Ungerechte Hochschullandschaft Deutschland Elitedenken führt zu Unfreiheit

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Vorstand Freier Zusammenschluss von StudentInnenschaften e.V.

Expertise:

Ben Seel ist Vorstandsmitglied beim Freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften und studiert Politische Theorie. Schon seit Beginn seines Studiums ist er in der unabhängigen Studierendenvertretung aktiv, u.a. in den Referaten Hochschulpolitik und Verkehr, im Außenreferat, als Studierender im Senat sowie im AStA.

Bundesuniversitäten könnten der wahr gewordene Alptraum vom Ende einer Wissenschaftslandschaft werden, in der zumindest theoretisch eine Forschung unter Gleichen möglich wäre. Bundesuniversitäten wären somit ein Widerspruch nicht nur zum Föderalismus, sondern auch zur Idee der Wissenschaftsfreiheit.

Die Exzellenzinitiative ist das Resultat der neoliberalen Reformstaudebatte vom Ende des letzten Jahrhunderts

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Um diese These zu verstehen ist es wichtig, den Kontext und die Geschichte der aktuellen Debatte um die Exzellenzinitiative und ihre Steigerung, die Forderung nach Exzellenzprämien oder gar Bundesuniversitäten, zu bedenken.

Das Modell der alten Bundesrepublik folgte – trotz der teils erfolgreichen Veränderungen der 68er – immer noch den Vorstellungen einer Ordinarienuniversität. In dieser waren Universitäten bestimmt durch einen Kreis von gleichgestellten Kollegen – den Ordinarien – die im Großen und Ganzen ähnlich viele Finanzmittel wie die Fachkolleg*innen zu Verfügung hatten und ihre Grundreputation aus ihrem Status bezogen. Der Rest des universitären Personals und erst recht die Studierenden hatten wenig zu sagen, aber in ihrem kleinen Klub befanden sich die Ordinarien aus der ganzen Bundesrepublik im Wesentlichen unter Gleichen.

Nachdem die Reformversuche der 68er-Generation durch Gruppenhochschule und Öffnung einiger Hochschulen (und Schaffung neuer, wie Reform- und Fachhochschulen) eingehegt worden waren, begann in den 80er und 90er Jahren die sogenannte „Reformstaudebatte.“ Mit ihr wurde schließlich die als „unreformierbar“ geltende Hochschule langsam aber sicher durch eine neoliberalere Form ersetzt. Wettbewerb, Konkurrenz und undemokratisches Management sollten eine dynamische, flexible und „unternehmerische Hochschule“ schaffen.

Der Wettbewerbs-Charakter der Hochschulfinanzierung hat die Hierarchisierung des Hochschulsystems vorangetrieben

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Der Wandel in der Hochschullandschaft wurde vor allem durch neue Finanzierungsmodelle vorangetrieben. Vom Wegfall des Gebots im Hochschulrahmengesetz an, Drittmittel jeweils einzeln in den Gremien der Hochschule zu genehmigen, wurde die Grundfinanzierung immer weiter künstlich verknappt. Stattdessen wurde das staatliche Geld über Wettbewerbe an die Hochschulen verteilt. Noch heute wird der weit überwiegende Teil der Drittmittel von staatlicher Seite aus vergeben, könnte also auch in die Grundfinanzierung fließen, falls das gewünscht wäre.

Die wettbewerbliche Vergabe der Mittel führt langsam aber sicher in Richtung einer vertikalen Differenzierung, denn die Hochschulwettbewerbe folgen stets dem Matthäus-Prinzip: „Denn wer da hat, dem wird gegeben“ (Mat. 25,29). Reputation und finanzielle Infrastruktur führen als Kriterien zu Erfolgen im Wettbewerb und reproduzieren sich somit selbst.

Reputation und finanzielle Infrastruktur führen zu Erfolgen im Wettbewerb und reproduzieren sich somit selbst

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Am Ende aller Wettbewerbe stehen also nicht Universitäten, die ungefähr die gleiche Ausstattung besitzen und ein gleichwertiges Studium ermöglichen können, sondern einige wenige ausfinanzierte und viele stark unterfinanzierte Hochschulen mit prekär beschäftigten Dozent*innen und maroder Infrastruktur zum Lernen, Lehren und Forschen.

