Ethik und autonomes Fahren  Ethische Dilemmata unterlaufen oft Akzeptanz von autonomen Fahrzeugen

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Vorsitzender Deutscher Ethikrat

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Peter Dabrock ist der Vorsitzende des Deutschen Ethikrates und lehrt an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Systematische Theologie.

Autonomes Fahren hat viele Vorteile. Es werden aber immer wieder ethische Dilemmata inszeniert, die die Akzeptanz der neuen Fahrtechnik unterlaufen. Das ist nicht zielführend. Stattdessen muss autonomes Fahren in größeren Kontexten wie der Sharing-Kultur gedacht werden.

Für den immer mehr Fahrt aufnehmenden Trend zum autonomen Fahren sprechen gute Gründe: Nach nahezu allen Prognosen dürfte die Zahl der Todesopfer und Verletzten durch den Einsatz autonomer Fahrzeuge deutlich sinken. Das trifft in jedem Fall zu, wenn autonome Fahrzeuge das Verkehrsgeschehen quantitativ und qualitativ prägen, und wohl auch schon in der ohne Zweifel kritischeren Phase des sogenannten Mischverkehrs, wenn also Menschen und autonome Fahrzeuge mehr oder weniger munter aufeinandertreffen. Zudem sollen autonome Fahrzeuge den zu erwartenden massiven Verkehrsfluss im Zusammenspiel mit mehr Elektromobilität und Car-Sharing entzerren.

Autonomes Fahren senkt die Anzahl der Todesopfer im Straßenverkehr.

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Ob dies alles den deutschen Seelenteil, der ruft: „Freie Fahrt für freie Bürger!“ tangiert, wird sich zeigen. Empirische Studien zu Einstellungsmustern zum autonomen Fahren – meist von Interessenvertretern in Auftrag gegeben und daher nicht ohne „Geschmäckle“ – ergeben kein einheitliches, aber auch kein völlig disparates Bild. Sind die Befragten eher reserviert, liegt das vor allem an der Skepsis gegenüber dem Stand der Technologie und auch an dem Wunsch, Autofahren als Ausdruck von Freiheit und Selbstbestimmung zu begreifen. Sind sie eher optimistisch, begründen sie das oft mit den Vorteilen, die oben genannt sind, und die sich auf den ersten Blick erschließen. Fast durchweg halten sich die Akzentuierungen in einem Rahmen, den man charakterisieren kann als prosaische, keineswegs euphorische Offenheit für das erkennbar einschneidend Neue dieser Technologie.

Beide Einstellungsmuster haben unter den als beispielhaft aufgenommenen, ja geradezu auf diese Weise inszenierten, ersten tödlichen Unfall eines Tesla-Fahrzeugs mit Assistenzsystemen im Mai 2016 gelitten. Das lag vor allem wohl daran, dass mit dem marktstrategisch eingesetzten Namen des Assistenzsystems „Autopilot“ der Eindruck erweckt wurde, dass hier ein selbstfahrendes Auto unterwegs gewesen sei. Jedoch verbarg sich hinter dem „Autopilot“ von Tesla nichts anderes als das Assistenzsystem eines teilautomatisierten Fahrzeugs - weshalb ein Haftungsausschlussgrund für Tesla vorlag, als der Fahrer wider diese Bedingungen die Hände vom Lenkrad nahm. Prozess gewonnen, Mensch tot, unnötig Vertrauen in eine interessante Zukunftstechnologie zerstört, zumindest erheblich angegriffen.

In solchen Zeiten kultureller und regulatorischer Uneindeutigkeit wird gerne und nicht zu Unrecht die Ethik als Orientierungshilfe angerufen. In der pluralen Gesellschaft sollte man von ihr jedoch weder Akzeptanzbeschaffung noch Verstärkung radikaler Proteste erwarten. Vielmehr hat sie mögliche Entscheidungs- und Regulierungsvorschläge auf ihre Verantwortbarkeit zu überprüfen. Die ethische Bewertung autonomen Fahrens sollte sich aber nicht erschöpfen in der manischen Beschäftigung mit Gedankenexperimenten wie dem sogenannten Trolley-Problem, also der Frage, was man tun soll und wen man opfern würde, um auf Gleisen eingeklemmte Personengruppen vor heranrasenden Güterzug zu retten. Auf Basis solcher Überlegungen will man für die künftige Programmierung der Fahralgorithmen Situationen ethisch bewerten, in denen die Oma gegen ein Kind, ein Erwachsener gegen mehrere Tiere, Businsassen gegen Fahrer eines Kleinwagens, Insassen eines sicheren Fahrzeuges gegen die eines unsicheren, Motoradfahrer mit oder ohne Helm, man selbst gegen andere Verkehrsteilnehmer aufgerechnet werden.

