger Tor bereits sein Symbol der Einheit gefunden.

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Stattdessen hat ausgerechnet das Brandenburger Tor mit seiner wechselvollen Geschichte eine Symbolkraft entwickelt, die weit über seine ursprüngliche Rolle als Stadttor hinausweist. Es steht für die brutalen Brüche in unserer Geschichte, für Ideologie, Krieg, Zerstörung, Unfreiheit und nicht zuletzt für die Teilung Deutschlands und Europas. Aber viel mehr noch ist es Symbol geworden für Einheit, Freiheit und Frieden und für das Glück der Wiedervereinigung. In gewisser Hinsicht ist es das nationale und internationale Freiheits- und Einheitsdenkmal, weil die Besucherinnen und Besucher aus aller Welt es sich längst als solches angeeignet haben. Doch damit ist die Frage, die sich aus dem (vorläufigen) Aus für das Freiheits- und Einheitsdenkmal ergibt, nicht aus der Welt: Sind wir Deutschen auch mit Blick auf im positiven Sinne identitätsstiftende Erinnerungen „denkmalfähig“?

Fest steht: Deutschland verdankt seine heutige Identität und sein mittlerweile wieder hohes Ansehen in der Welt nicht zuletzt seiner Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. „Sie [die Bundesrepublik Deutschland] ist das Deutschland, das ich liebe“, bekannte der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani 2014 in seiner Rede zum 65. Geburtstag unseres Grundgesetzes im Deutschen Bundestag, „eine Nation, die über ihre Geschichte verzweifelt, die bis hin zur Selbstanklage mit sich ringt und hadert, zugleich am eigenen Versagen gereift ist, die nie mehr den Prunk benötigt, ihre Verfassung bescheiden ,Grundgesetz‘ nennt und dem Fremden lieber eine Spur zu freundlich, zu arglos begegnet, als jemals wieder der Fremdenfeindlichkeit, der Überheblichkeit zu verfallen.“

Die Errichtung eines Einheitsdenkmals in Leipzig sollte wieder diskutiert werden. 

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Ja, Geschichte vergeht nicht einfach. Die Art und Weise, wie wir sie vergegenwärtigen, prägt unser Bild von uns selbst, sie prägt unsere Gegenwart und unsere Zukunft. Deshalb plädiere ich dafür, den Faden der Diskussion nicht abreißen zu lassen und das Verfahren zur Errichtung eines Freiheits- und Einheitsdenkmals insbesondere für Leipzig, den Ausgangspunkt der friedlichen Montagsdemonstrationen, wieder aufzunehmen. So zäh und mühsam solche Debatten bisweilen auch sind: Sie helfen uns, nicht nur am eigenen Versagen, am Ringen und Hadern mit der Vergangenheit zu reifen, sondern auch im Bewusstsein der eigenen Freiheitstraditionen zu wachsen.

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