Bundesuniversitäten: Wenn "Exzellenz" zum Fallbeil wird Akademische Planwirtschaft

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Wissenschaftssenator von Berlin a. D.

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Ehemaliger Wissenschaftssenator in Berlin und Kolumnist des Tagesspiegels

„Spitzenunis“ kann man nicht einfach zu solchen ernennen. Sie entstehen auch nicht, indem man mehr Geld hineinpumpt. „Leuchttürme der Wissenschaft" entwickeln sich langsam, eine Voraussetzung wäre, den Präsidenten mehr Zuständigkeiten einzuräumen. Fixiert man sich nur auf eine bestimmte Zahl von Universitäten, tritt eine Zementierung ein, die dem deutschen Hochschulwesen fremd ist.

Bei der Fortführung der Exzellenzinitiative sollen erneut Universitäten ausgewählt werden, die eine besondere Förderung erfahren. Geleitet wird dies von dem Gedanken, man könne nur mit einer kleineren Anzahl von Hohen Schulen in der internationalen Konkurrenz bestehen. 385 Millionen Euro sollen für zweimal sieben Jahre in Exzellenzcluster, 148 Millionen in acht bis elf dauerhaft vom Bund  geförderte Exzellenzuniversitäten fließen.

In der weltweiten Einschätzung werden nur bestimmte Universitäten im Kontext von Elite beziehungsweise Spitze genannt – ein Ergebnis einer über Jahrhunderte währenden Entwicklung, das nicht auf Grund einer politischen Entscheidung zustande gekommen ist, sondern als Urteil der scientific community.  

Spitzenuniversitäten entstehen nicht durch politische Entscheidungen.

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Wenn durch die Exzellenzinitiative und deren Fortschreibung versucht wird, für das deutsche Wissenschaftssystem Boden gut zu machen, indem einige Universitäten besonders gefördert werden, ist das ebenso hilf- wie wirkungslos. Die Notwendigkeit der Exzellenzinitiative wurde unter anderem damit begründet, dass die „Leuchttürme“ der Wissenschaft in Deutschland deutlicher erkennbar sein müssten, um in der weltweiten Konkurrenz bessere Aussichten zu haben, in Rankings vorne platziert zu werden. Zugleich wird betont, dass zum Beispiel die renommierten US-amerikanischen Universitäten finanziell so ausgestattet seien, dass deutsche Unis den Vorsprung nie aufholen könnten, selbst wenn es nur eine Handvoll wäre und sie im Vergleich zu den anderen eine außergewöhnliche Förderung erführen.

Geld allein hilft nicht, um „exzellent“ zu werden.

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Es ist nicht damit getan, Geld in bestimmte Institutionen zu pumpen und zu glauben, auf diese Weise Konkurrenten einholen zu können. Zu berücksichtigen ist auch das Gesamtgefüge, in dem sich Universitäten bewegen. Wenn man also ernsthaft den Abstand verringern will, genügt es nicht, ein paar Milliarden locker zu machen. Will man vergleichbare Bedingungen schaffen, müssen die deutschen Universitäten von dem Regelwerk befreit werden, in das sie eingezwängt sind. Das heißt, die Gruppenuniversität wäre aufzulösen, die Universitäten müssten ihre Studierenden allein nacn Leistungsaspekten auswählen dürfen und den Präsidenten wäre eine Entscheidungskompetenz zu gewähren, wie die viel bewunderten Eliteuniversitäten des Auslands es vorsehen. Dies auf Länderebene generell durchzusetzen, ist eine Illusion. Aber der Bund könnte ja den Mut aufbringen und es versuchen – in Absprache mit einem Land, das eine Universität „freistellt“. Das wäre dann eine verkappte Bundesuniversität.

Der Rahmen muss stimmen, Uni-Präsidenten brauchen mehr viel größere Spielräume.