Die Inszenierung von Dilemmata zum autonomen Fahren unterläuft unangemessen die Aktzeptanz der neuen Fahrtechnik.

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Doch von diesen inszenierten Dilemmata sollte man sich nicht gefangen nehmen lassen. Können sie doch die Akzeptanz der neuen Fahr- und Kulturtechniken von vornherein unangemessen unterlaufen, noch bevor man ausprobiert und gelernt hätte, wie mit ihnen umzugehen ist. Denn in diesen Fällen gibt es oft erkennbar keine richtigen moralischen Lösungen. Deshalb sollte man behutsamer wie pragmatischer an die ethische Bewertung autonomer Fahrzeuge herangehen.  

Vorerst reichen für die kulturelle Gewöhnung an vollautomatisierte Fahrzeuge und ihre rechtliche Regelung wie ethische Einschätzung einige Faustregeln aus: Schutz von Menschen vor dem von Tieren und Sachen; wenn Personenschäden unvermeidbar sind, dann (immer eher leichte als schwere) Verletzungen (von möglichst wenigen) vor erwartbaren Todesfällen (von möglichst wenigen); keine Diskriminierung nach den im Gleichheitsgrundsatz festgehaltenen  Maßgaben; bleibende ad-hoc-Möglichkeit des Fahrers, das Fahrzeug in kritischen Situationen zu übernehmen; nachhaltbare Dokumentation bei Kollisionen; reine Herstellerverantwortung erst bei autonomen Fahrzeugen, die keinen Fahrer mehr benötigen; umso näher die Entwicklung sich diesem Stadium nähert, Reduktion der derzeit gültigen primären Fahrer- und Halterverantwortung. Mit diesen Grundsätzen kommen wir schon einige Jahre weiter, können den transformierenden Prozess in beobachtender Teilnahme miterleben sowie bewerten und müssen uns nicht von dramatisierenden Gedankenexperimenten gefangen nehmen lassen.

Die Vertrauenswürdigkeit einer möglichen Entwicklung zum autonomen Fahren hängt noch an weiteren Faktoren: zunächst und vor allem am Umgang mit der immensen Datenflut. So ist zu klären: Wann dürfen bzw. müssen Daten angesichts straf- oder haftungsrechtlicher Forderungen herausgegeben werden? Wird sich die jetzt gültige, relativ enge Zweckbindung der Datenerhebung durchhalten lassen oder bildet sich – mit sicherlich erheblichen Risiken und Nebenwirkungen – beim selbstfahrenden Auto ein ähnlich ambivalenter Datenmarkt wie im übrigen Internet? Welche Konsequenzen würde dies nicht nur für den Datenschutz, sondern auch Sicherheits-, Versicherungs-, Rechts-, Selbstbestimmungs- und Beziehungsfragen haben? Schließlich wird die Akzeptanz der neuen Mobilität selbstfahrender Autos auch tangiert werden von den großen Entwicklungen, mit denen nach Vorstellung wichtiger Treiber das autonome Fahren gekoppelt wird: der Elektromobilität und der Sharing-Kultur und -Ökonomie.

Die Herausforderungen des autonomen Fahrens müssen in größeren Kontexten betrachtet werden.

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Beide Trends wirken hip, führen aber vermutlich gravierende Probleme bei der Durchsetzung des autonomen Fahrens mit sich: Eine Verkehrspolitik, die auf einer Veränderung vom Individualverkehr zur Sharing-Kultur basiert, wird tiefe Einschnitte in bestehende Infrastrukturen erfordern. Diese im Zeitalter zunehmender Gruppenegoismen durchzusetzen, dürfte sportlich werden. Die Elektromobilität partizipiert an allen Herausforderungen, die sich mit dem Stichwort „Energiewende“ verbinden. Kurzum: Viele der ethisch relevanten Herausforderungen des autonomen Fahrens werden kaum gelöst werden können, wenn sie nicht in größeren Kontexten betrachtet werden. Ohne ihre Gestaltung werden menschen- und gesellschaftsdienliche Potentiale dieser vielversprechenden Innovationstechnologie verspielt.

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Bernd Sobisch
    Ethisches Dilemma? Absurd! Die Fahrzeuge der Zukunft werden ohne menschliche Bedienung auskommen. Das ist progressive Entwicklung. Für viele eine Alternative, denn fahrerische Qualitäten verschlechtern sich bei einem signifikanten Teil der Fahrzeugführer rapide. Auch wenn eine Übergabe der Kontrolle an irgend eine Software mit Servosystemen für mich nicht akzeptabel ist, so sind für die breite Masse der offenbar überforderten Verkehrsneurotiker durchaus Vorteile zu erkennen.