Bundesuniversitäten setzen völlig falsche Akzente Exzellenz braucht Freiheit und Zeit - und keine "Bundesuni"-Strukturen 

Bild von Christian Hof
Biologe und Wissenschaftler Die Junge Akademie

Expertise:

Christian Hof, Jg. 1979, ist Mitglied der Jungen Akademie und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F), Frankfurt/Main

Das akademische System ist oft bürokratisch, lähmt sich selbst mit seinem Antragstellwahn und dem traditionellen Lehrstuhlsystem und bietet viel zu wenig Raum, in dem sich neue Ideen und bisher ungedachte Gedanken entwickeln können. Wer der Forschung etwas Gutes tun will, verschafft ihr mehr Luft und unterstützt Universitäten da, wo sie flexibel und innovativ sind, statt den starren Fokus auf überdimensionierte Bundesuni-Einheiten zu legen.

Da sind sie wieder, die Bundesuniversitäten. Alle paar Jahre werden sie zum Thema in der wissenschaftspolitischen Debatte. Ernster denn je scheint der Bund sie diesmal anzugehen: Beherzt will er die Aufhebung des Bund-Länder-Kooperationsverbots nutzen, um im Zuge der Exzellenzinitiative wenige Universitäten zu bundesgeförderten Leuchttürmen zu machen – auf dass die Sichtbarkeit der deutschen Hochschulen weiter wachse.

Doch die Debatte geht fehl. Statt der nun geplanten dauerhaften Förderung einiger weniger Hochschulen sollte der Bund seine neuen Gestaltungsmöglichkeiten nutzen, um einen Umbau des deutschen Wissenschaftssystems kreativ und nachhaltig zu befördern, denn dieser Umbau ist dringend geboten.

Der Fokus auf Großprojekte ist nicht immer von Vorteil.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Zweifelsohne war die Exzellenzinitiative nicht ohne Wirkung. Durch die Mobilisierung ungeahnter Mittel hat sie neue Ideen und Kooperationen angestoßen, und so spannende Forschungsergebnisse generiert. Der einseitige Fokus auf Großprojekte – seien es die Cluster und Graduiertenschulen der Exzellenzinitiative oder auch, darüber hinaus, die DFG-Konstrukte Sonderforschungsbereich (SFB) und Graduiertenkolleg – ist jedoch nicht immer von Vorteil. Denn: Spitzenforschung wird nicht betrieben von Universitäten, Clustern oder Kollegs, sondern von kreativen, motivierten Köpfen. Freilich brauchen diese attraktives, anregendes Umfeld – ein modernes Labor, einen schnellen Rechner oder eine gut ausgestattete Bibliothek.

Exzellente Forscher brauchen vor allem die Freiheit und die Zeit, ihre Ideen zu entwickeln.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Doch essentiell sind auch und vor allem zwei andere Faktoren, die sich gegenseitig bedingen: Freiheit und Zeit. Freiheit braucht es zur Entwicklung unkonventioneller, riskanter Ideen, die der Kern jener innovativen Forschung sind, welche das jeweilige Fach und die Wissenschaft insgesamt tatsächlich weiterbringt. Und ebensolche Ideen und Projekte können nur gedeihen, indem den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Gestaltungsräume und Perspektiven eröffnet werden. Perspektiven, die über den Zeithorizont der Hundertschaften an Doktoranden und Postdocs hinausreichen, die von den Clustern und Graduiertenzentren durchlauferhitzt auf den aussichtslosen Stellenmarkt geworfen werden.

Riesenprojekte bieten selten eine dauerhafte Perspektive.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Was braucht es nun, um mehr Freiheit und frühere, längere Perspektiven für die kreativen Köpfe zu ermöglichen? Was es sicher nicht zwangsläufig braucht, sind statische Großförderformate, die in der Regel von etablierten Professoren und (immer noch zu wenigen) Professorinnen beantragt, begutachtet und getragen werden. Denn diese Riesenprojekte bieten ihren hochqualifizierten und -motivierten Beschäftigten zumeist keine Dauerperspektive. Nicht umsonst scheinen auch die in den mit beachtlichen Mitteln geförderten Einrichtungen produzierten Erkenntnisse oftmals hinter den Versprechungen der Antragsskizzen zurückzubleiben: Und sei jedes Ergebnis und jede Publikation für sich noch so interessant – die durch Verclusterung erwarteten Mehrwerte und Quantensprünge bleiben häufig doch aus.

Der Fokus auf die Großen marginalisiert die kleinen Talentschmieden zwischen Greifswald und Ulm.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Weitere negative Konsequenzen des starren Fokus auf überdimensionierte Einheiten liegen auf der Hand. So befördert er z.B. systematisch weiter die Marginalisierung kleiner und mittlerer Universitäten. Von Greifswald und Oldenburg über Jena und Marburg bis Bamberg und Ulm finden sich in der gesamten Republik Orte mit exzellenten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, deren Leistungen im internationalen Vergleich weithin glänzen. Doch selbst mittelgroße Hochschulen verfügen in den meisten ihrer Fächer nicht über die notwendige kritische Personalmasse, die für die Beantragung eines Clusters oder SFBs verlangt wird. Solch ungleiche Bedingungen machen den vielbeschworenen Wettbewerb um die verfügbaren Mittel mithin zu einem recht unfairen Kampf, der das Matthäus-Prinzip zur Vollendung bringt.

