Nehmt den Männern die Macht Endstation Patriarchat?

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Prof. em. Technische Universität Berlin

Expertise:

Claudio Hofmann ist emeritierter Professor für Erziehungs- und Sozialwissenschaften an der Technischen Universität Berlin und Autor mehrerer Bücher.

Die Welt erlebt einen kollektiven Amoklauf gewalttätiger Männer. Sie sollte sich wehren. Aber dafür muss sie erst mal die Strukturen erkennen

Als in einem bayerischen Café ein junger arabisch aussehender Mann wild gestikulierend und bedrohlich laut auf die Frau einredet, die bis auf die Augen verschleiert mit ihm am Tisch sitzt und sich kaum rührt, sagt am Nachbartisch ein Trachtenträger etwas von Religionsfreiheit und Toleranz.

Als im Radio über Syrien berichtet wird, heißt es: „Die Waffen sprechen wieder.“

Was haben beide Szenen gemeinsam? Die verantwortlichen Akteure werden ausgeblendet und verschwinden im Nebel politischer Korrektheit oder medialen Jargons. Denn in Wirklichkeit „sprechen“ nicht die Waffen (welche Sprache wohl?), sondern Männer des Assad-Regimes, der Terror-Milizen und anderer Mächte schießen auf andere Männer, Frauen und Kinder, im Namen und Auftrag männlicher Herrschaftssysteme. Und die Frau (oder Mädchen) trägt die Burka aufgrund männlich bestimmter Regeln, Gesetze und religiöser Vorschriften im Namen eines männlichen Gottes.

Patriarchale Hintergründe werden nicht benannt, das verschleiert ihre Wirkung.

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Die patriarchalen Hintergründe werden nicht benannt und erschweren so Analysen und Veränderungen und machen uns blind und wehrlos gegen patriarchale Systeme, die seit Jahrtausenden zur unhinterfragten und unumstößlichen Selbstverständlichkeit geworden sind, obwohl nicht einmal zwei Prozent der Menschheitsgeschichte von patriarchalen Strukturen geprägt ist, und obwohl es heute noch Gesellschaften gibt mit egalitären oder matriarchalischen Strukturen. Heute aber bestimmen bei uns patriarchale Strukturen den Alltag der Menschen und unsere Geschichte weltweit und die meisten Menschen nehmen die durch Konkurrenz, Kriege, Ausbeutung und Unterdrückung insbesondere der Frauen verursachten Leiden gottergeben hin.

Dass wir uns dabei gemütlich in patriarchalischen Herrschaftssystemen eingerichtet haben, hat vor allem zwei Gründe: Die Dauer von vielen Jahrtausenden, in denen patriarchale Herrschaftssysteme weltweit seit den Anfängen von Ackerbau, Tierhaltung und der Entstehung größerer Siedlungen mit festen Hierarchien existieren und so den Anschein von geschichtlicher Notwendigkeit erwecken. Und die technischen, zivilisatorischen und kulturellen Höchstleistungen, die mit der Entwicklung des Patriarchats einhergehen und die zur Rechtfertigung aller Gewalt und Unterdrückung bewusst und unbewusst herangezogen werden: Seht doch her, wie schön dieser Tempel ist, wie wunderbar das Horn erklingt!

Es gibt globale Machtverschiebungen zugunsten autoritärer Strukturen

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Heute allerdings sind wir in einer historisch völlig neuen Situation: Die zerstörerische Gewalt der patriarchalen Herrschaftssysteme beschränkt sich nicht mehr auf lokale Konflikte, sondern hat sich zur Bedrohung der gesamten Welt in einem globalen apokalyptischen Szenario gesteigert, bei der ein Zusammenbruch der Zivilisation, die Vernichtung menschlicher Kultur und die Existenz der Menschheit insgesamt und der Erde auf dem Spiel stehen.

