Männer in der öffentlichen Wahrnehmung Weder Missgeburten noch Helden 

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Soziologe

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Walter Hollstein ist Autor und Soziologe in Basel. Von 1971-2006 war er Professor für politische Soziologie in Berlin. Er ist Autor des Buches „Was vom Manne übrig blieb“ und Gutachter des Europarates für Männerfragen.

Der Trend zum "male bashing" wird unserer Gesellschaft nachhaltig schaden. Die Hetze gegen Männer entbehrt meist jeglicher Rationalität und fördert ein falsches Verständnis von Männlichkeit. 

„Male bashing“ hat gerade mal wieder Hochkonjunktur. Auslöser ist Donald Trump; er gilt derzeit als Symbol der „angry white men“ und der Männlichkeit überhaupt -  als würden sich alle Männer so verhalten und denken. In einer bewegenden Rede hat Michelle Obama vor einigen Tagen solches zurecht gerückt und die Männer in Schutz genommen. Wohl eher gegen den Zeitgeist.

Kurz vor meiner Pensionierung in Berlin hat mir eine Studentin ein zehnstrophiges Gedicht über das männliche Geschlecht auf das Vorlesungspult gelegt. Darin heisst es: „So unnütz wie Unkraut, wie die Fliegen und Mücken, so lästig wie Kopfweh und Ziehen im Rücken, so störend wie Bauchweh und stets ein Tyrann, das ist dieser Halbmensch, sein Name ist Mann. Er steht nur im Weg rum, zu nichts zu gebrauchen, ist immer am Meckern und ständig am Fauchen. Er ist auf der Erde, ich sag's ohne Hohn, vom Herrgott die größte Fehlkonstruktion.“

Männlichkeit wird von der heutigen Gesellschaft als störend verklärt. 

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Mit einem solchen Männerbild wachsen heute junge Männer auf; sie fühlen sich dann nur zurecht als Opfer eines gewandelten Zeitgeistes. Schon in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts merkte der Stuttgarter Psychiater Joachim Bodamer an, dass wir nicht mehr wissen, was ein Mann ist, weil wir kein Ideal mehr haben, an dem wir ihn messen können. Wenn man präzis verfolgt, wie männliche Eigenschaften in den vergangenen vier Jahrzehnten dargestellt worden sind, wird ein drastischer Perspektivenwechsel deutlich. Wurden früher zum Beispiel Mut, Leistungswille oder Autonomie von Männern hoch gelobt, so werden heute diese einstigen Qualitäten stigmatisiert. Mut wird als Aggressivität denunziert, Leistungswille als Karrierismus und krankhafter Ehrgeiz, und aus der männlichen Autonomie,  ist die Unfähigkeit zur menschlichen Nähe geworden.

Männlichkeit ist inzwischen in die Nähe des Pathologischen gerückt oder wird sogar schon freimütig als pathologisch bezeichnet. Pädagogische Richtlinien, Erziehungsliteratur und der Alltag in Schulen tendieren immer mehr dazu, den Knaben jene Eigenschaften abzutrainieren, die offenbar als besonders männlich und ergo besonders störend empfunden werden: Bewegungsdrang, Motorik, Lautsein, Kräftemessen, Wettkampfverhalten oder Selbstdarstellung. Dazu hat die amerikanische Philosophin Christina Hoff Sommers einigermaßen sarkastisch angemerkt: „Wenn Tom Sawyer und Huckleberry Finn heute leben würden, würde man bei ihnen ein Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom diagnostizieren und sie mit Ritalin ruhig stellen“.

Die Hetze gegen Männer entbehrt oft jeder sachlichen Argumentation. 

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Manche sind von der Hetze gegen Männer geradezu besessen. Am schlimmsten die männlichen Feministen. Ein Beispiel ist Michael Kimmel, der auch das Bild des bösen, weißen Mannes befördert hat. In seinem Buch „Angry white Man“ vergleicht er Männer generell ganz ungeniert mit Nazis. Von ihm stammt auch: „WARNUNG. DIESES INSTRUMENT ZU BEDIENEN KANN IHRE GESUNDHEIT UND DIE ANDERER MENSCHEN GEFÄHRDEN". Gemeint ist – klar: der Penis. Nun stellt sich die Frage: Warum lassen sich die Männer das bieten? Aber nicht nur das: das „Bundesforum für Männer“ lädt Herrn Kimmel auch noch zu einem Vortrag ein.

Der Mann galt  über lange Jahrhunderte als Schöpfer von Zivilisation und Kultur; er war verantwortlich für Schutz und Fortbestand des Gemeinwesens. In Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ heißt es im Text nach John Miltons „Verlorenem Paradies“: „Mit Würd´ und Hoheit angetan, mit Schönheit, Stärk´ und Mut begabt, gen Himmel ausgerichtet, steht der Mensch, ein Mann“.  Manchmal sind solche Bilder mit der androzentrischen Gefahr verbunden, das eigene Geschlecht zu idealisieren und dementsprechend das andere abzuwerten; zumeist sind sie aber durchaus altruistisch. „Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt“, heißt es in Schillers „Wilhelm Tell“. Beethoven spricht vom „Männerstolz vor Königsthronen“  und meint das mutige männliche Einstehen für Freiheit und Selbstbestimmung. Apostel 13, Vers 22 fordert den „Mann nach dem Herzen Gottes“ und das impliziert Güte, Verantwortung und die Fürsorge für den nächsten. Große Epen von Homers Odysseus über Wolfram von Eschenbachs „Parzifal“ bis zu Goethes „Wilhelm Meister“ beschreiben  solche Männlichkeit.

Unsere Kultur ist maßgeblich von positiver Männlichkeit geprägt worden.

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„Unsere Kultur  - hat der große Berliner Soziologe Georg Simmel zu einer Zeit angemerkt, da es noch keine Geschlechterforschung gab – „ ist, mit Ausnahme ganz weniger Provinzen, durchaus männlich. Männer haben die Industrie, die Kunst, die Wissenschaft und den Handel, die Staatsverwaltung und die Religion geschaffen und so tragen diese nicht nur objektiv männlichen Charakter, sondern verlangen auch zu ihrer immer wiederholten Ausführung spezifisch männliche Kräfte“. Gemeint sind: Mut,  Fürsorge, Willenskraft, Verantwortung, Güte, Risikobereitschaft, Nachsicht, Verzicht, Altruismus, Ritterlichkeit, Ehrlichkeit und Bescheidenheit in Form der Zurückstellung eigener, selbstbezogener Bedürfnisse.

In der Realität ist kein Geschlecht entweder gut oder böse. 

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Das muss wohl angesichts einer Geschichteschreibung, die nur noch aus Hitler, Stalin, Trump & Co  zu bestehen scheint, auch personalisiert werden: Sokrates, Spartakus, Franz von Assisi, Dante, Schiller, Stauffenberg, Freud, Einstein, Gandhi, Mandela....

Es könnte eigentlich ziemlich simpel sein: Wie wäre es, wenn Männer weder als Heroen noch als Missgeburten dargestellt würden. Wenn man sie einfach so währ nähme, wie sie realiter sind – mit ihren Stärken, Schwächen und Sünden. Und dazu das nötige Lob und die erforderliche Kritik.

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