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Solange nur ein Aspekt, im konkreten Fall der finanzielle, in den Blick genommen wird, sind alle Bemühungen zum Scheitern verurteilt. Das ist das Dilemma der deutschen Hochschulpolitik seit Ende der 1960er Jahre: Es wird ein Problem gesehen. Das wird auch gelöst. Dabei übersieht man Folgen und Nebenwirkungen oder verkennt sogar von vornherein, dass die zu lösende Frage nicht isoliert behandelt werden darf. Insofern befinden sich die Protagonisten der Fortschreibung der Exzellenzinitiative in der Gesellschaft vieler Vorgänger: nichts dazu gelernt.

Angesichts bisheriger Erfahrungen ist die Hoffnung gering, dass begriffen wird, Eliteuniversitäten setzten anderes voraus als „mehr Geld“. Deshalb wird vermutlich weiter gewurschtelt.

Ganze Universitäten sind nie „spitze“, sondern immer nur Fächer.

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Durch die Fixierung auf eine bestimmte Zahl von Universitäten wird eine Zementierung eintreten, die dem deutschen Hochschulwesen fremd ist, ihm sogar widerspricht. Deutschland weist ein vielfältiges Bild von Universitäten auf, das wohl an keinem Ort Einrichtungen hat entstehen lassen, die mit Harvard, Princeton oder Stanford mithalten können. An vielen Plätzen aber gibt es einzelne Disziplinen, die weltweit Geltung haben, in den entsprechenden Fächern zur „Spitze“ gehören und Anziehungspunkt für ausländische Wissenschaftler sind. Der krampfhafte Versuch, nur bestimmte „Leuchttürme“ besonders hell strahlen zu lassen, führt zu einem Doppelfehler. An solchen Plätzen gelingt es auch Mittelmäßigem, im Windschatten der Exzellenz mit zu reisen. An anderen Orten, wo das Ortsschild „Elite“ nicht den Eingang markiert, kann sich Hervorragendes nicht so entfalten, weil das Geld woanders landet.

In Deutschland sind nicht nur fünf Unis international wettbewerbsfähig. Das gehört herausgestellt.

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Warum sind die für die Wissenschaftspolitik Verantwortlichen und die Repräsentanten der deutschen Wissenschafts-Selbstverwaltung nicht selbstbewusst genug, die Eigenarten und Besonderheiten der hiesigen Entwicklung zu betonen und sie als Alleinstellungsmerkmal herauszustellen? Hierzulande sind eben nicht nur vier bis fünf oder acht bis elf Universitäten Spitze. Es sind vielmehr rund 25, die mehrere Fächer aufweisen, in denen sie international mithalten können. Darüber hinaus gibt es Einrichtungen, die, und sei es nur in einer Disziplin, im Chor von Exzellenz international ebenfalls eine Stimme haben. Nicht eine Universität als Ganze ist Spitze. Das müsste man aus den langen Debatten über das Ranking gelernt haben. Auf höchstem Niveau, und damit Elite, ist immer nur ein Fach, genau genommen: der oder die Vertreter/in desselben.

Die einen sind "Spitze" - und die anderen? Das Exzellenzurteil hat Fallbeilkraft.

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Ein Urteil über Exzellenz sollte nicht Vorstellungen honorieren, die für die Zukunft etwas versprechen, sondern erbrachte Leistungen prämieren; sonst haben erneut die „zeitgeistschlüpfigsten“ Bewerbungen gute Chancen. Das ist vor allem wegen der fallbeilartigen Wirkung bedeutsam, die ein solches Votum entfaltet. Da gehören die einen zur „Spitze“, die anderen firmieren unter „ferner liefen“ beziehungsweise bilden den „Rest“. Zudem trägt die Begrenzung auf „acht bis elf“ deutliche Zeichen eines  planwirtschaftlichen Musters: Eine Vorgabe wird aufgestellt und die ist zu erfüllen. Auch ein solches System sollte überwunden sein.

--- Lesen Sie hier alle Debattenbeiträge zur Frage "Brauchen wir Bundesunis?"

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