Antisemitischer Vorfall an Berliner Schule Muslimische Jugendliche haben häufiger antisemitische Einstellungen als deutschstämmige

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Soziologe, IKG - Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung

Expertise:

Wilhelm Heitmeyer ist ein deutscher Soziologe, Erziehungswissenschaftler und Professor für Sozialisation am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld. Seine Forschungsschwerpunkte sind Rechtsextremismus, Gewalt und Fremdenfeindlichkeit.

Wie Antisemitismus unter arabisch- und türkischstämmigen Jugendlichen entsteht, wie er sich auswirkt und was die Gesellschaft dagegen tun kann.

 

Die Abwertung, Diskriminierung und Gewalt in einer Berliner Schule gegen einen Jugendlichen mit jüdischem Glauben sorgt für Aufregung. Dabei wird nach bisherigem Kenntnisstand davon ausgegangen, dass es arabisch- und türkischstämmige Mitschüler waren, die diesen Jugendlichen so traktiert haben, dass sich die Eltern gezwungen sahen, ihn zu seinem Schutz von der Schule zu nehmen.

Dass es gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit von Minderheiten gegen Minderheiten gibt, wird verdrängt.

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Wie ist dies einzuordnen? Zumeist dominiert der Blick auf das Verhältnis der deutschstämmigen Mehrheit dieser Gesellschaft zu Minderheiten, die im Sinne der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit abgewertet und diskriminiert werden und zum Teil Gewalt ausgesetzt sind. Das gilt etwa für den Antisemitismus der Mehrheitsgesellschaft, der entsprechend kritisch beleuchtet wird. Vielfach wurde und wird dabei zugleich übersehen – beziehungsweise medial oder politisch verdrängt –, dass es diese gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit auch von Minderheiten gegenüber Minderheiten gibt.

Türkisch- und arabischstämmige Jugendliche weisen signifikant höhere antisemitische Einstellungen auf als deutsche.

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Die Frage stellt sich nun, ob es sich in diesem konkreten Fall, um einen Einzelfall handelt oder um verbreitete antisemitische Einstellungen unter muslimischen Jugendlichen. Dazu kann ein Blick in unsere Bielefelder Untersuchung von 2013 nützlich sein, in der wir antisemitische Einstellungen bei 2400 deutschen, türkisch- und arabischstämmigen Jugendlichen untersucht haben.

Die Vergleiche zeigen, dass die türkisch- und arabischstämmigen Jugendlichen signifikant höhere antisemitische Einstellungen aufwiesen als deutsche Jugendliche deren feindselige Einstellungen damit nicht relativiert werden können. Aber die Unterschiede bleiben relevant, wie sich an wenigen empirischen Facetten zeigt. Beim israelbezogenen Antisemitismus, der auf die Politik Israels gegenüber Palästinensern zielt (unsere Frage war: „Bei der Politik, die Israel betreibt, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat“), stimmten 44 Prozent der arabischstämmigen Jugendlichen zu. Bei den türkischstämmigen waren es 21 Prozent. Aussagen zum religiös begründeten Antisemitismus („ ... sind es die Juden, die die Welt ins Unheil treiben“) stimmen 22 Prozent der arabischstämmigen Jugendlichen gegenüber 13 Prozent bei türkischstämmigen. Aussagen zum klassischen Antisemitismus („Juden haben in der Welt zu viel Einfluss“) sind es 36 Prozent der arabischstämmigen Jugendlichen, die zustimmen und 21 Prozent der türkischstämmigen Jugendlichen.

Die Dichotomie von "Gläubig" und "Ungläubig" führt zu moralischen Überlegenheitsphantasien.

