Warum Havard und Co. unerreichbar bleiben Bundesuniversitäten bringen nichts!

Bild von Michael Hartmann
Professor für Soziologie Technische Universität Darmstadt

Expertise:

Michael Hartmann war bis 2014 Professor für Soziologie an der TU Darmstadt, forscht vor allem zu Eliten. Er ist Autor des Buches "Soziale Ungleichheit - Kein Thema für die Eliten?".

Die Politik plant ein Zwei-Klassen-System für Universitäten. Dabei haben die bisherigen „Exzellenz“-Initiativen nicht überzeugt. Obwohl bestimmte Hochschulen mehr Geld bekommen haben, ist ihre Forschungsleistung dadurch nicht sichtbarer geworden. Und die Lehre hat unter der Exzellenzinitiative sogar gelitten.

Bei den Treffen der Wissenschaftsstaatsekretäre und -minister zur Weiterführung der Exzellenzinitiative ist eines deutlich geworden: Die anfänglich allein vom damaligen DFG-Präsidenten Ernst-Ludwig Winnacker offen propagierte Idee von nur drei oder vier Eliteuniversitäten nach dem Muster der ETH Zürich nimmt zunehmend Gestalt an. Die jetzt vorgeschlagene dauerhafte Förderung von acht bis elf Universitäten durch den Bund nach Artikel 91b des Grundgesetzes weist klar in diese Richtung. Auch wenn Bundesbildungsministerin Johanna Wanka, auf die dieser Vorschlag zurückgehen dürfte, jetzt öffentlich dementiert, auf diesem Wege Bundesuniversitäten schaffen zu wollen, so erinnert das ganze Procedere doch sehr an den Beginn der Exzellenzinitiative.

Das Gerede von der funktionalen Differenzierung war vorgeschoben.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Damals gab es auch fast gebetsmühlenartig wiederholte Beteuerungen, es ginge nicht vorrangig um eine vertikale Differenzierung der Universitätslandschaft, sondern um eine funktionale. Jede Hochschule solle entsprechend ihrer individuellen Stärken eine Chance haben, im Wettbewerb zu punkten. Diese Formel diente jedoch in erster Linie dem Zweck, eventuellen Widerstand gegen die Initiative politisch erst gar nicht aufkommen zu lassen. Das hat zweifelsohne funktioniert. Als es bei der Wahl zum Präsidenten der HRK 2012 erstmals seit langen Jahren wieder zu einem heftigen Richtungskampf um das Konzept der Differenzierung kam, war es schon zu spät. Es gewann Horst Hippler vom KIT in Karlsruhe, ein entschiedener Befürworter der vertikalen Differenzierung. Er setzte sich dann vehement für die Ende 2014 beschlossene Verfassungsreform ein, die eine Beteiligung des Bundes an der Hochschulfinanzierung erst wieder ermöglichte. Hier schließt sich der Kreis.

Die Exzellenzinitiative hebt auf "besonders forschungsstarke" Unis ab.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Der Bericht der Imboden-Kommission spricht inzwischen denn auch ohne jegliche Einschränkung davon, dass die Exzellenzinitiative „in ihrem Kern auf vertikale Differenzierung zur Formierung besonders forschungsstarker Universitäten“ ausgerichtet sei. Ähnlich dürfte es in den nächsten Jahren auch bezüglich der Bundesuniversitäten laufen. Öffentlich wird dementiert, gleichzeitig aber werden Fakten geschaffen. Es ist deshalb auch keine Überraschung, dass von den Hochschulen, die im Rahmen des aktuellen Hochschulbarometers der Nixdorf Stiftung und des Stifterverbandes für die Wissenschaft zur Initiative befragt wurden, zwar nur 27% der siegreichen Universitäten, aber 55% aller Universitäten, d.h. die große Mehrheit der nicht erfolgreichen, und 90% der Fachhochschulen für einen breiteren, nicht ausschließlich auf Forschung ausgelegten Exzellenzbegriff plädierten. Voraussetzung für eine Bewerbung um dem Status einer Exzellenzuniversität sollen nach den Vorstellungen der Wissenschaftskonferenz zwei Exzellenzcluster sein. Betrachtet man die bisherigen Ergebnisse der Exzellenzinitiative unter diesem Gesichtspunkt, so zeichnen sich die wahrscheinlichen Kandidaten ab. Auf zwei Exzellenzcluster in jeder der beiden bisherigen Runden haben es nur die RWTH Aachen, die Universitäten aus Frankfurt, Heidelberg und Kiel, die die HU und die FU Berlin sowie die beiden Münchner Universitäten (jeweils überwiegend in Kooperation) gebracht. Aachen, Heidelberg und die vier Universitäten aus Berlin und München waren zudem auch in der dritten Förderlinie erfolgreich. Sie dürften sich dementsprechend gute Chancen ausrechnen.

