Erweiterte DNA-Analyse zur Fahndung nach Tätern Vorurteile werden zur Ermittlungsgrundlage 

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Freie Universität Berlin

Expertise:

Prof. Dr. Carsten Momsen ist Professor für Strafrecht, Strafverfahrensrecht, Wirtschafts- und Umweltstrafrecht an der Freien Universität Berlin.

Ob Hautfarbe oder Herkunftsregion – in der menschlichen DNA stecken eine Menge Informationen, die mancher Fahnder gerne hätte. Doch die Fehlerquote ist hoch und die Diskriminierung von Minderheiten könnte befördert werden

Die DNA-Analyse, bekannt aus Krimis, spielt auch in der Realität eine wichtige Rolle. Ist sie doch zu einem kriminalistischen Instrument avanciert, das individualcharakteristische Merkmale, den genetischen Fingerabdruck, erkennen lässt und so hilft, Täter zu identifizieren und Spuren am Tatort zuzuordnen.

Doch nach aktuellem Stand der Wissenschaft kann die DNA eines Menschen noch weitaus mehr Informationen liefern, etwa über seine Prädisposition für bestimmte Krankheiten. Sie kann Auskunft geben über die „äußeren Merkmale“, die Augen-, Haar- und Hautfarbe. Die Wahrscheinlichkeit, zutreffende Ergebnisse zu erzielen, kann hier 95 Prozent erreichen, eventuell noch mehr. Zudem ist es auch möglich, vorherzusagen, von welchem Kontinent (möglicherweise sogar Subkontinent) der Mensch genetisch abstammt.

Für die Aussagen über die sogenannte „biogeographische Herkunft“ gilt allerdings eine geringere Wahrscheinlichkeitsquote. Dennoch: Innenministerien, Polizeibehörden und einige Wissenschaftler fordern nun eine gesetzliche Regelung, um diese DNA-Technologien kriminalistisch nutzen zu können.  

Kann die genetische Bestimmung der biogeographischen Herkunft bei der Aufklärung von Straftaten helfen? Wie hoch ist der Nutzen, wie groß sind die Gefahren, wenn ein „Forensic DNA-Phenotyping“ aufgrund einer DNA-Spur Hinweise zu den äußeren Merkmalen und der biogeographischen Herkunft des möglichen Täters liefert?

Es wäre jedenfalls etwas völlig anderes als der derzeit übliche DNA-Spurenabgleich: An einem Tatort findet sich eine DNA-Spur – Sperma, Haare, Hautschuppen. Bei ausreichender Qualität wird sie analysiert und mit den in der DNA-Analyse-Datei (DAD) gespeicherten Spuren aus anderen Straftaten verglichen.

In der DAD des Bundeskriminalamtes sind zurzeit rund 1,2 Millionen Datensätze erfasst, in der Mehrzahl von ermittelten Straftätern sowie unbekannten Spurenverursachern. Findet sich eine Übereinstimmung, spricht vieles dafür, dass der Träger der Vergleichsspur zu irgendeinem Zeitpunkt am Tatort war, oder Kontakt zum Opfer hatte. Ein sicherer Rückschluss auf die Täterschaft ist dies nicht, aber einem solchen Hinweis nachzugehen besteht aller Anlass.

Wer jetzt das DNA-Phenotyping als „erweiterte DNA-Analyse“ ins Spiel bringt, benutzt einen irreführenden Begriff. Schon die Ausgangslage ist unterschiedlich: DNA-Spur am Tatort ist zwar vorhanden, eine Vergleichsspur in der Analysedatei aber nicht. Also soll aus der Tatortspur unter anderem ermittelt werden, welche Hautfarbe der Spurenträger hat und aus welcher Region der Erde er genetisch abstammt. Auf die in Betracht kommende Bevölkerungsgruppe könnten dann die Ermittlungen konzentriert werden.

Das wäre durchaus zu vergleichen mit einer Fahndungsaktion in einem mittelgroßen Wohngebiet – lediglich aufgrund eines Hinweises, dass der Täter dort mit einer 80-prozentigen Wahrscheinlichkeit wohnen würde. Die Folgen: Erkundigungen über alle Bewohner des Gebiets werden eingeholt, alle befragt. Dabei dürfte klar sein, dass die allermeisten der dort Lebenden völlig unverdächtig sind. Trotzdem werden sie (fast) wie Verdächtige behandelt.

Diskriminierend wird es, wenn sich die Prozedur bei diversen Straftaten wiederholt. Die gesamte Bewohnerschaft wird so immer wieder mit kriminellen Vorfällen in Verbindung gebracht, das Gebiet kommt in den Ruf einer Hochburg der Kriminalität. Selbst wenn sich ergeben sollte, dass kein Bewohner etwas mit einer Tat zu tun hatte und niemand zu Unrecht verurteilt wird, bedeutet allein die Duldung der Ermittlungsmaßnahmen einen erheblichen Eingriff in verschiedene Grundrechte.

Die Übertragung dieses Gedankens auf die Fahndung mit den erweiterten äußeren und abstammungsbezogenen Merkmalen zeigt die Bedenken, welche insbesondere gegen eine genetische Analyse der biogeographischen Herkunft bestehen: Zunächst einmal handelt es sich um eine komplexe Merkmalskombination mit derzeit relativ hoher Fehleranfälligkeit, heißt, der Täter kann tatsächlich eine andere Abstammung haben.

