Brauchen wir "Bundesunis"? Die deutsche Antwort auf Harvard, London, Zürich

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Ehemaliger Bildungssenator

Expertise:

Jürgen Zöllner ist Medizinprofessor i.R., Vorsitzender des Kuratoriums der Freien Universität Berlin und Vorstand der Stiftung Charité. Von 1991 bis 2006 war der SPD-Politiker Bildungs- und Wissenschaftsminister in Rheinland-Pfalz, von 2006 bis 2011 Senator für Bildung, Wissenschaft und Forschung in Berlin.

Der ehemalige Bildungssenator Jürgen Zöllner - einer der Architekten der Exzellenzinitiative - lobt die Bundesuni-Entscheidung. Nur mit Hilfe des Bundes und nur mit einer dauerhaften Förderung sei es möglich, jemals mit Harvard, London oder Zürich mitzuhalten.

Brauchen wir „Bundesunis“? Die aktuelle Diskussion läuft leider wie so oft an der konkreten Entscheidungssituation vorbei. Natürlich brauchen wir eine bessere Ausfinanzierung der Hochschulen wegen einer Unterfinanzierung aller Hochschulen in der Breite. Obwohl die Finanzierung der Wissenschaft in Deutschland sowohl absolut wie auch relativ noch nie so gut war wie heute, ist dabei nicht erst seit dem Bericht der Imboden-Kommission von einem jährlichen Mehrbedarf von drei bis fünf Milliarden Euro pro Jahr auszugehen. Die konkrete Fragestellung ist aber, ob und wie nach zehn Jahren Exzellenzinitiative die gemeinsame Förderung der Spitzenwissenschaft von Bund und Ländern fortgeführt werden soll.

Neben zusätzlichen Mitteln brauchen wir einen entschlossenen Umbau des gesamten Wissenschaftssystems

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Die zur Verfügung stehenden Mittel von ca. 500 Millionen Euro pro Jahr können dieses Problem nicht lösen. Geld ist nicht alles: Neben zusätzlichen staatlichen Mitteln brauchen wir zwingend einen entschlossenen Umbau des gesamten Wissenschaftssystems. Die Aufgabenteilung zwischen Universitäten und Fachhochschule und insgesamt die Rolle der außeruniversitären Forschungseinrichtungen muss mutig auf den Prüfstand. Ja, auch Exzellenz in der Lehre ist drängende Aufgabe – mit dem Ziel eines Bewusstseinswandels: Damit deutsche Professoren endlich auch einen Antrag auf Reduzierung ihrer Forschungsverpflichtung stellen, um mehr Lehre machen zu dürfen, müssen wir einen anderen Ansatz finden.

Da man das Heute nur verstehen und beurteilen kann, wenn man weiß, wie es geworden ist, ist ein kurzer Ausflug in die Entstehungsgeschichte geboten: Der Impuls zur Exzellenzinitiative in der Wissenschaft war im Jahr 2004 eine Initiative des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Ohne große Vorankündigung wurde beschlossen, einige wenige (zwei bis drei) deutsche Universitäten zehn Jahre lang mit ca. 450 Millionen Euro pro Jahr zusätzlich zu fördern, mit dem Ziel, sie international konkurrenzfähig zu machen. Kanzler Schröder wollte, ausgesprochen oder nicht, „Eliteunis“ in Deutschland etablieren – oder ernennen. Als SPD-Länder-Koordinator für Bildungs- und Wissenschaftspolitik legte ich damals noch am selben Tag der Öffentlichkeit einen Alternativvorschlag vor, der ein Konzept für einen  Wettbewerb beinhaltete. Ziel dieses Exzellenzwettbewerbs war über die Förderung von Graduiertenschulen und Exzellenzclustern die Wissenschaftsbereiche und Universitäten zu identifizieren, die dann dauerhaft zusätzlich vom Bund gefördert werden sollten. Frau Bulmahn, die Bundesministerin, und die Herren Schreier und Frankenberg als Vertreter der CDU geführten Länder unterstützten diesen Ansatz sehr schnell.

Trotzdem entspann sich noch ein schwieriger Diskussionsprozess und Bund und Ländern rangen zäh um den besten Weg. Im Ergebnis entschloss man sich in einem wissenschaftsgeleiteten Wettbewerbsverfahren in Form der bekannten drei Linien zu fördern:-  eine größere Anzahl von Graduiertenschulen mit jeweils ca. 1 Mio Euro pro Jahr,-  etwas weniger sogenannte Exzellenzcluster mit jeweils ca. 5 Mio Euro pro Jahr und-  einige wenige (ca. zehn) Gesamtuniversitäten mit ca. 10 Mio Euro pro Jahr, die ein Zukunftskonzept für die Gesamtuniversität vorlegen mussten.

Die Bund-Länder-Exzellenzinitiative ist bislang ein riesiger Erfolg für die deutsche Wissenschaft.