Mittelkonzentration ohne erhoffte Ergebnisse: gar nicht in der Lehre, kaum in der Forschung.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Schaut man angesichts dieser Perspektiven auf die Resultate der bisherigen Exzellenzinitiative, so müssen einen doch zumindest Zweifel beschleichen, ob die vertikale Differenzierung und die damit verbundene Mittelkonzentration wirklich zu den versprochenen Erfolgen geführt haben. Dass das weder bei der Förderung des Nachwuchses noch in der Lehre der Fall ist, leugnet ja selbst die Imboden-Kommission nicht, obwohl sie eher vorsichtig formuliert und nicht direkt von einer Verschlechterung spricht, die es in dieser Beziehung zweifellos gegeben hat. Aber auch hinsichtlich der Forschung, bei der man von offizieller Seite stets große Fortschritte dank der Exzellenzinitiative konstatiert, sieht es bei näherem Hinsehen weit weniger eindeutig aus. Das betrifft zunächst den wissenschaftlichen Nachwuchs. Schon im Bericht der Kommission wird angemerkt, dass durch die Reduzierung des Lehrdeputats für erfolgreiche Wissenschaftler die Studierenden „weniger Gelegenheit haben, von den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zu profitieren“. Außerdem habe sich die im internationalen Vergleich unattraktive Beschäftigungssituation für jüngere Wissenschaftler nicht verbessert, sondern die Entscheidung über eine akademische Karriere werde entgegen den Erfordernissen sogar weiter nach hinten verschoben.

Die Veröffentlichungen sind nur "marginal" verstärkt worden.

Aber auch die eigentliche Forschung betreffend klingt die Einschätzung der Kommission ausgesprochen zurückhaltend. So habe die Exzellenzinitiative weder hinsichtlich gemeinsamer Publikationen mit internationalen Partnern noch hinsichtlich der internationalen Sichtbarkeit einen spürbaren Effekt gezeitigt. Noch wichtiger aber sind zwei andere Punkte. Erstens sei die Produktion von Spitzenpublikationen an den an der Initiative beteiligten Universitäten „höchstens marginal verstärkt“ worden. Zweitens sei es unklar, ob die mit den Exzellenz-Clustern geschaffenen Forschungsschwerpunkte mit ihren unverkennbaren Publikationserfolgen tatsächlich neu geschaffen oder aber nur „durch die Bündelung bereits vorhandener Kapazitäten sichtbar gemacht“ worden seien. Klare Erfolge sehen auf jeden Fall anders aus. Das gilt umso mehr, wenn man bedenkt, dass die Folgen der Konzentration in ihrer Gesamtheit überhaupt nicht thematisiert werden. Sollte es nur zu einer Sichtbarmachung durch Bündelung gekommen sein, müsste überprüft werden, inwieweit die Zunahme an Forschungsleistung an der einen Stelle nicht durch einen Verlust an anderer Stelle kompensiert oder eventuell sogar übertroffen wird.

