Mehr für alle! Bundesunis würden die Unterfinanzierung aller Hochschulen verschleiern

Bild von Bernhard Kempen
Professor für Staatsrecht Deutscher Hochschulverband

Expertise:

Präsident des Deutschen Hochschulverbandes

Wer den zweiten Schritt vor dem ersten macht, gerät ins Straucheln, das gilt auch in der Wissenschaftspolitik - wenn sie die Exzellenz einiger weniger Hochschulen fördern will, ohne zuvor die defizitäre Lage der meisten zu beheben. Es ist höchste Zeit, gegen die chronische Unterfinanzierung, unter der die Universitäten seit Jahrzehnten leiden, vorzugehen. Denn eine auskömmliche Grundfinanzierung ist die Voraussetzung für einen fairen Wettbewerb um wissenschaftliche Exzellenz.

Die Entscheidung über die Fortführung der Exzellenzinitiative geht in die Zielgerade. Die Stimmung wird hitziger, die Gemüter werden erregter. Selbst Bundesministerin Wanka, die sich zum Fortgang des Wettbewerbs bislang zurückhaltend äußert, hat sich vehement zu Wort gemeldet. Der Bund habe zwar ein großes Interesse an international sichtbaren Spitzenuniversitäten. Aber einzelne Hochschulen wolle er nicht in eine Sonderrolle als Bundesuniversität bringen, ließ die Ministerin die Öffentlichkeit wissen. Anders als ihre Amtsvorgängerin Annette Schavan, die offen mit der Schaffung von „Bundesuniversitäten“ liebäugelte, klingt dies nach größtmöglicher Distanz zu einem Prestigeprojekt. Die Zurückhaltung der Bundesministerin hat gute Gründe: Artikel 91b des Grundgesetzes ermöglicht inzwischen zwar Vereinbarungen über eine Bundesförderung in Fällen überregionaler Bedeutung von Wissenschaft, Forschung und Lehre. Wenn es jedoch um Vereinbarungen geht, die im Schwerpunkt Hochschulen betreffen, bedürfen sie der Zustimmung aller Bundesländer – ein politisch fast unmögliches Unterfangen.

Geld des Bundes nehmen die Länder zwar gerne, eine allzu große Einschränkung ihrer Gestaltungsspielräume wollen sie jedoch nicht hinnehmen. Ambivalent bleiben deshalb auch die Reaktionen auf den Vorstoß des Bundes, den künftigen acht oder elf Universitäten, die sich erfolgreich um den Exzellenzstatus bemüht haben, einen dauerhaften Bundeszuschuss in Höhe von bis zu 15 Millionen Euro jährlich zu gewähren. Gewiss, im Vergleich zu den vollfinanzierten Schweizer Bundesuniversitäten ist das eher bescheiden. Allein die ETH Zürich hat im Jahr 2014 1,21 Milliarden Schweizer Franken aus der Bundeskasse erhalten. Die knapp 500 Millionen Euro jährlich, die Bund und Länder ab 2017 in den nächsten zehn Jahren für den Exzellenzwettbewerb aufbringen wollen, sind dagegen sicher keine Peanuts, wohl aber deutlich kleinere Brötchen. Angesichts der chronischen Unterfinanzierung, unter denen die Universitäten seit Jahrzehnten leiden, sind die avisierten bis zu 15 Millionen Euro jährlicher Bundeszuschuss für eine Exzellenzuniversität ein deutlicher Zugewinn. Wer ihn über Jahre kontinuierlich erhält, kann sich bundesweit absetzen.

Bisher hilft das Prädikat "Exzellenz" der Vermarktung und hat mit Wissenschaftsrealität nur wenig zu tun.

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Viel hängt davon ab, nach welchen Kriterien der Exzellenzstatus verliehen wird. Sollten, wie bislang zu vernehmen, mindestens zwei eingeworbene Exzellenzcluster die Voraussetzung zum Eintritt in den exquisiten Elite-Club bilden, stünden kleinere Universitäten vor unüberwindbaren Hürden, obwohl Größe und Qualität nichts miteinander zu tun haben. Unklar bleibt auch, nach welchen Regeln sich Auf- und Abstieg in die Eliteliga vollziehen sollen. Haben letztlich nur die großen Tanker eine Chance auf den Bundeszuschuss? An diesem Punkt treten die Schattenseiten des Exzellenzwettbewerbs hervor: Die bereits eingeführte Graduierung „Exzellenzuniversität“ dient der Vermarktung und Plakativität, hat jedoch mit der Realität von Wissenschaft nur wenig zu tun: Eine Universität war und ist nie in ihrer Gesamtheit exzellent, vielmehr sind es einzelne Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den Fakultäten. Umso wichtiger ist es, diese und nicht eine Gesamtinstitution zu fördern.

Die Achillesferse der deutschen Wissenschaftspolitik bleibt die Unterfinanzierung der Universitäten.

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Das vom Deutschen Hochschulverband jährlich aktualisierte Universitätsbarometer weist nach, dass sich das zahlenmäßige Verhältnis von Studierenden pro Universitätsprofessur kontinuierlich verschlechtert. Kamen 2010 noch 60 Studierende auf einen Universitätslehrer, so sind es inzwischen fächerübergreifend 66 Studierende pro Hochschullehrer. Geradezu dramatisch nimmt sich die Situation in einzelnen Fächern aus. In den Ingenieurwissenschaften lag die Relation von Professur zu Studierenden an Universitäten im Jahr 2005 bei 1 zu 58, inzwischen beträgt sie 1 zu 95.    

 Die Politik geht die Missstände an den Universitäten nicht klar an.

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Es gibt Bedarf an mehr Professuren, aber für das Berufsziel „Professur“ fehlt es an Beschäftigungsmöglichkeiten: Zu den insgesamt ca. 900 Nachwuchsgruppenleitern und rund 1600 Juniorprofessoren kommen gegenwärtig jährlich rund 1600 neue Habilitierte auf den ohnehin schon überquellenden Berufungsmarkt und reihen sich in die Zahl derjenigen ein, die auf der Suche nach einer qualifizierten Dauerbeschäftigung in der Wissenschaft sind. Für diese Missstände findet der zu Recht allenthalben gelobte Imboden-Bericht klare Worte. Kooperationen mit außeruniversitären Einrichtungen auf Augenhöhe, verlässliche Perspektiven für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und bessere Betreuungsrelationen setzen eine solide und bedarfsgerechte Grundfinanzierung voraus. Stattdessen treibt die Politik über Wettbewerbe wie die Exzellenzinitiative die Differenzierung der Hochschulen weiter voran.Aus dem Alltag wissen wir: Wer den zweiten vor dem ersten Schritt macht, gerät ins Straucheln. In der Wissenschaftspolitik ist das nicht anders. Mit der Reform des Artikel 91b des Grundgesetzes, der dem Bund zusätzliche Mitgestaltungsmöglichkeiten in der Hochschulpolitik eröffnet, steht der Schlüssel zur Lösung der defizitären Grundfinanzierung bereit. Es ist höchste Zeit, ihn nun auch zu nutzen. Eine auskömmliche Grundfinanzierung ist die Voraussetzung für einen fairen Wettbewerb um wissenschaftliche Exzellenz.

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