Männer und Macht  Die weiße, männliche Elite hat nichts an Macht eingebüßt

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Soziologin

Expertise:

Raewyn Connell ist emiritierte Professorin der University of Sydney. Die Soziologin ist Autorin der Bücher "Der gemachte Mann" (Leske + Budrich) und "Gender" (Springer). Sie setzt sich für die Rechte der Arbeiter und Frauen ein und hat viel zu diesen Themen publiziert.

Wer behauptet, dass der weiße Mann an Macht eingebüßt hat, irrt sich zumindest mit Hinblick auf die Elite. Diese zementiert immer noch das Bild des mächtigen weißen Mannes. 

Weiße Männer dominierten das Weltgeschehen über Jahrhunderte. Weiße Männer haben ihre Macht eingebüßt. Weiße Männer revoltieren jetzt dagegen.

Diese drei Aussagen sind alle wahrheitsgemäß. Aber geht es bei den drei Aussagen auch wirklich um dieselben weißen Männer? Und was will „weiß“ hier überhaupt heißen?

Weiße Männer beherrschten das spanische, französische, britische und auch russische Weltreich und viele weitere europäische Reiche. Es waren die Männer der sogenannten “officer class”, die das Land und die Streitmächte beherrschten und die Männer des Handelsstand, die die Kolonien ausraubten.

Die Arbeiter wurden dazu gedrängt in die Kolonien zu ziehen oder suchten dort ihr Glück. Sie nahmen stets die Privilegien ihres Geschlechts mit sich. Manchmal fanden Sie Gold oder Land in den neuen Gebieten. Meistens aber nur Ausbeutung, Krankheit oder Krieg. 

Die weiße, männliche Elite hat nichts an Macht eingebüßt

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Die Elite der einstigen Kolonialmächte liefert immer noch die Männer, die heute die transnationalen Unternehmen führen, die die Weltwirtschaft dominieren. 96% der Chefposten der führenden 500 Unternehmen werden immer noch von Männern besetzt – die meisten davon aus Amerika oder Europa und aus gutem Hause.

Diese weißen Männer haben nichts an Macht eingebüßt. Ihr Vermögen hat sich sogar zu neuen Rekordsummen angehäuft. Diese Männer verfügen über so viel Macht und stehen unter so wenig Kontrolle, dass sie die Gesellschaft tief spalten konnten. Wird ein Donald Trump sie davon abhalten? Er ist doch einer von ihnen.

Man muss die Politik des Weißsein im Kontext der Imperien und der globalen Machtstrukturen verstehen, denn die moderne Definition der Rasse hat hier ihren Ursprung. Ohne Imperien hätte es wenig Anlass gegeben sich über die eigene Rasse zu identifizieren oder über überlegene und unterlegene Rassen nachzudenken.  In mittelalterlichen Schriften findet sich der Begriff der Rasse nicht. Bei Luther finden wir den Begriff der Nation, nicht den der Rasse. Selbst im 18ten Jahrhundert hat sich noch niemand als „Weißer“ identifiziert. Wieso auch? Es ist ungewöhnlich, dass im berühmten Renaissance Drama „Othello“, der Protagonist als dunkelhäutig beschrieben wird und in der Geschichte in einer ranghohen Position steht.

Weißsein als Identität beruht auf Privilegien und Macht 

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Die Imperien und das damit verbundene Herrschen über fremde Kulturen, hat die Begriffe Männlichkeit, Weißsein und Macht zusammengebracht und sie zur Grundlage für eine neue Identität gemacht. Diese Identität war jedoch stets verhandelbar. Die herrschende Klasse im Apartheid-Südafrika der 1960er-Jahre bezeichnete zum Beispiel japanische Unternehmer als „ehrenwürdige Weiße“ – es ging ihnen nur um das Geld, nicht um die Gene. Verschiedene koloniale Siedlungen in Australien versuchten über 60 Jahre hinweg ein rein weißes Australien zu schützen und hatten sehr strenge Migrationsgesetze. Wer aber als weiß angesehen wurde, änderte sich oft: Anfangs nur Briten, später auch Italiener, Griechen und sogar Libanesen.

Weißsein als Identitätsbegriff wurde zu einem Instrument um über andere zu bestimmen und die eigene Macht zu zementieren. Diese Form der Identifikation baute auf Privilegien, insbesondere wirtschaftlichen, auf. In den USA gibt es noch heute enorme Unterschiede bei der Vermögensverteilung zwischen Schwarzen und Weißen. Dies ist auf eine lange Tradition von staatlicher Repression gegen Schwarze und eine Begünstigungspolitik zu Gunsten der Weißen zurückzuführen.

Die Institutionen die nicht-weiße Menschen diskriminierten wurden über die Jahre geschwächt oder abgelöst

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Wer behauptet, dass der weiße Mann an Macht eingebüßt hat, irrt sich zumindest mit Hinblick auf die Elite. Das grundsätzliche Problem mit dieser Aussage ist jedoch die Verallgemeinerung, die ihr voraus geht. Es ist unbestreitbar, dass die Bürgerrechtsbewegung und die Frauenbewegung die Institutionen herausgefordert haben, die über Jahrhunderte weiße Männer begünstigten. Gesellschaftsmodelle die auf der Unterdrückung der Frau oder von nicht-weißen Menschen beruhen, wurden über die Jahre geschwächt oder abgelöst.

Es ist auch wichtig die neoliberale Wirtschaftspolitik zu erwähnen, besonders die Deregulierung des globalen Handels und der Märkte sowie der Untergang des Wohlfahrtsstaates, die selbst die reichen Länder destabilisiert. Es gibt zwar keine Massenarbeitslosigkeit wie in den 1930er Jahren aber die Einkünfte der Mittelklasse stagnieren seit über einer Generation und die Aussicht auf Arbeit verschlechtert sich zusehends.

Die Trump- und Brexit-Kampagnen bauten auf einem besonderen Verständnis von Männlichkeit auf

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Der Machtverlust der Gewerkschaften hat das Erstarken der Populisten begünstigt. Ihre Hetze gegen Migranten stößt nicht auf taube Ohren. Migranten werden zunehmend als ökonomische Bedrohung empfunden, die den Einheimischen die Jobs streitig machen. Diese Rhetorik fand man bei Trump oder bei den Brexit-Befürworter wieder. Beide Kampagnen wurden von Männern betrieben und bauten auf einem besonderen Verständnis von Männlichkeit auf: Aggression, Härte, das Modell des männlichen Ernährers, das Recht des Stärkeren. Es waren aber nicht nur Männer bei denen diese Motive Anklang fanden. Eine Mehrzahl an weißen Frauen hat ebenfalls für Trump gestimmt.

Noch immer glauben viele Wähler, dass diese Kampagnen die Elite besiegt haben und am Anfang von einer neuen Bewegung stehen. In Wahrheit sind Brexit und Trumps Wahlerfolg Siege einer egoistischen Minderheit der Elite, der sie eigentlich den Kampf angesagt haben. Sowohl in Großbritannien als auch in den USA, gab es nach der Wahl vermehrt rassistische Übergriffe. In beiden Fällen sucht man vergebens nach einer neuen Politik, die den weißen Männern der Mittelklasse, die den Großteil der Wähler beider Lager darstellen, Vorteile verschafft. Ich gehe auch nicht davon aus, dass es eine geben wird, solange soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit keinen Platz in der Politik haben.  

Übersetzung aus dem Englischen

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