Noch mehr Exzellenzdenken könnte ein Verlust an Forschungsleistung bedeuten.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

In der Summe könnte es sogar zu einem Verlust an Forschungsleistung gekommen sein. Wenn man immer nur, wie die Befürworter der Initiative, von der durch sie erzeugten Aufbruchstimmung an den Hochschulen redet, beweist das rein gar nichts. Denn wie Bertolt Brecht schon sagte: „Und man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.“ Wenn die DFG in ihrem neuesten Förderranking beruhigend darauf verweist, dass die Exzellenzinitiative zu keiner Konzentration der DFG-Fördermittel geführt habe, es vielmehr sogar zu einer Angleichung gekommen sei, hat das schon etwas von Augenwischerei. Verglichen werden die aktuellen Zahlen nämlich nicht mit der Zeit vor der Exzellenzinitiative, sondern mit deren erster Phase. Damals aber hatte sich die Konzentration durch die Förderung von zunächst nur wenigen Universitäten besonders deutlich verstärkt, um dann im späteren Verlauf der Exzellenzinitiative wieder abzunehmen. Vergleicht man die aktuellen Werte jedoch mit dem Zeitraum von 2002 bis 2004, dann haben die ersten vier Universitäten ihren Anteil an den Forschungsmitteln um zwölf Prozent und die ersten zehn um immerhin noch acht Prozent gesteigert. Angesichts der völlig unzureichenden Grundfinanzierung der Hochschulen zeigt dieser Zuwachs, wie schwer es die Forschung inzwischen dort hat, wo die Exzellenzinitiative für kein zusätzliches Geld gesorgt hat.

Eine direkte Konkurrenz für Havard & Co. werden deutsche Unis nie werden.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Im Unterschied zur Exzellenzinitiative macht der vom Land Baden-Württemberg 2016 erstmals vergebene Preis für mutige Wissenschaft deutlich, worauf es bei der Förderung der Wissenschaft wirklich ankommt, auf neue, unkonventionelle Ideen abseits der eingetretenen Pfade. Dass in der Jury für den Preis auch Stefan Hell sitzt, der letzte deutsche Nobelpreisträger, ist kein Zufall. Hell hat persönlich erfahren, wie schwer es ist, in einer von Mainstream-Forschung beherrschten Wissenschaftslandschaft wirklich innovative Ideen zu verfolgen. Er musste dazu bis nach Turku in Finnland ausweichen.

Nähme man die außeruniversitäten Institute mit in die Rankings auf, stünde Deutschland besser da.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

International sichtbar wird die deutsche Wissenschaft durch Personen wie Hell, nicht nur angebliche Leuchttürme. Bundesuniversitäten oder Exzellenzuniversitäten werden in der direkten Konkurrenz zu Harvard & Co. auch in Zukunft keine Chance haben, weil die finanziellen Möglichkeiten dafür einfach zu unterschiedlich sind. Ob das für die deutsche Wissenschaft wirklich einen gravierenden Nachteil darstellt, ist zumindest fraglich. Wenn man nämlich die außeruniversitären Forschungseinrichtungen wie vor allem die Max-Plack-Institute mit in die Bewertung einbezieht, steht die hiesige Wissenschaft schon heute sehr viel besser da, als die einschlägigen Rankings vermuten lassen. Ginge es nur um die internationale Sichtbarkeit, wäre dementsprechend eine einfache Maßnahme viel wirksamer als die gesamte Exzellenzinitiative. Man müsste nur die außeruniversitären Einrichtungen in die Universitäten integrieren.

- Der Autor gehört zu den Erstunterzeichner einer Online-Petition gegen die Exzellenzinitiative. Mehr zur Petition finden Sie hier.

- Die ganze Debatte über den Sinn und Unsinn von Bundesuniversitäten lesen Sie hier.

Sie können an dieser Stelle derzeit keinen Kommentar schreiben.