Naturwissenschaftliche Fächer stärker gewichten Bedeutung von Latein ist überschätzt

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Professorin für Lehr- und Lernforschung Eden Books

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Professorin für Lehr- und Lernforschung an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, forscht zur Entstehung und Nutzung der menschlichen Intelligenz.

Das Schulfach Latein steigert angeblich die Lernfähigkeit der Schüler. Es dient ihnen als Grundlage für viele weitere Sprachen und verbessert das grammatikalische Verständnis. Die Argumente, mit denen die Relevanz der lateinischen Sprache gerechtfertigt wird, stimmen nur teilweise. 

Die Konkurrenz um schulische Lernzeit ist groß, deshalb bedürfen alle unterrichteten Inhalte einer Rechtfertigung, die je nach Fach unterschiedlich ausfallen kann. Dass im Deutsch- Mathematik- und Englischunterricht Kompetenzen erworben werden, die unabhängig von der Studien- und Berufswahl gebraucht werden, ist unbestritten. Naturwissenschaftliche Fächer sowie Geschichte und Geographie vermitteln Wissen, welches hilft, die Welt, in der wir leben, besser zu verstehen.

Über mehrere Jahrhunderte waren Kenntnisse in Latein und Altgriechisch unabdingbar für ein Weltverständnis im akademischen Sinne, weshalb diese Fächer berechtigterweise eine zentrale Stellung in Schulen einnahmen, die auf eine Universitätsbildung vorbereiten sollten. Gymnasien wurden deshalb auch Lateinschulen genannt. Aber die Zeiten änderten sich. Vor mehr als dreihundert Jahren wurde Latein als alleinige Wissenschaftssprache durch europäische Sprachen abgelöst, die spätestens im 19. Jahrhundert dominierten. Lateinkenntnisse als Voraussetzung für Weltaneignung entfiel als Begründung, was der Stellung des Schulfachs jedoch keinen Abbruch tat.

Als Rechtfertigung dienten fortan Annahmen über die Förderung geistiger Kompetenzen, die sich bis zum heutigen Tag gehalten haben: Von der Beschäftigung mit der stark regelgeleiteten lateinischen Grammatik wird ein Trainingseffekt auf formales und logisches Denken erwartet, der sich angeblich wiederum positiv auf den Erwerb anderer komplexer Inhalte -  auch im mathematisch- naturwissenschaftlichen Bereich auswirkt. Solche Versprechungen werden auch von anderer Seite gemacht. Mal wird behauptet, dass das Spielen eines Musikinstrumentes schlau macht, mal ist es das Schachspiel. In den letzten Jahren wurde Gehirnjogging – vorwiegend als Computerspiel angeboten – als Methode zur Steigerung der Lernfähigkeit angepriesen.

Latein lernen fördert die allgemeine Lernfähigkeit der Schüler nicht.

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Aus der Sicht der Lernforschung sind Versprechungen, die auf eine allgemeine Steigerung der Lernfähigkeit abzielen, nicht haltbar. Lernen muss als Aufbau von inhaltsspezifischen Wissenselementen (z.B. Regeln, Strategien, Prozeduren, Fakten, Begriffe) verstanden werden, die sich auf verwandte Gebiete übertragen lassen, während ein unspezifisches Training der geistigen Effizienz nicht möglich ist. Da die Regeln der lateinischen Sprache und die Gesetzmässigkeiten der Mathematik und der Logik nichts miteinander zu tun haben, kann hier kein Transfereffekt erwartet werden. Dass dies tatsächlich der Fall ist, konnten der ehemalige Lateinlehrer und Bayreuther Pädagogikprofessor Ludwig Haag und ich in einer gut kontrollierten Studie zeigen. Nicht einmal ansatzweise konnte ein positiver Effekt des Lateinlernens auf das logische Schlussfolgern oder die Leistung im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich nachgewiesen werden. Dieser Befund wurde kürzlich noch einmal von einer österreichischen Arbeitsgruppe an einer anderen Stichprobe bestätigt.

Die Bedeutung von Latein für das Erlernen anderer Sprachen wird überschätzt.

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Zeigen konnten Ludwig Haag und ich hingegen, dass Schüler mit fortgeschrittenen Lateinkenntnissen beim Finden von in deutsche Texte eingebauten Grammatikfehlern besonders erfolgreich waren. Die Strategie, beim Übersetzen lateinischer Sätze den Wortendungen besondere Aufmerksamkeit zu schenken, wurde offensichtlich auf das Korrekturlesen übertragen. Naheliegend ist auch ein positiver Wissenstransfer von Latein auf andere Fremdsprachen, aber hier wird der spezifische Nutzen des Fachs nicht selten überschätzt. Für einen Spanischkurs konnten wir zeigen, dass Teilnehmer mit Französischkenntnissen in der Abschlussprüfung besser abschnitten als Teilnehmer mit Lateinkenntnissen.  

