Für eine ausdifferenziertere Hochschullandschaft Bundesunis wären das Salz in der Suppe

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Hochschulpräsident Universität Potsdam

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Oliver Günther, Präsident der Universität Potsdam

Ob man Bundesunis braucht? Das vielleicht nicht. Aber von großem Nutzen könnten sie dennoch sein: Als gleichwertige Kooperationspartner für die vielen erstklassigen außeruniversitären Forschungsinstitute Deutschlands - und als Vorzugsadresse für jene Studierenden mit ausdrücklichem Forschungsinteresse, die heute oftmals ins Ausland abwandern. 

Brauchen wir Bundesunis? „Brauchen“ ist sicherlich übertrieben formuliert. Die deutsche Hochschullandschaft hat sich auch ohne Bundesuniversitäten in den letzten zehn bis 20 Jahren gut entwickelt. Die an deutschen Universitäten durchgeführte Forschung hat quer durch die Disziplinen an internationaler Sichtbarkeit gewonnen. Deutsche Hochschulen sind für Forscher aus aller Welt eine beliebte Adresse für Gastaufenthalte, zunehmend gewinnen wir renommierte ausländische Kolleginnen und Kollegen auch für Lebenszeitprofessuren. Die Nachfrage nach unseren Studienplätzen ist enorm – mehr als 50 Prozent einer Alterskohorte wollen studieren. Dazu kommt auch hier eine Zunahme der internationalen Nachfrage: Mehr und mehr begabte junge Leute aus dem Ausland kommen für ihr Studium nach Deutschland, viele von ihnen bleiben anschließend hier. Auch die Anzahl der Firmengründungen aus Hochschulen heraus ist in stetigem  Anstieg begriffen. So verbuchen wir allein an der Universität Potsdam Jahr für Jahr um die 50 Ausgründungen – für Brandenburg ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Die Exzellenzinitiative hat großen Anteil an den Erfolgen deutscher Universitäten.

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Dass diese Erfolge trotz der anhaltenden und dramatischen strukturellen Unterfinanzierung der deutschen Universitäten möglich waren, hat eine Reihe von Ursachen. Die immer wieder kritisierte Exzellenzinitiative hatte hieran einen wesentlichen Anteil. Sie setzte in zahlreichen Universitäten – auch in vielen, die letztlich nicht reüssierten – ungeahnte Potenziale frei, und der resultierende Wettbewerb hat den deutschen Universitäten gut getan. Es war lange überfällig, die Lebenslüge der deutschen Nachkriegs-Wissenschaftspolitik auszuräumen, wonach alle Universitäten im Wesentlichen gleich gut seien. Eine konstruktive Konkurrenz und die resultierende Diversifizierung der deutschen Hochschullandschaft haben dem Land gut getan.

Die Exzellenzinitiative führte aber auch zu einem nicht zu unterschätzenden Imagegewinn für die deutschen Universitäten. So mancher Politiker, der früher beim Wort „Sonderforschungsbereich“ eher an Sondermüll dachte als an Exzellenz, ist sich heute des volkswirtschaftlichen Werts universitärer Forschung und Lehre wesentlich stärker bewusst. Mindestens genauso wichtig für die universitären Erfolge wie die Exzellenzinitiative war schließlich die kluge Politik der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die für ein breites Spektrum wissenschaftlicher Paradigmen und Methodiken passende Förderinstrumente bereithält. Nicht umsonst beneiden uns Kolleginnen und Kollegen weltweit um „unsere“ DFG.

Also alles gut? Nun ja, besser als vor 20 Jahren sicherlich. Brauchen wir nun auch noch Bundesunis? Ich denke jedenfalls, sie wären eine Bereicherung für das deutsche Hochschulwesen und damit für das Gemeinwesen. Sie wären das Salz in der Suppe, und sie könnten neben ihrem intrinsischen Wert auch die daneben existierenden „Landesuniversitäten“ weiter voranbringen – ähnlich wie es z.B. in der Schweiz funktioniert. Wie könnte das in Deutschland aussehen?  Zwei Aspekte fallen besonders ins Auge.

Bundesunis könnten universitäre und außeruniversitäre Forschung zusammenbringen.

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Erstens könnten Bundesuniversitäten dazu beitragen, die Kooperation zwischen universitärer und  außeruniversitärer Forschung zu intensivieren, bis hin zur Integration einzelner außeruniversitärer Institute in den universitären Bereich.

In der Forschung leistet sich Deutschland seit Langem eine Besonderheit. Viel Forschung findet in außeruniversitären Einrichtungen statt, die überwiegend aus Bundesmitteln finanziert werden und nur lose mit den Universitäten verbunden sind. Die vielen Helmholtz-, Fraunhofer-, Leibniz- und Max-Planck-Institute leisten exzellente Arbeit in der Forschung, was auch dadurch befördert wird, dass viele der dort tätigen Forscher nur wenig bis keine akademische Lehre erbringen. Auch die über den „Pakt für Forschung und Innovation“ erzielten Haushaltsaufwüchse – die nur den Außeruniversitären zugutekommen, nicht aber den Universitäten – waren sicherlich hilfreich.