Als Vorboten erleben wir täglich die Zunahme weltweiter blutiger Konflikte mit Terrorismus, Zerstörung und Ausrottung ganzer Völker, die von den Politikern und UN-Kommissionen gebetsmühlenartig „aufs schärfste verurteilt“ und durch das Krisengipfel-Karussell kaum aufgehalten werden, während die Konflikte durch die Männer der Militärs in Russland, Syrien, USA, Saudi Arabien, Iran, Jemen, aber auch in Palästina und vielen Ländern Afrikas angeheizt werden. Die Hoffnung vieler auf Lösungen aus Europa kann kaum erfüllt werden, weil Europa mit seiner Selbstauflösung beschäftigt ist. Zusätzlich sorgen massive globale Machtverschiebungen zugunsten autoritärer Strukturen (Stalin- und Mussolini-Büsten werden wieder öffentlich aufgestellt) mit dem Anwachsen nationalistischer und rassistischer Bewegungen für eine Verschärfung der Krise, während zugleich Umweltzerstörung, Klimawandel, Erschöpfung lebenswichtiger Ressourcen zunehmen.

Patriarchale Strukturen basieren auf Konkurrenz und Herrschaft - und führen darum zu Kriegen

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Die Ursachen für die gegenwärtige Beschleunigung weltweiter Bedrohungen liegen in der Globalisierung patriarchaler Strukturen, die auf Konkurrenz, Herrschaft, Ausbeutung und Unterdrückung begründet sind und überall zu immer schnellerer Ausbreitung von Gewalt, Kriegen mit immer perfekteren Tötungsmaschinerie mit Zerstörung, Flucht und Verelendungen führen bei gleichzeitiger Radikalisierung insbesondere von vielen Jugendlichen, die sich als Globalisierungsverlierer ohne Perspektiven immer mehr zu eindeutigen Zielen (wie der Errichtung des Gottesstaates) zuwenden jenseits der für sie unattraktiv gewordenen westlichen Demokratie.

Die Welt erlebt einen Amoklauf gewalttätiger Männer

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Dabei wird für uns die Frage immer dringender, wie wir dieser Beschleunigung einer Vernichtungs- und Zerstörungswut  entgegenwirken können, die sich wie ein kollektiver Amoklauf gewalttätiger Männer über die ganze Welt ausbreitet. Natürlich kann es dabei nicht um eine „Abschaffung des Patriarchats“ gehen, auch weil sich eine Jahrtausende währende Ordnung mit all ihren lebenswichtigen Funktionen und kulturellen Ausprägungen nicht einfach abschaffen lässt und das wohl auch gar nicht wünschenswert wäre. Mehr als die Hälfte der Menschheit hat sich gemütlich in patriarchalen Systemen eingerichtet, genießt Wohlstand, längere Lebenserwartung, bessere Gesundheit und erfreut sich an vielfältiger Kultur.

Eine matristische Gesellschaft ist nicht notwendigerweise besser.

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Und nur, weil das Patriarchat so gefährliche Auswirkungen hat, dürfen wir natürlich nicht einfach schließen, dass eine matristische Gesellschaft so viel besser wäre, auch wenn das angesichts von Terror und Gewalt eine plausible Hoffnung ist. Und keiner weiß auch, wie die sieben Milliarden Menschen in matristischen Ordnungen oder auch nur in egalitären Strukturen sich entwickeln würden. Mir geht es deshalb vielmehr um das Problem, was wir innerhalb der bestehenden patriarchalen Systeme tun können und tun müssen, um diese Systeme zu „entpatriarchalisieren“, indem wir ihre zerstörerischen und gefährlichen Potenziale erkennen, einschränken und umlenken.

Entpartriachalisieren - zugunsten eines mensch- und umweltbezogenen Lebens.

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Dabei können wir auch aus unserer eigenen jüngsten Geschichte lernen, wie durch feministische Bewegungen, aber auch durch Männergruppen und politisches Engagement männliche Herrschaftssysteme abgebaut und mehr Gleichberechtigung durchgesetzt werden können, auch wenn dabei unsere heutigen Formen konsumorientierter Wohlstandsmodelle mit Wachstumsfixierung und Machtkonzentrationen eingeschränkt werden müssen, zugunsten eines anderen mensch- und umweltbezogenen Lebens, dass mehr soziale Gerechtigkeit, Solidarität und Bürgerbeteiligung umfasst. Die damit zusammenhängenden Ziele möchte ich unter den Begriff der „subversiven Entpatriarchalisierung“ zusammenfassen:

- mehr Bewusstsein für die patriarchalen Strukturen in Sprache, Politik, Wirtschaft, Religion, Kultur

- Aufdeckung patriarchaler Strukturen und Unterdrückungsprozesse

- öffentliche Auseinandersetzung in Familien, Politik und Medien

- Gleichstellung der Geschlechter

- mehr soziale Gerechtigkeit

- Abbau von Hierarchien

- Abbau von gewaltförmigen Strukturen

- Aufteilung der Macht, neue Formen gesellschaftlicher Patrtizipation, mehr partizipative Demokratie, mehr Solidarität, weniger  Anpassung und Konformismus, mehr egalitäre Gemeinschaften.