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Wie sich die vermehrte Zuwanderung aus den arabischen Gesellschaften – vor allem durch die Fluchtbewegungen – auswirkt, ist unklar. Neue Untersuchungen dazu stehen noch aus.
Was könnten Erklärungen sein? Die Religion hat unter muslimischen Jugendlichen einen eminent hohen Stellenwert als Identitätsanker in einer deutschen Mehrheitsgesellschaft, in der undifferenzierte Islamkritik beziehungsweise Islamfeindlichkeit existiert und in der sie enorme Anerkennungsprobleme haben. Hinzu kommen die religiös vorgeprägten Dichotomien von „Gläubig“ und „Ungläubig“, die moralische Überlegenheitsphantasien erzeugen – auch gegenüber der christlich dominierten Umwelt.

Echte oder medial vermittelte Opfererfahrungen arabischstämmiger Jugendlicher sind eine Ursache des Antisemitismus.

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Im Falle der arabischstämmigen muslimischen Jugendlichen kommen tatsächliche oder medial vermittelte Opfererfahrungen durch die israelische Politik gegenüber Palästinensern hinzu, die dann stellvertretend aggressiv auf deutsche Jugendliche jüdischen Glaubens übertragen werden. Der „Kampf um die Opferrolle“ ist ein gefährlicher Mechanismus, weil ein moralischer „Vorteil“ beansprucht wird, um durch Selbstermächtigung zu Abwertungen, Diskriminierungen und Gewalt zu greifen – und Zustimmungen in den jeweiligen Milieus zu erfahren.

Die muslimische Gemeinde muss eine offene Debatte über die Ursachen des Antisemitismus führen.

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Daraus ergibt sich die immerwährende Frage: Was tun? Im Falle des diskriminierten und misshandelten Berliner Jugendlichen ist die naheliegende Konsequenz des psychischen wie physischen Schutzes, ihn in eine andere Schule zu schicken. Weniger naheliegend ist die Reaktion der betroffenen Schule, die Täter der Schule zu verweisen. Dies verschärft den Opfermythos und führt eher noch zu Radikalisierungen. Die Kernfragen lauten: Wie gehen die muslimischen Gemeinschaften mit der Dichotomie von „Gläubig“ versus „Ungläubig“, den damit verbundenen Überlegenheitsphantasien und dem alles legitimierenden Opfermythos um?

Wenn dazu keine offene Debatte innerhalb der Gemeinschaften geführt wird, stehen uns schwere Zeiten bevor – und nicht nur deutschen Jugendlichen mit jüdischem Glauben.
Nicht zuletzt bleibt die Frage, ob die soziale Anerkennung der Mehrheitsgesellschaft zu einer Veränderung beiträgt. Bereits unsere Untersuchung von 1997 zum „Verlockenden Fundamentalismus“ hatte gezeigt, dass Desintegrationsgefahren und Anerkennungsdefizite muslimische Jugendliche in die Nähe von radikalen Milieus führen können.
Wilhelm Heitmeyer ist Soziologe. Von 1996 bis 2013 leitete er das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld.