Auch macht ein solcher Test nur dann Sinn, wenn das Ergebnis auf einen eng abgrenzbaren Teil der Bevölkerung hinweist. Sollte die Erkenntnis lauten, der Täter gehört mit hoher Wahrscheinlichkeit der Bevölkerungsmehrheit an, ist ermittlungstechnisch nichts damit anzufangen. Es ist also ein kriminalistisches Instrument, mit dem vor allem Angehörige von Minderheiten konfrontiert wären. Mit der Konsequenz, dass sie einen deutlich höheren Ermittlungsdruck auszuhalten hätten, auch wenn ihre Kriminalitätsbelastung durchschnittlich oder gering ist.

Der Test macht nur dann Sinn, wenn er einen eng abgrenzbaren Bevölkerungsteil zeigt - so diskriminiert er Minderheiten

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Und woher weiß man, wo Menschen einer entsprechenden Abstammung zu finden sind? Wissen wir, wie die Angehörigen einer bestimmten Bevölkerungsgruppe aussehen? Wir haben bestenfalls unscharfe Vorstellungen davon und machen daher unsere Vorurteile zur Differenzierungsgrundlage. Dies gilt für die Polizei vermutlich nicht weniger als für den Rest der Bevölkerung.

Vorurteile werden zur Differenzierungsgrundlage - auch bei der Polizei

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Daher würden Ermittlungen, die eigentlich ergebnisoffen angelegt sein müssten, relativ häufiger gegen Minderheiten geführt werden. Auch wenn sich nachher herausstellt, dass das Testergebnis wegen seiner nur beschränkten Validität eine falsche Richtung gewiesen hat, ist die laufende Ermittlung psychologisch nur schwer umzudirigieren. In jedem Fall setzt sich allzu leicht der – unzutreffende – Eindruck fest, diese Bevölkerungsgruppe sei besonders kriminalitätsgeneigt. Im internationalen Kontext spricht man bei derartigen vorurteilsbelasteten Wahrnehmungsfehlern von „racial and minority biases“.

Es würde der falsche Eindruck entstehen, gewisse Bevölkerungsgruppen seien besonders kriminalitätsgeneigt

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Schließlich ist zu fragen, was genau passieren wird, wenn die biogeographische Herkunft der zentrale Ermittlungsansatz ist. Kehren wir deshalb zurück ins mittelgroße Wohngebiet. Um dort den Täter sicher zu identifizieren, müsste man von allen Bewohnern eine DNA-Probe nehmen und diese dann mit der Tatortspur nach herkömmlichen Verfahren abgleichen. Ohne jeden konkreten Tatverdacht wird eine Vielzahl von Personen genötigt, ihre DNA auswerten zu lassen, die Auswertung wird zumindest zwischenzeitlich archiviert. Zum Datensatz jeder Person gehörten jetzt auch deren Augen-, Haar- und Hautfarbe: Das ist schon nicht unproblematisch. Bei den Informationen über die Abstammung dürfte es sich eindeutig um personenbezogene und damit besonders schutzbedürftige Daten handeln. Bestehende Rassismen und Vorurteile werden bedient, wenn die Ergebnisse vorschnell veröffentlicht werden? Und was könnte alles geschehen, wenn diese Daten gehackt würden und in falsche Hände geraten?

Ohne jeden konkreten Tatverdacht wird eine Vielzahl von Personen genötigt, ihre DNA auswerten zu lassen

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Fazit: DNA-Profiling betrifft zumindest im Hinblick auf die „biogeographische Herkunftsanalyse“ den Umgang mit personenbezogenen, hochsensiblen Informationen. Entscheidend ist nicht, was technisch möglich ist, sondern wie diese Daten rechtlich zulässig und ethisch verantwortungsbewusst erhoben und verwendet werden. 

Dem nicht nachgewiesenen kriminalistischen Nutzen der Bestimmung der biogeographischen Herkunft stehen ernst zu nehmende Nachteile gegenüber. Daher ist wenigstens eine wirksame Vorsorge zu treffen: Phenotyping darf nur beim Verdacht bestimmter, sehr schwerer Straftaten eingesetzt werden. Und erst dann, wenn andere Ermittlungsansätze ausgeschöpft sind. Die Anwender müssen im Umgang mit den Ergebnissen geschult, die Anwendung sollte in jedem Einzelfall durch ein unabhängiges Gremium legitimiert werden. Die Löschung der Daten aller Unverdächtiger nach Auswertung der Analyse muss sichergestellt, der Aufbau einer Datenbank mit derartigen Informationen ausgeschlossen sein.

Phenotyping sollte nur bei schweren Straftaten eingesetzt werden und erst, wenn andere Ermittlungen fehlgeschlagen sind

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Im Kontext mit der biogeographischen Herkunftsanalyse lassen Erfahrungen aus anderen Ländern, zum Beispiel aus England, derzeit den Schluss zu, dass man am besten ganz auf die „erweiterte DNA-Analyse“ verzichtet. 

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