Der Forschungsmittelanträge werden belohnt, nicht das Erreichen der Forschungsziele.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Insbesondere dann, wenn der erfolgreiche Antrag vom Mittel zum Zweck wird: Beantragte man früher zusätzliche Ressourcen, um Forschung zu betreiben in der Hoffnung auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die dann der Bewertung von Kollegen und Konkurrenten standhalten mussten, steht heute der Antrag selbst im Mittelpunkt. Was sich z.B. darin äußert, dass erfolgreiche Anträge durch die öffentlichen Zuwendungsgeber oftmals zusätzlich honoriert werden, ohne erst die versprochenen Erkenntnisse abzuwarten. Dies hat zur Folge, dass kleine und mittlere Hochschulen nicht nur von den Großfördertöpfen abgeschnitten sind, sondern auch von den Zusatzmitteln z.B. aus den Landesbudgets. Die Spaltung der Universitätslandschaft in ein Zweiklassensystem schreitet also voran, mit fatalen Folgen für den Wettbewerb der Ideen, die eben keineswegs automatisch besser werden, wenn sie in größeren Läden entstehen.

Nötig sind keinesfalls unkreative Bundesuniversitäten, sondern kreative Strukturen und dezentrale Konzepte.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Statt sich also auf das recht unkreative Thema der Bundesuniversitäten zu versteifen, sollte der Bund sich vielmehr daran machen, Instrumente zu entwickeln, mit denen er mehr Freiheit und Perspektiven und somit mehr Dynamik in Forschung und Lehre ermöglichen kann. Besonders attraktiv sind hierfür, gerade im Sinne eines ehrlichen, größenunabhängigen Ideenwettbewerbs, dezentrale Konzepte. Denkbar wäre z.B. eine dauerhafte Förderung von in Forschung und Lehre herausragenden und engagierten Persönlichkeiten in einem Wissenschaftsumfeld ihrer Wahl – unabhängig davon, ob sich dies in München oder Passau, Berlin oder Potsdam, Bremen oder Rostock findet.

Das traditionelle Lehrstuhlsystem muss abgeschafft werden!

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Will man unbedingt im Denkrahmen der Exzellenzinitiative verbleiben, doch trotzdem einige Probleme an der Wurzel packen, könnte der Bund mit einer bewussten Neuausrichtung der Förderlinie „Zukunftskonzepte“ wichtige Impulse liefern: Dies gelänge dann, wenn eine Bewilligung von Mitteln an die Bedingung geknüpft würde, solche Strukturen auf den Prüfstand zu stellen, die das akademische System ganz grundsätzlich lähmen. Als wohl zentralster Hemmschuh für den Wissenschaftsstandort Deutschland sei hier das überkommene Lehrstuhlsystem erwähnt, dessen Abschaffung eine ganz neue Dynamik für mehr Qualität in Lehre und Forschung generieren könnte. Noch fällt die Zustimmung der Verantwortungsträger in Politik und Wissenschaft zu einem solch grundlegenden Strukturwandel wenig euphorisch aus. Doch umso mehr könnte der Bund hier gezielt Akzente setzen, indem er Universitäten belohnt, die sich explizit neuen Stellenstrukturen verschreiben. Durch flache Hierarchien und kleinere, dynamischere Einheiten würden so denjenigen frühzeitig langfristige Perspektiven eröffnet, die durch ihr Engagement in Forschung und Lehre sowie mit riskanten, aber vielversprechenden Ideen überzeugen. Bewährten sich die neuen Strukturen an den geförderten Einrichtungen, wäre dies ein wichtiger Anreiz für andere, ihre eigenen Stellenstrukturen gleichfalls zu entrümpeln. So würde der Impulsgeber Bund letztlich zum Motor einer Reform des gesamten Systems.

Reformen sollten Pflicht sein - gerade in der Forschung, der es doch um Neues geht.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Das Entwickeln zukunftsweisender Reformentwürfe, die der Forschung, der Lehre sowie den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern insgesamt zum Vorteil gereichen, sollte der Phantasie keine Grenzen gesetzt werden. Schon gar nicht im Wissenschaftssystem, dessen ureigenster Sinn doch ist, neue Ideen und Erkenntnisse hervorzubringen. Um diesem Sinn gerecht zu werden, braucht es aber auch ganz neue, unkonventionelle Denkansätze. Das prestigegesteuerte Aufpumpen einzelner Großeinrichtungen, z.B. in Form von Bundesuniversitäten, gehört sicher nicht dazu.

- Lesen Sie hier eine ganz andere Meinung von Oliver Günther, Präsident der Universität Potsdam

- Hier geht es zur Übersicht über die ganze Debatte zur Fragen: "Brauchen wir Bundesunis?"

Sie können an dieser Stelle derzeit keinen Kommentar schreiben.