5 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Hosam Amr
    Contention my comment:Fact 3: Jews lived in peace for centuries upon centuries in the Islamic world under the Islamic rules while they were killed and persecuted in Europe by the Antisemtic Crusades at that time.
    the tension between Arabs and Jews nowadays is because of politics & the Israeli terrorist occupation in Palestine and Syrian Golan, it is clear that the bigger part of Jews across the world are against the Israeli terrorist occupation In Syrian Golan and Palastine.
    Finally Islam religion (Subbmission to God) the religion of all Prophets Adam Noah Abraham Moses Jesus and the seal Muhammd Peace Be Upun Them All, Lectur about Muslims before Prophet Muhammad pbuh , Arians Muslims and the hidden true religion of Prophet Jesus Christ pbuh https://www.youtube.com/watch?v=g8x--RH967U
  2. von Hosam Amr
    The writer of this article Wilhelm Heitmeyer is not even a Semitic and he is trying to give the biggest Semitic Nation on earth (Arab Muslim) a lecture about Antisemitism by Islamophobic lies! Muslims and Precisely Arabs Muslims is pure Semitic by race they are the biggest Semitic nation on earth .. Semitic Arabs Muslims can not be against themselves .. the writer of this article is either so ignorant or he have special agenda behind his words .. Wilhelm Heitmeyer if you are really honest and brave i challenge you to debate with any Muslim Arab intellectual or Islamic scholar about Antisemtism.. lets talk about Islamophobia which is the new version of Anti Semites.. the classic Anti Semites was against the Semitic Jews and now back to Germany and Europe again in form of (Islamophobia) against Semitic Arabs Muslims.. Antisemitism started and still in Unsemitic Western countries since the first Antisemitic Crusades in middle ages who killed millions innocent Semitic Arabs and Jews in Andalusia (Spain) and in Middle East ... No real Muslim Arab can be Antisemtic because he is Semitic! unless in some cases with some ignorant people and you find few ignorant people in any nation or religions ...but in case of Arabs you cant use word (Antisemtism)
    Old Nazi persecuted and hate Semitic Jews - New Nazi hate Semitic Arabs Muslims! same hatred for Semtic races again and again
    Fact 1: Semitic nations are: Arabs and Jews (The children of Israel tribe in the Bible and Qurran) and Abyssinians, Arabs Muslims are the biggest genitecly Semitic nation by race on earth in term of number nowadays.
    Fact 2: it is well known that Arabs are the progeny of the Prophet Ishmael pbuh the high grandfather of Prophet Muhammad pbuh, Jews are the the progeny of Prophet Isaac pbuh, Ishmael and Issac are the sons of Propht Abraham pbuh so Arabs and Jews are cousins they belong to one grandfather the Prophet Abraham pbuh then to Sam (word Semitic taken from him) Sam son of Prophet Noah pbuh
  3. von Jens Bühner
    Zitat: "Wenn dazu keine offene Debatte innerhalb der Gemeinschaften geführt wird, stehen uns schwere Zeiten bevor,...."
    Den Wunsch "offene Debatte innerhalb der Gemeinschaften" kann man nur als realitätsfern und lebensfremd bezeichnen, liegt doch die Ursache für den grassierenden Antisemitismus gerade in den muslimischen Familien und deren verkorkster Erziehungsarbeit (wenn man es denn so bezeichnen darf). Derzeit ist es leider so, dass der Opferstatus "Flüchtling" alle anderen Opferstaten in seiner Bedeutung überstrahlt. Frauenrechte, Homosexuellenrechte, Rechte anderer Minderheiten wurden und werden de facto verraten.
  4. von Bernhard Küntzel


    Anerkennenswert ist es schon, dass Heitmeyer endlich eine maßgeblich von ihm verantwortete ideologische Einäugigkeit teilweise zu korrigieren bereit ist, dass es nämlich "diese gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit auch von Minderheiten gegenüber Minderheiten gibt". Eine Sichtweise ganz ohne Minderheitsbias wird jedoch erst dann gegeben sein, wenn er auch "gruppenbezogene Mendchenfeindlichkeit" von Minderheiten gegenüber sogenannten Mehrheiten in den Blick zu nehmen bereit ist, also z.B. Deutschenhass unter arabischen oder arabischstämmigen Bewohnern dieses Landes. Zumal sich ja die Frage Mehrheit oder Minderheit wohl kaum anhand der Grenzen der Nationalstaaten bestimmen lässt und das Kollektiv der autochthonen Deutschen gegenüber dem identitär beanspruchten Umma-Kollektiv der Muslime ja umgekehrt Minderheitenstatus beanspruchen kann.

    Die Herren Heitmeyer, Zick et alii:  Noch ein weiterer Entideologisierungsschritt und man wird Ihrer Kategorie der "gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit" vielleicht einmal Wissenschaftsqualität zuschreiben können.
  5. von B Base51
    Tja, was soll die Schule (die Schulen) jetzt machen?
    Ratlos stehen sie da.