Unter männlich dominierten Strukturen wird nicht nur gelitten, fast alle helfen mit, sie zu stützen.

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Eine wichtige Voraussetzung für die aktiv Beteiligten einer solchen subversiven Entpatriarchalisierung scheint mir die Auseinandersetzung damit zu sein, wie wir selbst als NutznießerInnen und MittäterInnen an patriarchalen Systemen mitwirken und für den Bestand männlich dominierter Strukturen mit verantwortlich sind. Erst, wenn wir merken, wie wir selbst nicht nur Opfer, sondern auch TäterInnen, NutznießerInnen der patriarchalen Organisation unserer Gesellschaft sind, kann eine Auseinandersetzung mit patriarchalen Strukturen jenseits von Zuweisungen und Appellen wirkungsvoll und in konkrete Handlungen umsetzbar werden.

Unser hiesiges Softpower-Patriarchat unterdrückt durch die Wachstumsideologie.

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Wir verdrängen auch angesichts von Erfolgen bei Gender, windelwechselnden Vätern allzu gern die auswegslosen und bedrückenden Perspektiven für Frauen und Kindern sowohl in autoritär von Männern beherrschten Regimen, wie auch in den Konflikt- und Kriegsregionen. Und wir verdrängen, wie sehr (insbesondere die monotheistischen) Religionen missbraucht werden zur Unterdrückung der Menschenrechte und der Frauen. Und wir verdrängen auch unsere eigenen patriarchalen Herrschaftsstrukturen, die zwar nicht wie in Diktaturen und den Hardpower-Patriarchalen mit Zwang und Strafe durchgesetzt werden. Unser Softpower-Patriarchat verwandelt viel effektiver die westlichen Industrienationen in Leistungsgesellschaften und verdrängt damit die Vorstellung eines sinnvollen selbstbestimmten Lebens immer mehr durch Konkurrenz, Wachstums- und Konsumideologie mit freiwilliger Selbstoptimierung der Leistungsträger und durchdringt unaufhaltsam und ohne wahrnehmbare Zwänge immer größere Teile der Welt.

Die Flüchtlingsströme führen eher zu einer Repatriarchalisierung.

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Entpatriarchalisierung muss also ein auf längere Dauer angelegter Prozess sein, dem heute allerdings die Mächte einer zunehmenden Repatriarchalisierung aufgrund der Kriege, der Flüchtlingsströme vorwiegend aus Hardpower-Patriarchaten und die Radikalisierung der monotheistischen Religionen entgegenwirken. Deshalb ergeben sich heute aus dieser Konfrontation die vordringlichsten Aufgaben einer Entpatriarchalisierung:

Neue Ausbildungs- und Arbeitsplätze müssen in den Herkunftsländern der Flüchtlingen geschaffen werden, was erfreulicher Weise vom Entwicklungsministerium in Grenzgebieten von Syrien und Jordanien bis zur Türkei in Gang gekommen ist.

Durch längerfristige Planung in europäischen Ländern und Kommunen muss mit besseren Kenntnissen über die Systeme der Herkunftsländer eine differenziertere Flüchtlings- und Integrationspolitik betrieben werden, die von „Paten“ unterstützt werden kann.

Durch gezielte Jugendarbeit mit Perspektiven und Ausbildungs- und Arbeitsplätzen kann der Radikalisierung von Jugendlichen einerseits und einem übertriebenen Sicherheitsbedürfnis andererseits entgegengewirkt werden, weil beide Extreme aus dem Fehlen der Identifikation mit einem sinnstiftenden Ziel resultieren.

