Um Leuchttürme geht es nicht Exzellent wäre die Ausfinanzierung der Hochschulen

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Kommunikationswissenschaftlerin und Politikerin Bundestag

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Nicole Gohlke ist Bundestagsabgeordnete der Partei Die Linke und gehört dem Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung an.

Ein „exzellentes“ Hochschulsystem braucht nicht Leuchttürme, sondern gute Forschung und Lehre auch an kleinen Universitäten und Fachhochschulen. „Exzellent“ für das wissenschaftliche Personal wäre es, wenn sie ihr Leben nicht nach kurzatmigen Förderprogrammen ausrichten müssten, sondern vernünftige Arbeitsverhältnisse hätten. „Exzellent“ wäre es, wenn nicht nur die Forschung in Deutschland gefördert, sondern gute Lehre für die Studierenden in gleichem Maße honoriert werden würde. Und eine exzellente Entscheidung wäre es, die Exzellenzinitiative auslaufen zu lassen und die Hochschulen endlich in der Breite bedarfsgerecht auszufinanzieren.

Wenn ein Lehrer oder eine Lehrerin sich entscheiden würde, von 30 Schülerinnen und Schülern nur drei mit der besten schulischen Ausstattung und mit vollem Einsatz zu unterrichten, wäre die Empörung zu Recht groß. Wenn diese Entscheidung dann öffentlich damit begründet würde, dass von der Förderung der Wenigen letztlich auch die übrigen Kinder profitierten, würde das wohl als dreiste Lüge und argumentativ nicht haltbare Position entlarvt werden.

Es ist ein Märchen, dass das Fördern weniger gut für alle ist.

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In ähnlicher Weise verfährt die Bundesregierung aktuell mit der Hochschullandschaft, durch die Fortführung der Exzellenzinitiative. Sie versteift sich auf die Förderung einiger weniger Leuchttürme und erzählt das Märchen, das Fördern weniger sei am Ende gut für alle.

Die Exzellenzinitiative wurde von der SPD entwickelt und von der Großen Koalition 2006 erstmalig gestartet. Nach 10 Jahren Dauerwettbewerb zwischen den Hochschulen hat sie ein paar handverlesene Gewinner und zahllose Verlierer hervorgebracht. Die Verlierer des Wettbewerbs sind nicht nur die direkt unterlegenen Konkurrenten, sondern auch kleine Universitäten und Fachhochschulen. Hinzu kommt die vielerorts völlig unterfinanzierte Lehre und Forschung, die ebenso einen entscheidenden Nachteil im Wettbewerb darstellt.

Im Wissenschaftssystem dominiert „Eventmarketing“.

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Seit Jahren sind die Hochschulen chronisch unterfinanziert. Das Wissenschaftssystem wird deshalb in einen permanenten Wettbewerb um Drittmittel und eine „leistungsorientiere“ Grundfinanzierung  gezwungen. Anstatt kooperativer Forschung und ausreichend Zeit für die Lehre, dominieren heute „Eventmarketing“, zeitraubende Antragstellung zur Drittmitteleinwerbung und Gutachteraktivitäten den wissenschaftlichen Alltag. Mit der Exzellenzinitiative werden diejenigen Hochschulen belohnt, die im Kampf um die Gelder die besten Voraussetzungen mitbringen. Der Großteil der Hochschulen geht dabei leer aus. Bundesweit kamen bisher nur 45 von 399 Hochschulen in den Genuss von Mitteln aus der Exzellenzinitiative, wobei sich bei den oberen 15 die Mittel konzentrieren.

In der Zeit von 2006 bis 2014 wurden vom Bund auf die Gewinner rund 2,4 Milliarden Euro verteilt. Nach Bayern gingen davon rund 456 Millionen und nach Nordrhein-Westfalen fast 417 Millionen Euro. Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg hingegen bekamen gar nichts.

