Erweiterung der forensischen DNA-Analyse für Strafverfahren Schutz vor unberechtigten Verdächtigungen

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Universität Köln

Expertise:

Prof. Dr. Peter Schneider ist Leiter des Bereiches Forensische Molekulargenetik am Institut für Rechtsmedizin an der Uniklinik Köln.

Das Vorhaben, in Zukunft auch Teile des Erbguts zu untersuchen, die Rückschlüsse auf das Aussehen des Täters zulassen, birgt viele Vorteile. Dabei trägt die forensische DNS-Phänotypisierung nicht zur Diskriminierung bei, sondern schützt Minderheiten vor unberechtigten Verdächtigungen.

Die DNA-Analyse im Strafverfahren hat sich zu einem der empfindlichsten und zuverlässigsten Sachbeweise unter den forensischen Wissenschaften entwickelt. Die DNA-Analyse ist so gut standardisiert, dass das sogenannte DNA-Profil über Ländergrenzen hinweg in Form eines Zahlenschlüssels verglichen werden kann. Dabei steht in Deutschland die DNA-Analysedatei (DAD) beim Bundeskriminalamt im Mittelpunkt. Hier werden die DNA-Profile von biologischen Spuren aus nicht aufgeklärten Straftaten einerseits und die Referenzprofile von rechtskräftig verurteilten Straftätern sowie von Beschuldigten aus laufenden Ermittlungsverfahren andererseits gespeichert. In dieser Datenbank, die 1998 eingerichtet wurde, sind die DNA-Profile von ca. 866.000 Personen und 307.000 Spuren gespeichert. Es wurden bereits über 190.000 Spuren einer Person zugeordnet sowie bei ca. 50.000 Spuren ein Spur-Spur-Treffer erhalten, der einen Tatzusammenhang belegt.

Es stellt sich daher die Frage, wozu eine Erweiterung der DNA-Analyse in Bezug auf äußere Körpermerkmale, hier aktuell beschränkt auf die Augen-, Haar- und Hautfarbe, die sogenannte biogeografische Herkunft, also die Erforschung der genetischen Wurzeln einer unbekannten Person, sowie das Alter überhaupt erforderlich und sinnvoll sein könnte. Aus meiner Sicht sind dies vor allem Fälle von schweren Straftaten, bei denen DNA-Spuren gesichert wurden, die nach Einstellung in die DAD keinen Treffer erzielt haben (der unbekannte Spurenleger also bisher nicht durch eine DNA-Analyse erfasst wurde) und bei denen die Polizei auch sonst keine zielführenden Ermittlungsansätze mehr hat.

Eine Erweiterung der DNA-Analyse wäre vor allem in Fällen von schweren Straftaten sinnvoll.

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Aus einer Reihe von sehr pragmatischen Gründen ist zudem nicht zu erwarten, dass dieses Verfahren zu einer generellen Anwendung führen würde: Fast jede dritte Tatortspur, die man mit der DAD abgleicht, ergibt mittlerweile einen Treffer zu einer dort gespeicherten Person oder einer anderen Spur, so dass eine erweiterte DNA-Analyse somit nicht mehr notwendig ist. Darüber hinaus wird es viele Fälle geben, bei denen die Spuren-DNA bereits für die konventionelle DNA-Analyse aufgebraucht wurde, die wegen der Möglichkeit des DAD-Abgleiches immer zuerst erfolgen wird, so dass eine erweiterte Analyse nicht mehr möglich ist. Außerdem können nur solche DNA-Spuren verwendet werden, die von einer einzelnen Person gelegt wurden, da aus DNA-Mischspuren keine eindeutigen genetischen Vorhersagen erstellt werden können. Schließlich kommen auch nur Spuren in Betracht, bei denen ein eindeutiger Bezug zur Straftat hergestellt werden kann, wie etwa eine Spermaspur nach einem Sexualdelikt, während eine Zigarettenkippe, die am Tatort gefunden wurde, aber nicht vom Täter stammen muss, diese Voraussetzung sicherlich nicht erfüllt.

