Nicht nur innerhalb der Verwertungslogik denken Lob einer nutzlosen Sprache

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Professor für Italienisch und Literaturwissenschaft

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Nicola Gardini ist Professor für Italienisch und Literaturwissenschaft in Oxford. Der Text ist ein Auszug aus seinem Buch „Latein lebt. Von der Schönheit einer nutzlosen Sprache“

Latein ist tot, wozu also lernen?, sagen die einen. Latein stählt den Geist, die anderen. Beide Fraktionen liegen falsch. Bei Latein geht es um etwas ganz anderes

Latein gilt vielen als nutzlos. Ich möchte mich nicht in die Debatte über den Begriff der Nützlichkeit einschalten, einen über Jahrhunderte gewachsenen, vielschichtigen und facettenreichen Begriff, der allein schon ein eigenes Buch verdienen würde. Erlauben Sie mir nur die Feststellung, dass ebenjene „vielen“ - normale Leute, Politiker, Berufstätige aus den verschiedensten Metiers - eine bestürzend (und gefährlich) kurzsichtige Auffassung vertreten, was Unterricht und Bildung angeht: Sie verstehen unter Wissen einzig und allein das, was sich an Erlerntem unmittelbar praxisbezogen anwenden lässt.

Wenn dem so wäre, dürfte in letzter Konsequenz kaum eine Tätigkeit als nützlich gelten: die Arbeit des Chirurgen oder die des Klempners vielleicht, ansonsten herzlich wenig. Bis schließlich auch der Chirurg und der Klempner nicht mehr notwendig sein werden. Nachdem das Schicksal des Wissens - nämlich die Kapitulation vor den Maschinen oder, wie man heutzutage zu sagen pflegt, vor der Technologie - ohnehin besiegelt scheint, was muss der Mensch dann überhaupt noch wissen? Sicher, er wird lernen müssen, diese Maschinen zu bauen, sie zum Laufen zu bringen, ihre Überreste zu entsorgen, wenn sie nicht mehr gebraucht werden, und Materialien zu beschaffen, um neue herzustellen. Kurz und gut, er wird alles rund um die Maschinen wissen müssen, natürlich immer im Glauben, dass sie unersetzlich, dass sie das einzig wirklich Nützliche sind und alle Probleme zu lösen vermögen Und sonst?

Was ist mit jenen Bedürfnissen, die vielleicht nicht unmittelbar lebensnotwendig, zweckorientiert oder materieller Natur sein mögen, aber deswegen nicht weniger wichtig sind? Mit dem sogenannten Geist? Mit der Erinnerung, der Phantasie, der Kreativität, der Tiefe, der Komplexität? Was ist mit den großen Fragen: Wie und wann hat alles begonnen, wohin gehe ich, wer bin ich, wer sind die anderen, was ist die Gesellschaft, was ist die Geschichte, was ist die Zeit, was ist die Sprache, was ist das Wort, was ist das menschliche Leben, was sind die Gefühle, wer ist der Fremde, was mache ich hier, was sage ich, wenn ich spreche, was denke ich, wenn ich denke, was heißt Bedeutung? Um es kurz zu machen - was ist mit der Auslegung der Welt? Denn ohne Auslegung gibt es keine Freiheit, ohne Freiheit kein Glück, und alles leidet, sogar unsere gute Laune. Wir werden zu Sklaven der Politik und des Marktes, wir jagen der Befriedigung vorgetäuschter Bedürfnisse hinterher, entstanden aus Gesetzmäßigkeiten und Konzepten, die nichts mit uns als Person zu tun haben.

Gleichzeitig jedoch gibt es - obschon zahlenmäßig in der Minderheit - etliche Verfechter des Latein, die ihm sehr wohl einen Nutzen attestieren: Latein bringe einem bei, strukturiert zu denken und verlange eine gewisse Disziplin, die sich später auch in anderen Bereichen bezahlt mache. Latein sei wie Mathematik. Wie oft habe ich diese Argumente als Junge gehört, und wie oft höre ich dieselbe Leier heute noch, gerade in Italien! Um eine Lanze für das Latein zu brechen, macht man es sich leicht und schreibt ihm die Meriten anderer Wissensgebiete, der sogenannten Wissenschaften zu, anstatt den Blick auf die ureigensten Verdienste der lateinischen Sprache zu richten und zu würdigen, dass Latein etwas macht, was die Mathematik nicht macht, wie umgekehrt die Mathematik etwas vollbringt, was Latein nicht vermag.

Latein ist mehr als ein Fitnessstudio für den Geist. 