Bundesuniversitäten sind der logische Endpunkt des Wettbewerbs

Einige von denen, die sich eine solche Entwicklung wünschen, meinen bereits, der Wettbewerb habe seine Schuldigkeit getan und wollen zu einer expliziten Differenzierung übergehen. Das Ranking, welches Dieter Imboden mit der sogenannten „Exzellenzprämie“ vorschlägt, geht in diese Richtung, wenn er recht simpel fordert, den reichsten Hochschulen mehr Geld zu geben. Fällt dann noch das föderale Prinzip und die geringe eingeplante Schwankung in der „Bundesliga der Hochschulen“ weg, so ist die Bundesuniversität nicht mehr weit. Um im Bild zu bleiben: Bayern München würde nicht einfach jedes Jahr aufs Neue Meister werden, sondern schon am Beginn der Saison mit der Meisterschale belohnt. Dies wäre der logische Abschluss des Projekts, die (unter den Professor*innen) egalitäre Wissenschaftslandschaft des letzten Jahrhunderts zu beenden.

In einem hierarchischen Hochschulsystem verlieren Student*innen, Forscher*innen – und die Wissenschaftsfreiheit

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Wünschenswert wäre dieses Resultat keineswegs, weder für Student*innen oder Forscher*innen, noch für den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn. Ich möchte die Folgen eines „vertikal differenzierten“ oder – beim Namen genannt – hierarchischen, Hochschulsystems für diese drei Felder kurz skizzieren.

Für Student*innen würde ein solches System die Berufs- und Lernfreiheit massiv einschränken. Nur noch wenige könnten in den Genuss kommen, an gut ausgestatteten Bildungsinstitutionen zu studieren. Da nur wenige Student*innen in die bundesgeförderten Leuchtturmuniversitäten aufgenommen würden, wäre eine weitere Zunahme der sozialen Selektion die Folge: Ähnlich wie Cambridge oder Oxford wäre die definierte Elite des Staates hier zuhause, für die sich später all jene Türen öffnen, die anderen Studierenden verschlossen blieben.

Doch auch den Forscher*innen täte ein solches System keinen Gefallen. Schon heute ist zu beobachten, wie an schlecht finanzierten Institutionen wie den Musikhochschulen in Baden-Württemberg oder an kaputtgesparten Standorten wie Landau fast nur noch mit höchst prekären Lehraufträgen operiert werden kann. Ähnliche Situationen wären flächendeckend zu erwarten, der Wettbewerb um die wenigen guten Stellen an den Hochschulen würde sich weiter verschärfen. Nicht zufällig musste selbst die Imboden-Kommission eingestehen, dass sich mit der Exzellenzinitiative die Arbeitsbedingungen an Hochschulen eher verschlechtern würden. Weiterhin würde dies auch dazu führen, dass gute Netzwerkarbeit oder bereits existierende Netzwerke mehr Erfolg versprechen als gute wissenschaftliche Arbeit.

Dies betrifft auch die wissenschaftliche Erkenntnis an sich. Die brillante Idee, der kluge Gedanke entspringt nicht der Finanzkraft. Schon im heutigen Antragssystem zeigt sich, dass angepasste Forschungsprojekte erfolgversprechender sind als der „große Wurf“, der auch schiefgehen kann. Wenn aber nicht nur der Mut zum unkonventionellen Gedanken aus der Forschung vertrieben ist, sondern das Licht auch nur noch auf wenige Bundesforscher*innen scheint, so wird es die wissenschaftliche Erkenntnis – und mit ihr die Wissenschaftsfreiheit – deutlich schwerer haben.

Die einzige Lösung lautet: Grundfinanzierung für alle demokratisch verwalteten Hochschulen

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Die einzige Lösung lautet: Grundfinanzierung – und zwar für alle. Das würde auch einschließen, die Mittel nicht wie ehedem nur an wenige Ordinarien zu verteilen, sondern an Hochschulen in denen Dozent*innen, Mitarbeiter*innen und Student*innen gemeinsam lehren, lernen, forschen und gleichberechtigt entscheiden.

Sei es die alte Elite der Ordinarien, regional verteilt, oder sei es die neue Elite von an wenigen Orten konzentrierten Bundeswissenschaftler*innen: Es wäre an der Zeit für eine egalitäre und freie Wissenschaft. Es wäre an der Zeit, aus dem Elite-Alptraum aufzuwachen, die kontraproduktiven Wettbewerbe um Finanzmittel einzustampfen und die Exzellenzinitiative als den Weg in die Unfreiheit zu erkennen, der sie ist.

--- Anderer Meinung ist Oliver Günther, Präsident der Uni Potsdam: "Bundesunis wären als Kooperationspartner für außeruniversitäre Forschungsinstitute von großem Nutzen!"

--- Lesen Sie hier alle Debattenbeiträge zur Frage "Brauchen wir Bundesunis?"

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