Die naturwissenschaftlichen Fächer müssen stärker gewichtet werden. 

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Allgemeinbildende Schulen haben den Auftrag, Heranwachsende zu selbständig denkenden Menschen zu erziehen, die in einer durch Wissenschaft und Technik geprägten Gesellschaft verantwortungsvoll handeln sollen. Es ist überfällig, die schulischen Lerninhalte auf diese Anforderung abzustimmen – beispielsweise durch eine stärkere Gewichtung der naturwissenschaftlichen Fächer sowie insbesondere auch Informatik.   

 

4 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Walter Blydal
    Teil 3

    Will ich endlich mal zusammenhängend Ovids Methamorphosen oder De Bello Gallico lesen, gibt es die vorzüglich übersetzt und mit nötigen, doch wie im Falle Napoleon, nicht immer stimmigen Kommentaren. Napoleon hatte sicher die Artilleriekunst auf Latein gelernt, aber von den Kelten nur begrenzte Kenntnisse. Also wieder mal: Latein ist nicht die Quelle alles Wahren.

    Mir wissentlich ist noch kein moderner Pädagoge der Idee anheimgefallen, alle kleinen Kinder, unabhängig von einer Musikalität, jahrelang jeden Morgen eine Stunde oder gar zwei mit Harmonielehre zu traktieren, Bachs "Krebs" und die Umkehrung des Krebses zu entdecken, als Basis für das Genießen aller Sorten Musik. Nur bei Latein soll das der Fall sein.

    Wenn ein Kind musikalisch ist und Freude an Musik hat, lernt es Musik und diverse Instrumente stets und überall. Das habe ich immer wieder in den 77 Jahren meines Lebens gesehen. Ein Pädagoge muss nur diesen Vorgang initiieren, inspirieren. Das gilt für jeden Stoff, egal ob Sprache oder MINT-Wissen.

    Ich habe nie verstanden, warum alle Schüler gleichen Alters den selben Stoff im gleichen Takt lernen MÜSSEN und wenn nicht, sie z.B. mit Sitzenbleiben bestraft werden. Das ist eine Verschwendung von Zeit, Geld und Begabung. Ich glaube kaum, dass es Mehrkosten verursacht, wenn man Studiengruppen bildet mit motivierten Teilnehmern unabhängig von deren Alter. Im Gegenteil, es wird lustvoller und schneller gehen und damit Kosten sparen. Lernen soll Freude bereiten.

    Vier meiner sieben Sprachen habe ich ohne Unterricht quasi aus der Luft gelernt, weil "Kopfkissen" und Umstände die Initiatoren waren. "Sprache kommt von sprechen, nicht von Grammatik" will ich den Pädagogen sagen, die in die Laufbahn kamen nach dem Motto "If you can't, teach. If you can't teach, teach the teachers."

    Im Angedenken an meine Lateinlehrer:

    "Romanes eunt domus" aus "Life of Brian"
    https://www.youtube.com/watch?v=DZ47gksnesc


    Ende




  2. von Walter Blydal
    Teil 2
    Als ich später auf der Stockholmer Uni Linguistik studierte, entdeckte ich die Deutsche Sprache als eine Blaupause vom Latein. Warum also mit dem Latein lernen quasi "über den Bach gehen um Wasser zu holen", wenn man als deutscher Muttersprachler die Struktur des Lateinischen durch ihre Verwandtschaft bereits in der eigenen Muttersprache verinnerlicht hat? Ein geringfügig vertiefter Deutschunterricht würde meines Erachtens Latein ersetzen können.

    Übrigens waren meine damaligen schwedischen Kommilitonen völlig unbefleckt von Latein und schafften es dennoch, die lateinischen termini technici der Linguistik aus unseren schwedischen und englischen Lehrbüchern zu lernen. Im Lateinlexikon meines Vaters werden die Vokabeln bis zum Griechischen und Sanskrit zurückverfolgt. Das war um 1920 die Forderung an "Grundlagenkenntnisse". Wie ersichtlich: "Tempora mutantur"...

    "Latein ist die Sprache des Rechts, der Architektur und der Ingenieurskunst, des Militärs, der Wissenschaften, der Philosophie, der Religion und [...] die Sprache einer blühenden Literatur, die über Jahrhunderte hinweg der gesamten Literatur des Abendlandes als Vorbild diente." [aus Latein lebt].

    Tempusfehler, Herr Professor: "Latein WAR die Sprache des..."
    Gibt es es die Rechtsgrundlagen der EU auf Latein?
    Gibt es irgendwelche gültigen Bauvorschriften auf Latein?
    Wird an irgendeiner Technischen Hochschule auf Latein unterrichtet?
    Wird an irgendeiner Militärhochschule auf Latein unterrichtet?
    Wird irgendeine moderne Wissenschaft (MINT-Fächer) auf Latein unterrichtet?
    Wird in irgend einem Industrieland Philosophie auf Latein unterrichtet?
    Sogar Religion wird vom Vatikan nicht mehr auf Latein gelehrt.
    Sieben Mal NEGATIV. Keiner brauch Latein, es ist mausetot.