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Weder die Argumente der „Nutzlos“- noch die der „Nützlich“-Fraktion sind dienlich, um die Liebe zum Latein entstehen und gedeihen zu lassen. So schwach die Einwände der Ehrabschneider (der Vertreter der Nutzlosigkeit) sind, so wenig überzeugend sind die Argumente der Lobhudler (der Anhänger der Nützlichkeit): dass nämlich Latein helfe, den Geist zu bilden, dass der morphologische Reichtum das Gedächtnis schule, die Syntax die logisch-deduktiven Fähigkeiten anrege und so weiter Alles gut und schön. Aber wenn Latein nur das wäre, ein Fitnessstudio für den Geist, dann könnte man ebenso gut andere komplexe Sprachen wie Deutsch, Russisch, Arabisch oder Chinesisch lernen, die sich zudem auch noch praktisch anwenden lassen. Überhaupt, würde Algebra nicht völlig ausreichen, um das Gedächtnis und das logische Denkvermögen zu verbessern? Oder Chemie? Selbst das Telefonbuch würde dafür genügen.

Jahrzehntelang haben sich unzählige pädagogische Ansätze und Debatten auf die wackelige Argumentation der „Nützlichkeitsfraktion“ gestützt und waren doch nur Wasser auf die Mühlen der „Nutzlosigkeitsverfechter“. Inzwischen hat sie endgültig, und zwar zu Recht, an Boden verloren. Denn das Erlernen des Latein - zweifellos anspruchsvoll, herausfordernd und mühsam, wie eine traumhafte Bergtour, die allein von sich aus Kraft spendet - darf nicht nur auf den Zweck reduziert werden, die grauen Zellen fit zu machen. Das käme der Forderung gleich, man solle in den Louvre oder ins Metropolitan Museum gehen, um sein Sehvermögen zu schärfen, oder in die Mailänder Scala, um sein Gehör zu trainieren.

Latein ist wichtig als Sprache der europäischen Zivilisation.

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Selbstredend hat ein Turmspringer oder eine Ballerina stets auch einen schönen Körper, doch haben sie ihre Muskeln trainiert, um perfekte Kunstsprünge zu machen oder um hervorragend zu tanzen, und nicht, um sich vor dem Spiegel zu bewundern. Wer Latein lernt, soll dies vor allem deshalb tun, weil Latein die Sprache einer ganzen Zivilisation ist, weil Europa in der lateinischen Sprache Gestalt angenommen hat und weil die Geheimnisse unserer tiefsten Wurzeln auf Latein niedergeschrieben wurden, und er oder sie in der Lage sein möchte, diese Geheimnisse zu entschlüsseln.

Es geht nicht um die Nützlichkeit, sondern die Schönheit der Sprache.

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Um es auf den Punkt zu bringen (und gleichzeitig sowohl der „Nützlich“- als auch der „Nutzlos“-Fraktion den Wind aus den Segeln zu nehmen): Latein ist schön. Die Schönheit ist das Antlitz der Freiheit selbst. Eines der hervorstechendsten Merkmale von totalitären Regimen ist gerade die Hässlichkeit, die sich in jedem Aspekt und jeder Form des Lebens, ja sogar in der Natur, manifestiert. Mit dem Adjektiv „schön“ möchte ich zum Ausdruck bringen, dass Latein eine facettenreiche, dehnbare, wandlungsfähige, leichte und schwierige, einfache und komplizierte, regelmäßige und unregelmäßige, klare und nebulöse Sprache ist, mit unzähligen Registern und Jargons, mit unzähligen rhetorischen Mitteln, mit unzähligen Stilen, mit einer komplexen Geschichte.

Warum brauchen wir praktische Gründe, um der Schönheit zu begegnen? Warum hindert man uns durch falsche Argumente daran, tatsächlich zu verstehen? Warum sich der weitverbreiteten Gewohnheit beugen, alles bereits fertig vorfinden zu wollen, immer kürzere Wege einzufordern, einen Knopf zu drücken, um Antworten zu erhalten, nicht mehr aufmerksam zuzuhören? Warum sich den Forderungen der Faulenzer, der Oberflächlichen, der Defätisten, der Utilitaristen geschlagen geben? Warum nicht in dieser vielleicht auch naiven Frage „Wozu nützt Latein?“ einen aggressiven und arroganten Akt sehen, einen Anschlag auf den Reichtum der Welt und den großartigen menschlichen Intellekt?

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Uwe R.
    Ein schöner Beitrag und eine kluge Verteidigungsrede für den Lateinunterricht im Sinne des Humboldtschen Bildungsideals.