Wichtig sind dabei auch jenseits von Facebook und Co. gelebte soziale Bindungen, besonders in Gruppen. So kann der Gefahr von Flucht in einfache Lösungen (wie „Gottes Staat“ einerseits und unhinterfragte Anpassung an die normierte Leistungsgesellschaft andererseits und einem „weiter so“) entgegengewirkt werden.

Es braucht eine vierte Welle des Feminismus - denn wer sonst betreibt die Entpatriarchalisieung?

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Die größte Frage bleibt aber die nach den in diesen Prozess engagierten Personen. Es werden sicher nicht die im patriarchalen Herrschaftssystem Aktiven sein, selbst wenn sie wichtig und guten Willens sind, wie einige Außenminister, Diplomaten der UN und andere Organisationen. Eher können wir da unsere Hoffnungen auf die „nachdenkliche Mittelschicht“ (Paul Ginsborg) setzen, die in vielen Ländern der Welt jetzt schon eine wichtige Rolle bei der Entpatriarchalisierung spielt. Diese nachdenkliche Mittelschicht wird besonders effizient, wenn sie von „konstruktiver Empörung“ und einer Art „verzweifelten Optimismus“ angetrieben wird, der in dem paradoxen Slogan „Du hast keine Chance – nutze sie“ seinen populären Ausdruck findet. Allerdings sind auch in dieser nachdenklichen Mittelschicht immer die meisten Männer bewusst oder unbewusst auf ihre angenehmen Privilegien fixiert.

Deshalb sind im Zusammenhang mit einer „vierten Welle“ des Feminismus Frauen für Projekte der Entpatriarchalisierung immer noch und wieder von besonderer Bedeutung, auch außerhalb der Industrienationen, wenn sich Frauen gegen Gewalt und Unterdrückung zur Wehr setzen, wie die mutigen Frauen in Indien, Tunesien, Marokko, Jordanien, Palästina, im Sudan, Nigeria und Eritrea, zunehmend in vielen islamischen Ländern.

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Kristina Rumpel
    Die Welt erlebt einen Amoklauf kollektiv gewaltätiger Männer
    Das sind die Worte eines Mannes und als solches haben sie in einer Welt, die er beschreibt, mehr Gewicht. Und natürlich seine Erkenntnis und Formulierung wichtig und richtig. Das sind auch meine Worte meines Buch "Die Kraft des Weiblichen - Der Schlüssel für Frau und Mann in eine lebensbejahende Welt", das das Weibliche bisher verkannt wurde. Jetzt vielleicht finden auch wir Frauen Gehör???!!!
    Er schreibt, dass wir erstmal die Strukturen erkennen müssen. Das habe ich in meinem Buch getan und 5000 Jahre Menschheitsgeschichte und ihre Verdrehungen durch das einseitige Patriarchat aufgedeckt. Ganz einfach, in dem ich die Geschichte als Geschichte der Frauen erzählt habe.
    Er schreibt, dass Frauen in Führung nicht einfach besser wäre. Genau das erkläre ich in meinem Buch, weil es nicht um die sozialen Kategorien und neu einseitige Machtstrukturen geht, sondern ein Miteinander der Urkäfte des Lebens weiblich-männlich, damit sich die zerstörerischen Ausprägungen wieder in lebensförderliche Kräfte wandeln können.
    Er schreibt, dass es eine Entpatriarisierung braucht, zugunsten eines menschen- und lebensbezogenen Systems. Genau das entwickle ich in meinem Buch, wenn ich weibliche Werte wie sie sich zeigen im Zusammenhang mit der Förderung von natürlichen Geburten beschreibe. Der Gradmesser aller Entscheidungen in Zukunft ist dann: für oder gegen das Leben, die Lebendigkeit und Vielfalt.
    Er schreibt, dass es eine 4. Welle des Feminismus braucht, denn wer sonst soll die Strukturen auflösen, wenn nicht die Frauen. Und genau das ist die Intension meines Wirkens als Autorin und Mentorin für den weiblichen Weg
    Ich bin mir zu tiefst im Klaren darüber, dass es wir Frauen sein werden, die das Leben und die Strukturen des neuen Zusammenlebens aus sich heraus neu gebären werden. Wenn wir beginnen uns Weiblichsein wieder selbst-bewusst zu leben und unsere Bedeutung für die Gemeinschaft und Zukunft der Menschheit erkennen.