Forschungsstarke Bundesunis wären international sichtbare Leuchttürme

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Universitäre Forschung ist nicht besser, aber anders. Sie ist anders durch ihre Zweckfreiheit, ihre Verknüpfung mit der Lehre im Humboldtschen Geiste sowie durch ihre stärkere Grundlagenorientierung. Sie ist Teil unserer Kultur und ein wichtiges Fundament für die stärker programmorientierte außeruniversitäre Forschung. Insofern muss jedem Abbau universitärer Forschung vorgebeugt werden. Eine Trennung in universitäre Lehranstalten einerseits und außeruniversitäre Forschungsinstitute andererseits – wie es z.B. in der DDR mit den forschungsschwachen Hochschulen und der Konzentration der Forschung in der Akademie der Wissenschaften praktiziert wurde – wäre der falsche Weg. Anzustreben ist vielmehr eine noch stärkere Kooperation mit den außeruniversitären Einrichtungen, bis hin zur Zusammenführung von Universitäten und außeruniversitären Einrichtungen – Karlsruhe hat gezeigt, dass es geht. Hier könnten die Bundesuniversitäten eine wichtige Rolle spielen. Sie könnten in ihrem Design – z.B. im Hinblick auf Ausstattung oder auch auf Lehrdeputate -  von vornherein auf solche Eingliederungen und Fusionen hin ausgerichtet werden und wären so ein interessanter Partner für die Außeruniversitären. Die resultierenden sehr forschungsstarken „Bundesuniversitäten“ wären als international sichtbare Leuchttürme wissenschaftliche Aushängeschilder mit beträchtlichen positiven Langzeitwirkungen.

Zweitens könnten Bundesuniversitäten helfen, mit den 50 Prozent eines Jahrgangs, die an die Hochschulen strömen, zielgruppenorientierter umzugehen. Als ich 1980 an der Universität Karlsruhe mein Studium aufnahm, fanden sich da ungefähr 20 Prozent meines Altersjahrgangs ein, in der DDR waren es zu der Zeit sogar nur 14 Prozent. Die enorme Ausweitung des Hochschulzugangs in den letzten 36 Jahren ist kein „Akademisierungswahn“,  sondern zunächst einmal positiv zu sehen. Die sozialen Schranken, die in der Vergangenheit so manchen Begabten vom Studium abhielten, sind weitgehend abgebaut. Alle, die ein universitäres Studium beginnen, spüren etwas vom Geist der intellektuellen Freiheit, der aller Unkenrufe zum Trotz in unseren Universitäten nach wie vor weht. So eine Erfahrung prägt fürs Leben, und es ist gut für eine moderne Gesellschaft wie unsere, wenn nicht nur 20 Prozent eines Jahrgangs eine solche Erfahrung machen.

Akademische Freiheit ist aber nicht für jeden. Die Menschen sind seit unserer Schulzeit nicht wesentlich intelligenter geworden, auch wenn die Abiturnoten deutlich besser geworden sind. 50 Prozent Studienanfängerquote bedeutet auch, dass viele im ersten Semester sitzen, die keine ausreichende Vorbildung mitbringen, denen es an Abstraktionsfähigkeit und an intellektueller Neugier fehlt. All dies oft nicht aus eigenem Verschulden wohlgemerkt. Gleichwohl stellt dies die Hochschulen vor neue Herausforderungen.

Eine wichtige Antwort auf diese neue Heterogenität ist die laufende Ausdifferenzierung der Hochschullandschaft. 50 Prozent eines Altersjahrgangs können nicht gemeinsam die Hörsaalbank drücken, wenn man die Standards nicht signifikant absenken will. Unterschiedliche Hochschulen (und Hochschultypen) müssen hier unterschiedliche Zielgruppen bedienen, u.U. muss sogar innerhalb einer Hochschule oder auch eines Studiengangs differenziert werden nach unterschiedlichen Vorbildungen der Studierenden.

Bundesunis sollten sich auf die Studierenden konzentrieren, die später forschen wollen.

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Auch bei dieser Ausdifferenzierung können die  Bundesuniversitäten eine wichtige Rolle spielen. Sie könnten sich gezielt auf die vielleicht  zehn bis 20 Porzent eines Altersjahrgangs konzentrieren, die bewusst forschungsorientiert studieren und im Anschluss an ihr Studium zumindest für eine Weile wissenschaftlich tätig sein wollen. Diese Studierenden sind derzeit oft unterfordert, viele scheiden zumindest zeitweise aus dem deutschen System aus, um an einer ausländischen Spitzenuniversität ihr Studium fortzusetzen. Dieser Exodus ließe sich mit einigen wenigen forschungsorientierten Bundesuniversitäten eindämmen.

Voraussetzung für diese positiven Effekte ist freilich, dass der Aufbau von Bundesuniversitäten nicht zu Lasten der Landesuniversitäten geht, sondern dass diese umgekehrt durch eine entsprechende Umwidmung von Haushaltsmitteln finanziell gestärkt werden. Der lange angemahnte Aufwuchs der Grundfinanzierung – die im internationalen Vergleich nach wie vor absurd niedrig ausfällt – ist hier der entscheidende Punkt.

--- Lesen Sie hier alle Debattenbeiträge zur Frage "Brauchen wir Bundesunis?"

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