Die Regierung gibt an, damit akademische Leuchttürme aufzubauen, die etwa mit Universitäten wie Havard oder Stanford konkurrieren könnten. Sie möchte deutsche Eliteuniversitäten und Weltmarken schaffen. Die schwarz-gelbe Koalition nannte sie noch „Bundesuniversitäten“. Auch wenn Bildungsministerin Wanka sich offiziell gegen diese Namensgebung ausspricht, macht sie in der Konsequenz genau für dieses Konzept Politik. Die Regierung fördert mit Bundesmitteln Eliteeinrichtungen, die sich einseitig auf die Forschung konzentrieren. Auf der anderen Seite stehen dann die vielen unterfinanzierten Hochschulen, die die Hauptlast der Lehre tragen. Diese werden zukünftig kaum noch forschen, sondern vor allem für die aktuellen Bedürfnisse des Arbeitsmarktes ausbilden. De facto nimmt die Regierung Kurs auf die dauerhafte Spaltung der Hochschullandschaft – in wenige forschende Spitzenunis und die Masse an oftmals schlecht ausgestatteten Ausbildungshochschulen.

Unsicherheit und Druck  an den Hochschulen wachsen.

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An einer „exzellenten“ Hochschule zu sein, ist gleichzeitig jedoch kein Garant für gute Lehre oder ordentliche Arbeitsverhältnisse. Forschende eines Exzellenzclusters reduzieren in der Regel ihre Lehrtätigkeit, die zusätzliche Lehrbelastung muss von anderen Lehrenden kompensiert werden. Die Betreuungsverhältnisse werden in der Regel schlechter.

Ebenso sind die Arbeitsverhältnisse keineswegs exzellent. Der Anteil an befristet Beschäftigten ist an den Hochschulen, die mit Exzellenzmitteln gefördert werden, sogar noch höher, da die zeitlich befristeten Mittel zum Vorwand für befristete Beschäftigungsverhältnisse genommen werden. Trotz gegenteiliger Verlautbarungen scheint die Regierung an einer langfristigen Perspektive der geförderten Projekte und dem dort beschäftigten Personal, nicht besonders interessiert zu sein. Auf eine Anfrage meiner Fraktion, ob Projekte, deren Förderung ausgelaufen ist, von den Ländern weiter finanziert würden, wusste die Bundesregierung keine Antwort. Studien über den Verbleib von Doktorand*innen und Post- Doktorand*innen, die in Exzellenzprojekten beschäftigt waren, hat die Regierung nicht geplant.

Seit Jahren lässt sich beobachten, wie verheerend sich die wettbewerbliche Steuerung des Hochschul- und Wissenschaftssystems auf Arbeitsverhältnisse ausgewirkt hat. Gerade das angestellte Personal im wissenschaftlichen Mittelbau wird zunehmend als Manövriermasse im Drittmittelkampf behandelt. Sie sind zu knapp 90 Prozent befristet beschäftigt und werden zudem immer häufiger mit sehr kurzen Vertragslaufzeiten abgespeist. Die Exzellenzinitiative kultiviert diese Politik.

Ein exzellentes Hochschulsystem braucht gute Forschung und Lehre auch an kleinen Hochschulen.

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Ein exzellentes Hochschulsystem sieht für DIE LINKE anders aus. Ein „exzellentes“ Hochschulsystem braucht nicht Leuchttürme, sondern gute Forschung und Lehre auch an kleinen Universitäten und Fachhochschulen. „Exzellent“ für das wissenschaftliche Personal wäre es, wenn sie ihr Leben nicht nach kurzatmigen Förderprogrammen ausrichten müssten, sondern vernünftige Arbeitsverhältnisse hätten. „Exzellent“ wäre es, wenn nicht nur die Forschung in Deutschland gefördert, sondern gute Lehre für die Studierenden in gleichem Maße honoriert werden würde. Und eine exzellente Entscheidung wäre es, die Exzellenzinitiative auslaufen zu lassen und die Hochschulen endlich in der Breite bedarfsgerecht auszufinanzieren.

 

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