Grundsätzlich sind alle Eigenschaften, die mittels einer erweiterten DNA-Analyse vorhergesagt werden können, nicht spezifisch für das Individuum und nur durch eine Wahrscheinlichkeit für ihr Vorliegen beschrieben. Somit sind diese Angaben niemals geeignet, eine einzelne Person zu identifizieren. Wie die Aussagen eines Zeugen können sie nur dazu dienen, den Kreis möglicher Tatverdächtiger einzugrenzen, um gezielter ermitteln zu können. Im Gegensatz jedoch zu einer Zeugenaussage, deren Zuverlässigkeit oftmals fraglich ist, da sie durch äußere Umstände beeinflusst worden sein kann, beruht die DNA-gestützte Vorhersage auf einer durch statistische Berechnungen belegten Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen einer bestimmten Eigenschaft und beinhaltet die Abschätzung des möglichen Fehlers. Damit ist die Zuverlässigkeit einer solchen Vorhersage im konkreten Fall bekannt und kann von entsprechend ausgebildeten Ermittlern mit der angemessenen Priorität berücksichtigt werden.

Die Zuverlässigkeit von DNA-Vorhersagen wertet sie im Vergleich zu Zeugenaussagen auf.

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Sowohl die Vorhersagen zu den äußeren Körpermerkmalen als auch zu Herkunft und Alter sollten nach Möglichkeit (abhängig von Spurenart und -menge) gemeinsam eingesetzt werden. Dabei können Aussehen und Herkunft sachlich nicht getrennt werden. Bei der Analyse der Augenfarbe fallen auch Informationen über die Herkunft an, da zum Beispiel die blaue Augenfarbe eine Eigenschaft ist, die bei Europäern entstanden ist. Die genetische Herkunftsanalyse (derzeit nur unterscheidbar auf kontinentaler Ebene und vollkommen unabhängig von Ländergrenzen) wird in den meisten Fällen das Verfahren mit der besten Aussagekraft sein.

Die Vorhersagen zu Körpermerkmalen, Herkunft und Alter sollten nach Möglichkeit gemeinsam eingesetzt werden.

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Der Test ist auch bei Personen mit gemischtem genetischem Hintergrund informativ, da diese Eigenschaft an den Daten erkennbar ist und zu einer geringeren Vorhersagewahrscheinlichkeit führt, die dann entsprechend vorsichtig bewertet werden muss. Die Vorhersage des Alters eines unbekannten Spurenlegers kann unabhängig davon auch ergänzend eingesetzt werden, da dieses Verfahren aktuell nur mit Blutspuren einer bestimmten Größe möglich ist und technisch auch anders durchgeführt werden muss. Durch die konsequente Beschränkung der erweiterten DNA-Analyse auf Aussehen, Herkunft und Alter werden somit nur Eigenschaften ermittelt, die später zwangsläufig aufgedeckt werden, sollte die Spur einer konkreten Person zugeordnet werden und deren Aussehen und Herkunft daher bekannt sein.

Die Besorgnis in Bezug auf eine mögliche Diskriminierung von Minderheiten ist aus meiner Sicht nicht begründet, muss aber selbstverständlich ernst genommen werden. Wenn es einen klaren Hinweis gibt, dass der Täter einer bestimmten Bevölkerungsgruppe entstammt, dann sehe ich das nicht als Diskriminierung. Dann muss die Polizei auch dort suchen.

Wenn es einen Hinweis auf Zugehörigkeit zu einer Bevölkerungsgruppe gibt, dann muss die Polizei dort suchen. 

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Es schützt umgekehrt die Minderheiten vor ungerechtfertigten Verdächtigungen, wenn der Test nämlich zum Beispiel ergibt, dass der Täter mitteleuropäische Vorfahren hat.

Die Ausweitung schützt Minderheiten vor ungerechtfertigten Verdächtigungen.

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Die eindeutige Identifizierung einer Person muss ohnehin immer über das konventionelle DNA-Profil erfolgen. Nur das kann vor Gericht als Beweis verwendet werden. Damit kann auch dem Datenschutz Rechnung getragen werden, denn es besteht keinerlei Notwendigkeit, die zugehörigen genetischen Daten aus der erweiterten DNA-Analyse in zentralen Datenbanken zu speichern.

 

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