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Wenn auch die eine oder andere Einzelentscheidung in der Rückschau hinterfragt werden kann, so steht außer Frage: die Bund-Länder-Exzellenzinitiative ist ein riesiger Erfolg für die deutsche Wissenschaft. Sie hat eine Aufbruchsstimmung ausgelöst und einen erheblichen positiven Schub für das gesamte deutsche Wissenschaftssystem erreicht. Starke Forschung in allen geförderten Universitäten hat davon profitiert. Die Ausdifferenzierung des deutschen Hochschulsystems machte einen entscheidenden Schritt nach vorn. Hier wurde kein Zwei-Klassen-System geplant, sondern das ohnedies differenzierte Hochschulsystem sichtbarer und - wo sinnvoll - vorangetrieben. Die Zusammenarbeit zwischen Universitäten und außeruniversitären Instituten hat eine neue Qualität erreicht. Im internationalen Wettbewerb ist die Sichtbarkeit der deutschen Wissenschaft entscheidend verbessert worden. Dies bestätigt nicht nur die Imboden-Kommission, sondern auch Befragungen selbst von nicht geförderten Wissenschaftlern und Hochschulen.

Die nun gefundene Lösung zur Weiterführung der Exzellent-Initiative ist zielführend.

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Jetzt kommt es also darauf an, wie diese Initiative nach 2017 weitergeführt wird. Es geht darum, exzellente Wissenschaftsbereiche nachhaltig auf Dauer zu unterstützen und die Universitäten, die mehrere dieser Leuchttürme haben, als Ganzes weiter zu entwickeln. Dabei ist die nun gefundene Lösung, die in den Kernelementen auf den Empfehlungen der Imboden-Kommission basiert, ausgesprochen zielführend: Als zentrale Förderlinie stehen ca. 50 Exzellenzcluster, die inhaltlich neben der Forschung auch durch Aspekte der Lehre und des Technologietransfers ergänzt werden. Diese Cluster können auch nach zwei Förderperioden weitergefördert werden und zusätzliche Mittel zur gesamtuniversitären Weiterentwicklung generieren. Wissenschaftler in diesen Clustern haben, wie gefordert, mehr „Freiheit und Zeit“; sie besitzen eine langfristige Perspektive und können sich kreative Strukturen für ihre Arbeit schaffen.

Es ist richtig, exzellente Universitäten auf Dauer zu fördern. Wissenschaft braucht Planungssicherheit.

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Darüber hinaus sollen Universitäten, die mindestens zwei solcher Cluster entwickelt haben, als Exzellenzuniversitäten zusätzlich gefördert werden. Richtig so. Denn man kann nicht eine Universität als Exzellenzuniversität fördern, die in dem gleichzeitig stattfindenden Wettbewerb über keinen oder nur einen exzellenten Wissenschaftsbereich verfügt. Dies wäre im letzteren Fall höchstens ein „Exzellenzbereich“ und die Universität erhält ja schon eine zusätzliche Förderung, damit sind kleine Universitäten nicht benachteiligt. Richtig ist auch die grundsätzliche Auslegung dieser Förderung auf Dauer - solange die Voraussetzungen bestehen.

Es werden keine "Bundesunis" einfach "ernannt". Geld erhält nur, wer auch leistet.

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Wissenschaft braucht Planungssicherheit. Bei der Auswahl den Vorschlag der Imboden-Kommission aufzunehmen, Forschungsleistungen der Vergangenheit (past merit) zu berücksichtigen, fundiert die Entscheidung zusätzlich. Zusammen mit dem potentiellen Wegfall der Fördervoraussetzung öffnet sich so das System grundsätzlich. Es erfolgt also keine „Ernennung“, sondern das Geld bekommt nur, der auch leistet.Die Möglichkeit, dass in dieser Linie auch Universitätsverbünde gefördert werden können, selbstverständlich mit erhöhten Voraussetzungen und einer überzeugend belegten gemeinsamen Strategie, ist klug und eine große Chance für die deutsche Wissenschaft. Standorte wie z.B. München, Rhein/Neckar, Rhein/Main, Bonn/Köln/Aachen, Berlin und Hamburg/Bremen würden eng kooperieren und könnten in vielen, teilweise in allen Wissenschaftsbereichen Exzellenz international sichtbar machen und möglicherweise die deutsche Antwort auf Harvard, London oder Zürich sein. Vielleicht sogar das Vorbild in zwei Jahrzehnten. Hoffentlich verstehen die Universitäten, dass das Ganze mehr sein kann und muss als die Summe der Einzelteile, wenn man wirklich Spitze sein will.

Ein echter Schritt nach vorn in der Förderung der Spitzenwissenschaft wäre durch die Länder allein nicht realisierbar.

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Wer glaubt, ein solcher Qualitätsschritt in der Förderung von Spitzenwissenschaft wäre durch die Länder allein finanziell und auch politisch realisierbar, ist ein Träumer. Es geht nur zusammen, und es geht nur mit einer Dauerperspektive  - und eben nicht mehr als Projektförderung. Deshalb ist es richtig, hier insgesamt von den neuen Möglichkeiten Art. 91b GG Gebrauch zu machen und einen „Exzellenzpakt“ zwischen Bund und Ländern zu schließen. 

Bundesuniversitäten sind dies nicht. Ich hätte als überzeugter Föderalist auch bei einem zusätzlichen Bundesengagement keine Bedenken und erinnere nur daran, dass jedes Bundesland sich bemüht jedes irgendwie geeignete Landesinstitut in die Leibnizgesellschaft und jedes geeignete Leibnizinstitut in die Helmholtzgesellschaft zu bringen - also de facto zur Bundeseinrichtung zu machen. Keines ist dadurch schlechter geworden. Ein Schelm, der Schlechtes dabei denkt.

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Brauchen wir Bundesunis?

Dieser Text ist Teil unserer Debatte zum Thema Bundesunis. Lesen Sie hier eine Gegenposition von Christian Hof.

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