    Forts. Teil 3
  3. von Walter Blydal
    Teil 1

    Als in acht Jahren - durch Pi mal Daumen 2.000 Stunden Lateinunterricht, plus ebenso viele Stunden Hausaufgaben - Lateingeschädigter möchte ich hier meinen Senf hinzugeben. Diese 4.000 Stunden meines wachen Lebens sind mir gestohlen worden, haben mir nichts gegeben, nada.

    In dieser Zeit hätten wir "Schöler" locker Chinesisch hinzulernen können. Auf Geschäftsreisen vor Ort und mit einem interessierten Guide habe ich an mir selbst erlebt, dass Piktogramme sich höchst wahrscheinlich sehr gut zum spielenden Erlernen durch Vierjährige eignen.

    Nach meinen Lateinstudien am grauen Pennal litt ich an allgemeiner Sprachallergie und lobte mir, nie mehr eine neue Sprache dazuzulernen. Es kamen dann doch noch drei dazu, in denen ich erfolgreich Geschäfte abgeschlossen habe. Das aber keinesfalls wegen des frühen Lateinunterrichts, sondern trotzdem.

    Herr Gardini klingt wie meine Lateinlehrer, meist Modell 1890-1910, von denen einer sogar Latein wie modernes Italienisch aussprach, ebenfalls um uns die Schönheit der Sprache vorzuführen, eher eine Variante des Börsen-Terminus "dead cat bouncing". Denn sogar der Vatikan hat mit seinen Sendungen auf Latein aufgehört, bis auf einmal die Woche, wahrscheinlich für Spaßvögel, die sich an Asterix auf Latein verlustigen.

    In meinen Ohren oft gehörter, reiner Kokolores ist:
    "Lässt man Latein weg, können zukünftige Lehrer nicht mehr ordentlich unterrichten, weil ihnen selbst die Grundlagen fehlen. Oder man muss alle lateinischen Begriffe der Grammatik und der Wissenschaft sorgfälltig ins Deutsche übersetzen und allen dies zur Verfügung stellen."
    Übrigens, die Etymologie ist nicht von "fallen", sondern vom "falten" (z.B. einfältig = schlicht), weshalb man es mit einem "l" schreibt. Und dieser Lapsus trotz profunder Lateinkenntnisse...
    Forts. Teil 2
  4. von Uwe R.
    Interessant ist, dass Herr Gardini hier das Humboldtsche Bildungsideal verteidigt, während Frau Stern eine eher funktionalistische Sicht von Bildung vertritt.

    Gardini führt ein gutes Argument ein, wenn er sagt, dass wer Latein lernt, dies vor allem deshalb tun solle, weil Latein die Sprache einer ganzen Zivilisation sei, weil Europa in der lateinischen Sprache Gestalt angenommen habe.

    "Latein ist die Sprache des Rechts, der Architektur und der Ingenieurskunst, des Militärs, der Wissenschaften, der Philosophie, der Religion und [...] die Sprache einer blühenden Literatur, die über Jahrhunderte hinweg der gesamten Literatur des Abendlandes als Vorbild diente." [aus Latein lebt].

    Wer in Deutschland Latein lernen darf, ist in der Regel priviligiert; anderen dient es einfach dazu, sowohl die deutschen Sprache als auch das wissenschaftliche Deutsch besser zu verstehen, was sie dann auch beruflich voranbringen mag.

    Natürlich kann man in universitären Kursen Latein fürs Studium lernen, und zwar in der Form des Bulimielernens, von dem dann nach bestandener Prüfung nichts mehr im Gedächtnis bleibt.

    Im Sinne einer ganzheitlichen Bildung, zu der auch die Kultur- und Wissenschaftsgeschichte gehört, wird man nicht umhin können, jedes Schulfach sorgsam darauf zu prüfen, ob man nicht hier und da etwas Stoffwissen weglassen kann, damit die Schüler nicht insgesamt von Stoffwissen erschlagen werden und auch nicht auf Fächer verzichten müssen.

    Im Sinne des genetischen Lernens darf man nicht die Wurzeln der Fächer abschneiden, weil sonst nicht gelernt und verstanden sondern auswendig gelernt und nicht verstanden wird.

    Lässt man Latein weg, können zukünftige Lehrer nicht mehr ordentlich unterrichten, weil ihnen selbst die Grundlagen fehlen. Oder man muss alle lateinischen Begriffe der Grammatik und der Wissenschaft sorgfälltig ins Deutsche übersetzen und allen dies zur Verfügung stellen. Das sollten dann konsequenterweise die Lateingegner leisten.